29.06.2021

Schweiz im EM-Fieber

«Es geht schnell im Fussball»

Fredy Wettstein war viele Jahre lang Sportchef und Kolumnist beim Tages-Anzeiger. Wie hat er das historische Schweiz-Spiel erlebt? Und hat Trainer Vladimir Petković endlich die Herzen der Schweizer gewonnen?
Schweiz im EM-Fieber: «Es geht schnell im Fussball»
Fans feiern in der Nacht von Montag auf Dienstag in den Strassen der Stadt Zürich. So auch Fussball-Experte Fredy Wettstein. (Bilder: Keystone/Ennio Leanza; zVg)
von Matthias Ackeret

Herr Wettstein, historischer Sieg der Schweizer Fussballnationalmannschaft. Wo haben Sie das Spiel gesehen?
Im und vor dem Ristorante Totò im Zürcher Seefeld. Sitzend, stehend, bangend, zitternd, jubelnd, trinkend zwischendurch sprachlos.

Gingen Sie danach auch auf die Strasse?
Auf die Lindenstrasse. Zuletzt auch mit Pippo Pollina, dem Liedermacher aus Palermo, der schon lange im Seefeld wohnt. Er hatte eine sehr heisere Stimme und muss am Dienstag sein erstes Konzert geben. Und irgendwann auf meiner Vespa. Sie ist auch rot...

Hand auf's Herz: Haben Sie mit einem solchen Exploit gerechnet – oder anders gefragt: Haben Sie Wetten verloren?
Wir waren zu zehnt in einer Runde, haben vorher gewettet. Neun von zehn tippten auf Frankreich, ich auch.

Warum sind die Schweizer plötzlich so stark?
Sie spielten so wie sie immer sagten, sie würden und könnten spielen. Sehr selbstbewusst.

Nun hat Trainer Vladimir Petković damit endlich die Herzen der Schweizerinnen und Schweizer gewonnen?
Vor dem Spiel sagten auch solche im Totò: Es reicht mit ihm, sieben Jahre sind genug. Danach jubelten wir mit ihm, und er war der Lieblingsschweizer, neben Sommer, neben Xhaka, neben Seferovic, neben anderen. Es geht schnell im Fussball.

Wenn man zurückschaut: Gab es im Schweizer Fussball schon einmal ein solch «historisches» Ereignis?
Wir werden uns sicher immer sagen: Damals an diesem Montag, 28. Juni, als es hagelte und wir auf der Strasse im Regen tanzten. Weisst du noch?

Beim Spanien-Spiel vom Freitag werden die Schweizer plötzlich nicht mehr Aussenseiter sein. Ist dies ein Nachteil?
Sind sie nicht mehr Aussenseiter? Diese Rolle steht ihnen doch gut, die Franzosen dachten auch: «Uns kann nichts passieren».

Was trauen Sie den Schweizern noch zu?
Alles ist jetzt eine Zugabe.

Wenn Sie zurückschauen: Was war für Sie persönlich das aussergewöhnlichste Fussballspiel, das Sie selbst erlebt haben?
Da gibt es zu viele. Letzten Sonntag, beim Schüeli in Küsnacht, einer meiner Enkel stand im Final, ich fieberte mit, er spielte wunderbar, er hat blonde Haare, es sind echte. Vielleicht fiebre ich einmal, wenn er an einer EM mitspielt. So denken viele über ihre Enkel.

Und wer wird Europameister? Was machen die Schweizer?
Erstens: Ich sagte früher: Frankreich. Das kann ich jetzt nicht mehr, also: Italien. Zweitens: Ein Final Italien-Schweiz ist deshalb nicht möglich.

Fredy Wettstein betreibt den Blog wiederimauge.blogspot.com.



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