07.02.2019

Communication Summit 2019

Business-Modelle von Start-ups auf dem Prüfstand

«Republik», nau.ch, higgs.ch und «Inside Paradeplatz» haben ihre Geschäftsmodelle an der ETH Zürich diskutiert. Der Anlass zeigte: Auch die journalistischen Newcomer kämpfen ums Geld.
Communication Summit 2019: Business-Modelle von Start-ups auf dem Prüfstand
Äusserten sich zu Finanzierungsmodellen im Journalismus (v.l.): Yves Kilchenmann von nau.ch, Lukas Hässig von «Inside Paradeplatz», Clara Vuillemin von der «Republik», Beat Glogger von higgs.ch und Medienprofessor Otfried Jarren. (Bilder: zVg.)

Über 200 Gäste aus der Medien- und PR-Branche haben am Mittwoch den Weg an den Communication Summit an der ETH Zürich gefunden. Dieses Jahr standen Newcomer der Medienbranche wie die «Republik» oder «Higgs» und deren Business-Modelle im Fokus, wie die Organisatoren in einer Mitteilung schreiben.

«Kein Preis-Leistungs-Verständnis für Journalismus»

Die einleitende Keynote lieferte der emeritierte Medienprofessor Otfried Jarren. Präzise zeichnete er den Wandel der Branche vom Angebots- zum Nachfragemarkt nach. Die gedruckte Zeitung war laut Jarren ein gebündeltes Angebot, heute hingegen picken sich die Menschen da und dort etwas heraus.

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Das Paywall-Modell funktioniere nicht, sagte er, denn: Wer kaufe schon eine Katze im Sack? «Wir haben kein Qualitäts- oder Preis-Leistungs-Verständnis für Journalismus», kritisierte Jarren weiter. Dabei unterstrich er die institutionelle Leistung von Journalismus in einer Gesellschaft: Austausch, Einbezug, Vermittlung und Kritik.

Werbefreie und werbefinanzierte Onlinemedien

Danach eröffnete SRF-Moderator Reto Lipp das Podium. Yves Kilchenmann, CEO von nau.ch, vertrat bestimmt die Meinung, dass gerade digitale Werbung noch gut funktioniere. Das Unternehmen bietet schon länger Werbeflächen auf Out-of-home-Screens in Bussen, Trams und an Tankstellen an. Die Konkurrenz von Google und Facebook schienen ihm keine Bauchschmerzen zu bereiten. «Wir müssen agil genug bleiben, um neue Werbeformate einzusetzen», sagte er. Früher durchbrachen sie die Werbung mit News von lokalen Medienpartnern, seit rund einem Jahr bauen sie selbst mit nau.ch einen eigenen Newsroom auf.

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Clara Vuillemin, Gründerin und Leiterin der IT bei der «Republik», vertrat jenes Unterfangen, das in den letzten zwei Jahren für viel Gesprächsstoff gesorgt hat. Nach dem Crowdfunding-Erfolg warb das Online-Magazin kürzlich um die Erneuerungen der Abonnements. 61 Prozent gaben nochmals 240 Franken aus. Dennoch reicht es nicht: Die «Republik» braucht eine Grossinvestition von einer Million Franken, um zu überleben. Vuillemin musste sich immer wieder Kritik anhören, verteidigte sich aber: «Wir sind sowohl auf der Einnahme- als auch der Ausgabenseite schnell gewachsen. Die optimale Linie dazwischen zu treffen, ist schwierig.»

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Der frischgebackene Journalist des Jahres, Lukas Hässig von «Inside Paradeplatz», war gemäss Mitteilung angriffig unterwegs. Sein Portal finanziert er durch Werbung – zeigte aber Bewusstsein für die Gratwanderung. Für ihn ist klar: Man beisst zuletzt in jene Hand, die einen füttert. Mit seinem Wirtschaftsjournalismus schafft er bis zu 80'000 Seitenaufrufe täglich. Einen Ausbau des Portals lehnt Hässig ab: «Ich bin ein miserabler Chef.»

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Beat Glogger von higgs.ch vertrat das dritte Business-Modell. «Wir sind ein System», erklärte der ehemalige SRF-Journalist. «Higgs» verteilt seine Inhalte gratis an regionale und nationale Titel wie den «Zürcher Oberländer» oder den «Blick». Exklusive Inhalte verkaufen sie beispielsweise nau.ch oder auch Apotheken.

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Der Mammutanteil stemmt jedoch die Gebert-Rüf-Stiftung – wenigstens noch bis Ende 2019. Danach soll die neu gegründete Stiftung «Wissen für alle» übernehmen. Glogger gibt zu: «Ich habe unterschätzt, wie schwierig das Fundraising ist. Es braucht Zeit, das Vertrauen in unser Team aufzubauen.» Zu seinem Unternehmen gehört aber auch eine Kommunikationsagentur, die den Journalismus ebenfalls mitfinanziert.

Das Podium zeigte vor allem: So zuversichtlich die Start-ups einen stimmen mögen, auch sie kämpfen ums Überleben. Bis auf «Inside Paradeplatz» müssen sich alle noch am Markt behaupten und die Menschen von sich überzeugen: Seien dies Geldgeber, Werbekunden oder die Leserinnen und Leser.

Der Anlass wurde gemeinsam vom Zürcher Presseverein (ZPV) und der Zürcher PR-Gesellschaft (ZPRG) organisiert. (pd/as)



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Kommentare

  • Dieter Widmer, 08.02.2019 05:39 Uhr
    Ich verstehe die "Republik"-Redaktion nun wirklich nicht. Entweder können sie dort nicht rechnen oder dann sind sie derart überheblich, dass sie meinten, ihnen würden gebratene Hühner in den Mund fliegen. Wie man dazu kommt, den Stellenetat derart aufzustocken, bevor das erste Jahr abgelaufen war, ist mir ein Rätsel. Meine Prognose: Entweder gibt es die "Repblik" in drei Jahren nicht mehr oder dann nur noch in erheblich abgespeckter Form- Schade, die Verantwortlichen haben es vermasselt, einen nachhaltigen Aufbau der Redaktion zu planen.

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