22.09.2020

Buch zum Lockdown

«Berset plauderte so manchmal aus dem Nähkästchen»

14 Journalistinnen und Journalisten von Tamedia veröffentlichen eine Chronik zur Coronakrise in der Schweiz. Thomas Knellwolf, Co-Leiter vom Recherchedesk, spricht über «unzählige Monate intensiver Arbeit» und überraschende Aussagen von Schlüsselpersonen.
Buch zum Lockdown: «Berset plauderte so manchmal aus dem Nähkästchen»
«Wir wollen erklären, wie die Entscheidungen gefallen sind, die unser Leben auf den Kopf gestellt haben»: Thomas Knellwolf ist Co-Leiter des Tamedia-Recherchedesks. (Bild: Tamedia)
von Michèle Widmer

Herr Knellwolf, in den letzten Monaten haben die Medien täglich und ausführlich über die Coronakrise berichtet. Warum braucht es dieses neue Buch?
Medienberichte sind extrem kurzlebig. Aber mit einem Buch können wir weit darüber hinausgehen, was Tagesjournalismus leisten kann. Diese Zeit war und ist für uns alle so prägend, dass wir sie in einer Chronik festhalten wollen – aus ganz verschiedenen Perspektiven. Und wir wollen erklären, wie die Entscheidungen gefallen sind, die unser Leben auf den Kopf gestellt haben und stellen. Welches Leid das Virus auch in der Schweiz ausgelöst hat. Und wie eine grössere Katastrophe verhindert werden konnte.

Zu welchem Zeitpunkt und wie ist die Idee dafür entstanden?
Schon vor dem Lockdown. Die Situation war so ungewohnt. Dann war plötzlich alles anders. Auf einem unwegsamen Spaziergang durch den Wald fand ich, wir müssen über unsere journalistische Tagesarbeit hinaus reagieren. Ich rief ein paar Kolleginnen und Kollegen an. Sie waren der gleichen Ansicht.

Schliesslich haben 14 Autorinnen und Autoren verteilt in der ganzen Schweiz am Buch gearbeitet. Wie haben Sie sich die Aufgaben aufgeteilt?
Wir haben exponierte Personen durch die Krise begleitet. Einige von uns haben eine oder gar mehrere von ihnen regelmässig interviewt, so etwa Gesundheitsminister Alain Berset, den Epidemiologen Marcel Salathé oder die Tessiner Intensivpflegechefin Maria Pia Pollizzi, die den ersten Schweizer Covid-19-Patienten behandelte. Hinzu kam auch eine freiburgisch-zürcherische Familie, die vom Virus besonders hart getroffen wurde. Andere von uns haben herauszufinden versucht, was hinter den Kulissen in Bern passierte.

Was waren die grössten Herausforderungen? Der Koordinationsaufwand war sicherlich gross.
Beim Recherchedesk der Tamedia stemmen wir immer wieder, auch in internationaler Zusammenarbeit, grössere Kisten. Das Projekt C, wie wir es nannten, ist trotzdem unser bislang grösstes. Wir wollten nicht einfach Einzelgeschichten von Akteurinnen und Akteuren aneinanderreihen, sondern eine breit recherchierte Chronik der ersten Monate Coronakrise in der Schweiz liefern. Dabei wollten wir unbedingt auch unserem investigativen Anspruch gerecht werden.

«Wir haben versucht, unsere Schlüsselpersonen möglichst alle paar Tage zu interviewen, um ihren hektischen Alltag zu dokumentieren»

Wie viel Zeit haben Sie alle in das Projekt C investiert?
Das lässt sich kaum beziffern, aber es waren insgesamt unzählige Monate intensiver Arbeit. Erstmals waren alle elf Mitglieder des Recherchedesks in ein einzelnes Projekt eingebunden. Zudem konnten wir auf Fabian Muhieddine, den stellvertretenden Chefredaktor bei Tamedia in der Westschweiz, zählen sowie vom Tages-Anzeiger auf Susanne Anderegg und Yann Cherix, die in Zürich und im Tessin nahe dran waren. Was wir berechnen konnten: Wir haben über 200 Stunden Interviews geführt.

Als Autor auf dem Cover ist der Recherchedesk Tamedia angegeben. Konnten die Journalistinnen und Journalisten das Buch während der Arbeit schreiben oder in der Freizeit?
Grösstenteils in der Freizeit. Die Arbeit auf der Redaktion ging daneben weiter. Sie war sogar sehr intensiv, denn wir deckten in der Zeit auch den Skandal in der Zürcher Herzchirurgie auf und zuletzt kam noch der Bundesanwalt nach unseren Recherchen zu Fall. Als auf der Redaktion Kurzarbeit eingeführt wurde, hatten wir mehr Zeit für unser privates Buchprojekt. «Recherchedesk Tamedia» steht auf dem Cover, weil 14 Namen kaum Platz gehabt hätten. Zudem hätte es den völlig falschen Eindruck erweckt, dass wir in einem Sammelband 14 Texte nachdrucken, die bereits in der Zeitung erschienen sind.

Das Buch zeichnet die Coronakrise mit Geschichten von verschiedenen Schlüsselpersonen in zeitlichem Ablauf nach. Wieviel haben Sie retroperspektivisch geschrieben, wie viel quasi live?
Zu einzelnen Akteurinnen und Akteuren bestand bereits vor dem Lockdown Kontakt. Die meisten kamen kurze Zeit später dazu. Wir haben versucht, unsere Schlüsselpersonen möglichst alle paar Tage zu interviewen, um ihren hektischen Alltag zu dokumentieren. Ein Teil dieser Personen hat für uns Tagebuch geführt, das wir verarbeiten konnten. Vieles ist quasi live, der kleinere Teil – zum Beispiel die Rekonstruktion, wie das Virus in die Schweiz kam – retrospektivisch.

Nach welchen Kriterien haben Sie entschieden, wen Sie in dieser Zeit begleiten?
Wir haben den Schwerpunkt auf die Bereiche Politik, Wissenschaft und Medizin gelegt. In diesen Bereichen wollten wir möglichst repräsentative Akteure aus allen Landesteilen gewinnen, die stark in die Krisenbewältigung eingebunden sind oder aber persönlich von Covid-19 betroffen sind. Wir wussten bei der Auswahl nicht, wo etwas passiert. Deshalb finden sich nun auch ziemlich entwaffnende Schilderungen eines Spitalsoldaten im Buch, der im Luzerner Kantonsspital einen surealen Coronaeinsatz mit aufgeblasener Militär-PR und praktisch ohne Ernstfälle erlebte. Die wirtschaftlichen Auswirkungen der Krise haben wir nur am Rande behandelt, obwohl diese uns sicher noch am längsten beschäftigen werden. Aber eine tiefergehende Auseinandersetzung hätte den Rahmen des Buches gesprengt.

«Wir mussten zum Teil garantieren, dass nicht alles am nächsten Tag in der Zeitung steht»

Einer der Protagonisten im Buch ist Gesundheitsminister Alain Berset. Hat Ihnen die Kommunikationsabteilung Regeln für den Umgang mit Informationen aus Gesprächen auferlegt?
Wir wollten bei allen Schlüsselpersonen erreichen, dass sie ungeschminkt erzählen. Dafür mussten wir zum Teil garantieren, dass nicht alles am nächsten Tag in der Zeitung steht. Wir haben es bei Berset so gehandhabt, dass vorerst nur der Journalist, der mit ihm in Kontakt stand, über die Informationen aus den Gesprächen verfügte. Berset plauderte so manchmal aus dem Nähkästchen. Das hat nun den Vorteil, dass im Buch viele Sachen neu und vielleicht auch überraschend sind – obwohl Akteure wie Berset medial in den vergangenen Monaten omnipräsent waren.

Ins Buch fliessen Protokolle aus über 50 Krisensitzungen in Bundesbern ein. Wie aufwendig war es, an diese Dokumente zu gelangen?
Dank des Öffentlichkeitgesetzes müsste dies eigentlich einfach sein. In der Praxis ist allerdings oft grosse Hartnäckigkeit gefragt, bis man die Dokumente hat. Das war auch für das Buch der Fall. Doch zum Glück agieren viele Ämter mittlerweile sehr professionell. Manchmal fragen wir uns, weshalb sie trotzdem viel Aufwand betreiben, um Mitarbeiternamen oder ganze Stellen zu schwärzen.

«Hoffen wir, dass wir kein zweites Buch schreiben müssen»

Nach einem halben Jahr Coronakrise in der Schweiz ziehen Sie im Buch im Sommer ein Fazit. Hatten Sie keine Angst, im September ein veraltetes Buch herauszubringen? Die Pandemie ist ja noch nicht vorbei.
Wir haben das Buch im August abgeschlossen. Seither ist nichts aufgetaucht, von dem ich finde, dass es unbedingt noch mit rein hätte müssen. Wir können ein Fazit ziehen über die erste Welle in der Schweiz. Hoffen wir, dass wir kein zweites Buch schreiben müssen.

Das Buch erscheint auch auf Französisch. Warum nicht auf auch Italienisch? Im Tessin als stark betroffener Kanton dürfte der Inhalt viele interessieren.
Unser Recherchedesk arbeitet zweisprachig, Französisch und Deutsch. Wir haben uns darauf konzentriert, je eine Fassung in diesen beiden Sprachen zu verfassen, wobei es regionale Anpassungen gibt. Dank zwei Topherausgebern, Éditions Slatkine und dem Wörterseh Verlag, können wir nun die Leserinnen und Leser vom Referenzlabor in Genf über einen See bei Engelberg in die viel zu engen Sitzungszimmer des Bundesamts für Gesundheit in Bern-Liebefeld führen. Und von dort geht es nach Chiasso ins Mansardenzimmer des erkrankten Gemeindepräsidenten. Das Tessin kommt breit vor. Aber eine Übersetzung auf Italienisch war in der kurzen Zeit nicht auch noch möglich.

Sie haben zahlreiche interne Dokumente gelesen und viele Gespräche geführt. Welches war für Sie der grösste Fehlentscheid der Regierung im letzten halben Jahr, welches der beste?
Gut war sicher, dass der Bundesrat trotz grossem Druck, vor allem aus der Westschweiz und dem Tessin, einen totalen Lockdown verhinderte. Sonst wären auch in der Schweiz Millionen Frauen, Männer und Kinder wochenlang faktisch im Hausarrest gewesen. Das hätte kaum etwas gebracht und viel geschadet. Sinnvoll war das frühe Verbot von Grossveranstaltungen. Da war die Schweiz europaweit führend. Bei der Verhängung des Lockdowns hatte sie dann etwas Rückstand auf vergleichbare Länder wie Österreich. Das hat leider Menschenleben gekostet. Im Buch können wir aufzeigen, weshalb dem so war.


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«Lockdown: Wie Corona die Schweiz zum Stillstand brachte – Schicksale, Heldinnen und ein Bundesrat im Krisenmodus» vom Recherchedesk Tamedia erschienen im Wörterseh Verlag.

Die Vernissage findet am 22. September 2020 im Kaufleuten in Zürich statt. Einlass: 19 Uhr.

Thomas Knellwolf hat die Fragen schriftlich beantwortet.



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