25.03.2013

Spiegel Online

Erfolgreiche Frauen: Sibylle Berg

Ist es bereits sexistisch, Madonna als "Pop-Oma" zu bezeichnen? "Ja", findet Sibylle Berg. Seit 2012 ist die im ostdeutschen Weimar aufgewachsene Autorin Schweizer Staatsbürgerin. Sie schrieb 13 Romane, 12 Theaterstücke und - gemäss eigener Schätzung - 7'000'000 Essays. Zurzeit versucht sie sich zum ersten mal als Regisseurin am Schauspiel Stuttgart. Im 25. Teil unserer Serie spricht die selbsternannte "Fachfrau für Frauenrechte" über ihre wöchentliche Kolumne auf Spiegel Online, Verrichtungsboxen und über die Schuld der Männer an der Krise der Printmedien. Das Interview:
Spiegel Online: Erfolgreiche Frauen: Sibylle Berg

Frau Berg, zu Beginn eine grosse Frage: Ist die Geschichte der Menschheit eine Verfallsgeschichte oder ist und war das Leben einfach gleichbleibend immer schlecht und wird auch so bleiben?
Der Verfall ergibt sich körperbedingt leider automatisch. Die kurze Zeit vor unserem Ende hat Höhepunkte und Tiefen, Glücksmomente und Trauer, um es kurz zu machen: Gleichbleibend ist es sicher nicht.

Dieses Interview mit Ihnen fungiert unter der Rubrik "Erfolgreiche Frauen in der Kommunikationsbranche". Wie wirkt dieser Titel auf Sie?
Das ist sehr lustig. Aber auch nicht falsch. Natürlich ist man als Autorin von Büchern und Theaterstücken, von Essays und Hörspielen auch irgendwie in der Kommunikationsbranche.

Sich selbst haben Sie in einer Spiegel-Kolumne schon als "Fachfrau für Frauenrechte" bezeichnet. Was Genau qualifiziert Sie für diese Position und sehen Sie sich auch als Feministin?
Jede Frau ist per Geburt für die Rolle als Frauenrechtlerin hervorragend geeignet. Und nicht Feministin zu sein, also nicht für die Menschenrechte von Frauen zu kämpfen, ist doch fast absurd, ist es nicht?

Sie haben den Ruf, in Ihren Texten allerlei negative Stimmung und ein misanthropisches Weltbild zu verbreiten. Was stimmt Sie zuversichtlich?
Welche Texte genau meinen Sie? Ich habe ungefähr 7 Millionen Essays, 13 Romane und 12 Theaterstücke geschrieben, die ich fast alle sehr lustig finde, also sofern man das Beobachten dessen, was sich in der Welt befindet, lustig findet.

Sie würden den Pessimismus zum Schreiben aufsetzen, haben Sie einmal gesagt. Ist die Pessimistin also nur eine Erzählfigur von Ihnen?
Ich schliesse für manche Texte den Optimismus  aus, nehme extreme Positionen ein , male schwarz und weiss, um Zustände zu verdeutlichen.

In Ihren Kolumnen entwerfen Sie von sich das Bild einer Frau, die am liebsten ihre Ruhe hat: "Der Wunsch nach Frieden endet meist mit dem Verlassen der Wohnung". Dementsprechend bleiben Sie wohl gerne zuhause. Woher haben Sie denn eigentlich Ihr "Weltwissen", das Sie in Ihren Kolumnen verbreiten?
Die Texte haben mit mir als Person nichts zu tun. Ich bin vollkommen uninteressant, also ganz sicher für mich. Ich weiss so viel oder sowenig wie jeder Mensch, der die Chance hatte, die Welt zu bereisen, und sich vielen unterschiedlichen unerfreulichen Situationen ausgesetzt sah. Ich habe mich in Kriegen aufgehalten, in extremen Lebensbedingungen, ich habe zwei verschiedene Gesellschaftssysteme erleben dürfen, und ich sehe genau hin. Bei allem, was mich umgibt.

In Ihren Spiegel-Kolumnen konfrontieren Sie den Leser immer mal wieder mit der Skepsis gegenüber dem Internet. Woher rührt diese?
Viele Medienmitarbeiter unterschätzen die Intelligenz ihrer Konsumenten.

Sie schreiben weiter, kaum einer kaufe mehr eine Zeitung, und formulieren hierzu eine eigensinnige Vermutung: "Könnte daran liegen, dass die Betrachtung der Welt durch die eine Hälfte der Menschheit, die männliche, die andere Hälfte, die weibliche, nicht mehr rasend interessiert.“ Verbreiten die Zeitungen im Grossen und Ganzen männliche Betrachtungen und ist dies tatsächlich ein Grund für deren Krise?
Das wäre mal eine These. Die Chefredakteure in Funk, Fernsehen und im Printmedien, die Aufsichtsräte und Inhaber von Konzernen sind zu 99 Prozent männlich und oft am Erhalt der eigene Position mehr interessiert als an dem , was ihre eigentliche Aufgabe wäre.

Sie haben sich in Ihren Kolumnen wiederholt für eine Frauenquote eingesetzt. Wieso?
Siehe vorherige Antwort. Es gibt Männer, Frauen und Intersexuelle, der Schritt vor dem erreichen der herrlichen Utopie, dass Geschlechter völlig privat sind und keinerlei politische Bedeutung haben, ist, dass die Macht in Wirtschaft , Unterhaltung und Politik, ja in allen Bereichen zu gleichen Teilen bei allen liegt, die die Welt bewohnen.

Sie prangern auch immer wieder den Sexismus der Männer an. Ist es tatsächlich schon verwerflich und sexistisch, von Madonna als "Pop-Oma" zu sprechen?
Ja.

Wo fängt Sexismus an und was lassen Sie noch als harmlosen Machismo durchgehen?
Sexismus beginnt da, wo man über den Körper Unbekannter redet, ungefragt urteilt, unerbetene Berührungen. Letzlich: Was Sexismus ist, entscheidet der, der sich davon betroffen fühlt.

Sie äusserten sich schon sehr desillusioniert, was den Einfluss von Literatur betrifft. Wie steht es denn um Ihre Kolumnen? Welche Funktion haben sie, welchen Einfluss können sie haben?
Texte können immer nur kleine Denkanstösse zur Bestimmung der eignen Position sein.

Gegenüber der FAZ sagten Sie, Sie würden für Spiegel Online schreiben, weil "die Publikation eine rechte Gewalt hat". Nutzen Sie die Kolumne als Machtinstrument?
Das war Spass.

In einer Kolumne für den Spiegel haben Sie sich dezidiert gegen die sogenannten Verrichtungsboxen gewendet und raten, Prostitution zu verbieten. Irritiert es Sie da besonders, wenn Frauen – wie das nach dieser Kolumne der Fall war – für Ihre Position überhaupt kein Verständnis haben?
Ja. Solange es normal ist, sich Menschen für die Erzeugung von Befriedigung zu kaufen, verstehe ich die Welt nicht.

Sie halten, wenn ich Ihre Texte recht lese, nicht viel von Gruppenzugehörigkeiten und sehen diese ohnehin als Schimären. Warum sind Sie eigentlich Schweizerin geworden?
Weil ich hier zu Hause bin, weil in der Schweiz meine Menschen wohnen.

Wo fühlen Sie sich in der Schweiz, mal abgesehen von Ihrer Wohnung, besonders wohl?
Ich fühle mich überall in der Schweiz sehr daheim. Unwohl ist mir, wenn ich Überbauungen sehe, die Landschaften zerstören, Autobahnen die Ufer zerschneiden, brutale Betonzupflasterung und der gedankenlos gierige Umgang mit dem verschwindenden Land.

Momentan weilen Sie in Stuttgart und geben am dortigen Schauspiel Ihr Regiedebüt an der Seite von Hasko Weber. Wie gefällt Ihnen die Rolle als Regisseurin?
Überraschend gut, nachdem ich seit über zehn Jahren am Theater arbeite, ist jetzt die Zeit gekommen, es selber zu versuchen, und Hasko Weber gab uns die Chance, es direkt mit einem sehr grossen, komplizierten Stück zu tun.  Ich habe mit Heta Multanenen eine so perfekte Kooperationspartnerin gefunden, dass ich es kaum glauben kann. Wenn man fast blind die Gedanken des anderen erahnt und fortsetzt - das ist ein aussergewöhnliches Glück.

Das Stück heisst "Angst reist mit". Worum geht es?
Es ist in erster Linie als ein opernhaftes Musikstück gedacht. Sven Helbig hat die Musik komponiert, es hat einen grossen Opernchor. Im Stück geht es um den fröhlichen Untergang unserer Zivilisation. Mal schauen, wie viel davon am Ende zu sehen sein wird.

Interview per E-Mail: Benedict Neff, Bild: Keystone

 



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