02.10.2022

The Killing of a Journalist

«Die Dreharbeiten waren emotional erschöpfend»

Vor wenigen Tagen hat das ZFF den Dokumentarfilm zu dem 2018 ermordeten Ringier-Journalisten Ján Kuciak und seiner Verlobten gezeigt. Persoenlich.com hat den Regisseur Matt Sarnecki in Zürich getroffen. Im Gespräch erzählt er, wie er zu dem Filmprojekt kam und warum er es beinahe an den Nagel gehängt hätte.
The Killing of a Journalist: «Die Dreharbeiten waren emotional erschöpfend»
«Das waren 70 Terabyte an Dateien, Bildern, Videos und Chatverläufen», sagt Regisseur Matt Sarnecki zu den Ermittlungsakten. (Bild: Joshua Sammer/ZFF)
von Maya Janik

Am 21. Februar 2018 wurden der slowakische Investigativjournalist Ján Kuciak und seine Verlobte Martina Kušnírová in deren Haus in der Ortschaft Veľká Mača nahe von Bratislava ermordet. Der damals 27-Jährige war Redaktor beim Newsportal aktuality.sk, das zu Ringier Slovakia gehört. Er schrieb über korrupte Verbindungen zwischen Politik und Wirtschaft, darunter über die zwielichtigen Geschäfte des Unternehmers Marián Kočner.

Die Ermittlungen gegen den als Auftraggeber des Mordes angeklagten Marián Kočner enthüllten ein seit Jahrzehnten bestehendes Korruptionsnetz von hochrangigen Politikern, kriminellen Geschäftsmännern und organisierter Kriminalität. Die Massendemonstrationen nach dem Mord führten zum Rücktritt des damaligen Ministerpräsidenten Robert Fico sowie des Innenministers und des Polizeichefs.

2020 wurde der Mörder zu 25 Jahren verurteilt. Kočner hingegen wurde aus Mangel an Beweisen freigesprochen. Im Juni 2021 gab das Oberste Gericht der Slowakei einem Einspruch der Anklage statt und hob den Freispruch auf. Inzwischen wurde Marián Kočner wegen Finanzbetrug zu 19 Jahren verurteilt. Der Prozess um den Journalistenmord wurde im Februar dieses Jahres neu aufgerollt.

Herr Sarnecki*, erinnern Sie sich an den Tag, als Ján Kuciak und seine Verlobte Martina Kušnírová ermordet wurden?
Ich war damals in Bukarest in Rumänien, wo ich bis heute für das Journalistennetzwerk Organized Crime and Corruption Reporting Project (OCCRP) arbeite. Als ich die Meldung in den Nachrichten gesehen habe, kam mir sofort der belarussische Journalist Pavel Scheremet in den Sinn, der 2016 ermordet wurde. Ich kannte Ján und Martina nicht persönlich, aber die Nachricht hat mich erschüttert. Dass so etwas innerhalb der Europäischen Union passiert, schockiert zusätzlich.

Ein paar Tage später reisten Sie in die Slowakei nach Veľká Mača, wo die Leichen von Ján Kuciak und seiner Verlobten gefunden wurden.
Einige Journalistenkollegen aus der Slowakei haben mich gefragt, ob ich vor Ort bei der Aufklärung des Falls mithelfen könnte, weil ich Erfahrung mit forensischer Analyse habe. Für meinen Dokumentarfilm zu Pavel Scheremet von 2017 habe ich Aufnahmen von Überwachungskameras analysiert, um potenzielle Verdächtige zu identifizieren und Fehler bei Untersuchungen der Behörden auszumachen.

Stand für Sie schon damals fest, dass Sie die Geschichte verfilmen wollen?
Die Polizei wollte uns keinen Zugang zum Videomaterial aus den Überwachungskameras geben. Eine Geschichte daraus zu machen, war also kein Thema. Vor Ort habe ich mit den Nachbarn von Ján und Martina gesprochen und versucht zu verstehen, was passiert sein könnte. In den nächsten eineinhalb Jahren habe ich mich mit dem Fall nicht mehr beschäftigt, weil sich bei den Ermittlungen kaum etwas bewegt hat. Doch dann passierte etwas.

Einer ehemaligen Kollegin von Ján Kuciak, der Journalistin Pavla Holcová, wurden die Polizeiakten zum Mordfall zugespielt.
Genau. Pavla zeigte mir die Akten. Das waren 70 Terabyte an Dateien, Bildern und Videos auf Festplatten und USB-Sticks, Chatverläufen aus Handys, die zeigen, wie Oligarchen, Politiker, Polizisten und Richter einen völlig korrupten Staat regierten, und ein 25'000-seitiger Bericht zum Mordfall. Als ich begann, die Unterlagen durchzusehen, wurde mir klar: Daraus kann man einen Film machen. Die Dateien schrien förmlich danach, als Filmmaterial verwendet zu werden.

«Es gab einen Moment, wo ich fast den Glauben an das Projekt verloren habe»

Wie sind Sie bei den Dreharbeiten vorgegangen?
Zunächst haben wir ein halbes Jahr lang die 70 Terabyte aus den Ermittlungsakten geordnet und zu dem Fall gründlich recherchiert. Ich habe mir alle Medienberichte und Pressekonferenzen zu dem Thema angesehen, um mich bestmöglich auf den Dreh und die Interviews mit den Anwälten oder dem Kriminalbeamten vorzubereiten. Für die Dreharbeiten selbst haben wir 24 Tage im Sommer 2020 gebraucht. Den ganzen Film zu montieren hat wegen der Datenmenge aber ganze acht Monate in Anspruch genommen.

Gab es während der Dreharbeiten einen Moment, wo Sie an der Datenmenge verzweifelt sind?
Die Datenmenge war in der Tat eine grosse Herausforderung. Nach etwa zwei Monaten gab es einen Moment, an dem ich fast den Glauben an das Projekt verloren habe. Wir sassen im Editierraum, als wir realisierten, dass wir praktisch nicht weitergekommen sind, nachdem wir zwei Monate lang versucht hatten, diese Unmenge an Videos von Pressekonferenzen und Strassenprotesten zu schneiden. Wir entschieden uns schliesslich, diesen Teil der Arbeit auf die Seite zu legen und mit einem anderen weiterzumachen. Das hat geholfen.

Die Geschichte wird im Film von verschiedenen Personen erzählt. Warum nicht von einer begleitenden Erzählstimme?
Es war eine natürliche Entscheidung. Die Geschichte ist sehr komplex und hat viele Facetten, die besser aus der Perspektive einzelner Personen wiedergegeben werden konnten. Ausserdem haben wir mit den Dreharbeiten erst begonnen, als der erste Prozess gestartet ist, also eineinhalb Jahre nach dem Mord. Einige Beweise konnten wir auch nur anhand von Interviews präsentieren, weil wir kein Bildmaterial davon hatten. Zum Beispiel durften wir während der Gerichtsverhandlungen nicht filmen.

Am Film nimmt auch der Verteidiger von Marián Kočner teil. Wie ist es Ihnen gelungen, ihn vor die Kamera zu bringen?
Ich weiss es nicht. Ehrlich gesagt, hat es mich selbst überrascht, dass er zugesagt hat. Ich habe ihm erklärt, dass die Anwälte der Angehörigen der beiden Ermordeten mitmachen würden und es gut wäre, wenn auch er vor der Kamera seinen Klienten verteidigen würde, um einen Ausgleich zu schaffen. Ich habe ihm ehrlich und offen gesagt, dass das meinen Film besser machen würde. Das scheint ihn überzeugt zu haben.

Haben Sie versucht, auch mit Marián Kočner zu sprechen?
Ja. Sein Anwalt wollte, dass wir ihn treffen und ihn im Gefängnis interviewen. Letztlich ist es am Obersten Gerichtshof gescheitert wegen laufender Ermittlungen. Marián Kočner war damals wegen Finanzbetrug angeklagt, für den er später auch verurteilt wurde. 

«Wir wollten Ján und Martina für das Publikum greifbar machen»

Sie haben im Film zwei Szenen mit Ján Kuciak und Martina Kušnírová mehrfach verwendet. Eine davon zeigt die beiden, wie sie mit einem Einkaufswagen voller Lebensmittel zu ihrem Auto auf dem Parkplatz zurückkehren. Was bezweckten Sie mit der Wiederholung?
Wir hatten wenig Videomaterial aus dem Leben von Ján und Martina. Das Video wurde kurz vor deren Ermordung aufgenommen und auf einem USB-Stick im Safe des Auftraggebers des Mordes gefunden. Was die Szene so tragisch macht, ist, dass sie Ján und Martina in einem so banalen und unschuldigen Moment zeigt.

Mit jeder Wiederholung wirkt die Szene trauriger.
Wir wollten mit der Wiederholung die Tragik der ganzen Geschichte unterstreichen und Ján und Martina für das Publikum greifbar machen. Dasselbe hofften wir mit den Interviews mit Jans Eltern und Martinas Mutter zu erreichen. Dass die beiden Familien so bescheiden sind und so liebevoll über ihre Kinder sprechen, sagt viel darüber aus, was für Menschen Ján und Martina gewesen sind. 

«The Killing of a Journalist» ist ihr zweiter Dokumentarfilm über einen getöteten Journalisten. Arbeiten Sie schon an dem nächsten Film zu demselben Thema?
Ich werde nie wieder einen Film zu dem Thema machen. Die Dreharbeiten zu beiden Filmen waren emotional erschöpfend. Ich will nicht sagen, dass es Zufall war, dass ich die Filme gemacht habe, aber es hat sich irgendwie so ergeben. In beiden Fällen haben mich Kollegen gefragt, ob ich nicht helfen könnte. Ich hoffe, dass mich in Zukunft niemand mehr um Hilfe bittet, wenn irgendwo ein Journalist getötet wird.


*Matt Sarnecki ist Journalist und Senior Producer bei dem internationalen Journalistennetzwerk «Organized Crime and Corruption Reporting Project» (OCCRP). Sein Dokumentarfilm «Killing Pavel» über den Mord an dem investigativen Journalisten Pavel Scheremet wurde 2017 mit dem «Investigative Reporters and Editors Medal» und 2018 dem «DIG Award» (Italien) ausgezeichnet. Er hat einen Bachelor in Politikwissenschaft von der Columbia University und einen Master in Journalismus von der University of California, Berkeley.

 



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