05.05.2022

SRF

Hinter den Kulissen vom «Echo der Zeit»

Ein Sendeplan im Minutentakt, schalldichte Türen und Multitasking am Mischpult. Wie entsteht die Flaggschiffsendung von Radio SRF? persoenlich.com hat sich neulich im Studio in Bern umgesehen und das Redaktionsteam einen ganzen Tag lang begleitet.
SRF: Hinter den Kulissen vom «Echo der Zeit»
On Air: Harald Kapp am Mischpult, Beat Soltermann am Mikrofon. (Bilder: Maya Janik)
von Maya Janik
Schwarztorstrasse 21, SRF-Radiostudio Bern, 1. Stock. Es ist kurz vor 18 Uhr. Der Audiotechniker Harald Kapp macht einen letzten Check im Regieraum des Tonstudios. Auf der anderen Seite der schalldichten Glaswand steht Beat Soltermann am Mikrofon. Ein letzter Schluck Wasser. In wenigen Sekunden geht es los. Die rote Lampe leuchtet auf. Aus den Lautsprechern ertönt die Intro-Musik. «Radio SRF, Echo der Zeit mit Beat Soltermann. Und das sind die Themen vom 26. April.»
 
Es ist das letzte «Echo», das Beat Soltermann moderiert. Immer wieder blickt er in den Regieraum. Hält er sich an die Zeit? Läuft alles nach Plan? Christina Scheidegger verfolgt auf dem Monitor den Sendeplan und liest den Moderationstext aufmerksam mit. Zweimal pro Woche moderiert sie selbst das «Echo». Heute ist sie Redaktorin und unterstützt das Team bei der Vorbereitung der Sendung. Der Produzent der heutigen Sendung Damian Rast verfolgt den Ablauf im Hintergrund mit.

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Gelassen und mit handwerklichem Geschick sorgt Harald Kapp dafür, dass die Sendung technisch pannenfrei über die Bühne geht. Eine Aufgabe, die schnelles Multitasking erfordert. Während die im Voraus eingespielten Beiträge laufen, spielt er das live aufgenommene Tonmaterial in der mehrfachen Geschwindigkeit ab, schneidet es, kürzt Pausen. Sätze mit Versprechern werden noch einmal eingesprochen. Die Livesendung läuft um 18 Uhr auf SRF 1. Die «saubere» Version wird auf SRF 2 eine Stunde später abgespielt und ist als Podcast verfügbar, erklärt der Techniker.

Das schnelle Tempo ist spürbar. Ob die Moderatoren jemals aufgeregt sind? «Immer», sagt Christina Scheidegger. «Besonders die letzten fünf Minuten vor der Sendung. Doch dann atme ich tief durch und bin ganz fokussiert.» «Ich liebe Livesendungen!», sagt sie mit der Begeisterung einer Newcomerin. Dabei moderiert sie Radiosendungen schon seit 15 Jahren.

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Jeden Tag erreicht das «Echo» knapp 400'000 Hörerinnen und Hörer. Hinzu kommen 65'000 Downloads pro Podcast auf Drittplattformen, die eigene Play SRF App und die Website nicht eingerechnet. «Zu Beginn des Ukraine-Krieges hatten wir über 100'000 Downloads auf Drittplattformen», erzählt Beat Soltermann, der die «Echo»-Redaktion seit fünf Jahren noch bis April geleitet hat. Der analoge «Echo»-Hörer ist im Durchschnitt älter als 60. Das digitale Publikum ist mehrheitlich jünger als 50 Jahre alt. Die erste Gruppe macht den Grossteil der Hörerschaft aus. Dennoch: Die Zahl der digitalen, also jüngeren Hörer wächst, bestätigt Beat Soltermann. «Das ‹Echo› hat das grösste Publikum von allen Podcasts auf SRF. In den letzten zwei bis drei Jahren ist es durch die Decke gegangen.»
 
Auf den Mix kommt es an
 
Bevor die Sendung live geht, vergehen mehrere Stunden an Vorbereitung. Bis 9 Uhr treffen die vier Teammitglieder, die für die heutige Ausgabe verantwortlich sind, im ersten Stock des Radiostudios ein. Sie lesen Zeitung, informieren sich, was in der Welt los ist. Um 10.15 Uhr ist Redaktionssitzung. Beat Soltermann, Christina Scheidegger und Damian Rast sind heute vor Ort. Roger Brändlin nimmt virtuell teil. «Wer hat in den Zeitungen heute was gesehen?», wirft der Produzent Damian Rast in die Runde, während er die Planungsliste verteilt. Von Inland über Wirtschaft bis hin zu Ausland – alle Kategorien sind gefüllt. Der BAG-Bericht zum Corona-Management, die Weko-Bilanz, der Exportstopp von Palmöl in Indonesien, Twitter – diese und andere Themen stehen heute auf dem Plan.
 
Die Themen kommen in unterschiedlicher Form daher: als Beitrag, als Analyse, als Expertengespräch und als Porträt. Verwandte Themen werden gebündelt. So zum Beispiel heute der Besuch von Uno-Generalsekretär António Guterres in Moskau und das Treffen der Nato-Verbündeten in der Militärbasis Ramstein. Es wird ein Dreiergespräch mit dem Auslandsredaktor und ehemaligen Russland-Korrespondenten David Nauer, dem diplomatischen Korrespondenten Fredy Gsteiger und Simone Fatzer, der Korrespondentin für Deutschland.
 

«Es kommt manchmal vor, dass sich der Sendeplan im Verlauf des Tages ein paar Mal ändert» – Damian Rast

Jedes «Echo» ist eine Mischung aus Nachrichten und Hintergrund. Es gehe darum, einerseits Themen vorauszuplanen und andererseits spontan auf das tagesaktuelle Geschehen zu reagieren, erklärt Damian Rast. Wichtig sei es, nicht zu starr am Plan festzuhalten und möglichst flexibel zu sein. Denn: «Man weiss nie, was der Tag bringt.»
 
Die Themen für die heutige Sendung stehen fest. Jetzt geht es zum Feedback zur gestrigen «Echo»-Ausgabe. Das Feedback gibt immer jenes Teammitglied, das an der Vorbereitung der Sendung vom Vortag nicht beteiligt war und deshalb unbefangen ist. Heute ist Christina Scheidegger dran. Zum Beitrag über die illegale Parteienfinanzierung im österreichischen Bundesland Vorarlberg sagt sie: Sehr oft gehe es bei der Berichterstattung zu Österreich um einen Korruptionsskandal. Ähnlich sei es mit Osteuropa, wo häufig der Streit mit der EU über Rechtstaatlichkeit im Fokus steht. Klar seien diese Themen sehr wichtig, doch sollte man vielleicht auch mal über andere Themen berichten, wenn es um diese Länder geht. Eine Frage die grundsätzlich diskutiert werden müsse, findet sie.
 
Treue Fans und aufmerksame Kritiker
 
Feedback bekommt das «Echo»-Team auch von den Hörerinnen und Hörern. Zehn bis zwanzig Mails pro Woche, erzählt Beat Soltermann. Darunter Nachrichten von treuen Fans, die ihre Freude darüber ausdrücken, dass es das «Echo» gibt. Aber auch kritische Mails sind dabei. Manche würden zum Beispiel kritisieren, dass über ein Thema nur aus einer Perspektive berichtet oder ein Aspekt vergessen wurde. Es gebe aber auch Themen, die immer stark polarisieren, sagt Beat Soltermann. Der Nahost-Konflikt sei so ein Beispiel. Aber auch Putin und Russland, die Covid-19-Pandemie oder Rechts- und Linksextremismus. «80 Prozent der Reklamationen fallen in diese Themen.»

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Wie das «Echo»-Team auf die Kritik reagiert? «Wir schreiben zurück oder suchen in gewissen Fällen auch das Gespräch. Einige gehen auch vor die Ombudsstelle – diese Fälle gewinnen wir, mit ganz wenigen Ausnahmen.» Sie versuchen zu vermitteln, wie die Berichterstattung zustande gekommen oder wie die Idee für ein Thema entstanden ist. Wie die Reaktionen ausfallen? «Die meisten zeigen im Gespräch dafür Verständnis und schätzen es, dass man auf sie zugeht», so Soltermann. «In der heutigen Medienwelt ist es extrem wichtig, dass man das Publikum ernst nimmt, und das wollen wir tun.»
 
Vor mehr als 76 Jahren ging das «Echo» erstmals auf Sendung. Bereits dreimal wurde es mit dem goldenen «Q» zur Qualitätsgewinnerin unter den Informationsmedien gekürt. Das Erfolgsrezept? «Wir folgen nicht dem schnellen Newsfluss, sondern zeigen die Hintergründe auf. Wir fragen nach dem Warum und versuchen, die komplexe Welt einzuordnen.»
 
Alt und doch neu
 
Obwohl es die Sendung schon so lange gibt, ist sie mit der Zeit gegangen – ein weiterer Erfolgsfaktor, wie Beat Soltermann findet. «Die Sendungen von vor zehn Jahren etwa tönen anders als die heutigen.» Anders ist heute zum Beispiel, dass das «Echo» neben der klassischen politischen Berichterstattung auch über Themen zu Wissenschaft, Technik und Zeitfragen berichtet. Auch mehr Frauen und mehr jüngere Menschen hat es unter den Gesprächspartnern. «Früher gab es den Vorwurf, das ‹Echo› sei elitär. Wir sind offener und experimenteller geworden. Heute sind wir viel näher am Publikum», sagt Beat Soltermann.
 
Eine grosse Rolle bei der Veränderung spiele der technologische Fortschritt: «Noch vor ein paar Jahrzehnten mussten die Korrespondenten ihre Aufnahmen per Flugzeug ins Studio schicken. Heute sind Liveschaltungen über das Handy aus einem Krisengebiet möglich und noch dazu ist die Tonqualität sehr gut.» Die technischen Möglichkeiten hätten es erlaubt, besser auf das aktuelle Geschehen zu reagieren. «Das macht die Sendung auch spannender.»

«Früher gab es den Vorwurf, das ‹Echo› sei elitär. Heute ist es viel näher am Publikum» – Beat Soltermann

 
Sondersendungen, Spezial-Podcasts, externe Anlässe. Das «Echo» geht mit dem Zeitgeist. Neuerdings versendet die Redaktion auch einen Newsletter. Wie es dazu kam? «Wir haben immer wieder Fragen vom Publikum erhalten. Viele wollten zum Beispiel wissen, nach welchen Kriterien wir Beiträge oder unsere Gesprächspartner auswählen. Solche Fragen beantworten wir im Newsletter. Neben Links zu interessanten Beiträgen, die man nachhören kann, lässt der Newsletter Hörerinnen und Hörer auch hinter die Kulissen blicken.» Die vielen Abonnentinnen und Abonnenten haben die Redaktion überrascht. «Das Interesse daran freut mich riesig, weil ich für den Newsletter lange gekämpft habe», sagt Beat Soltermann.
 
Flexibilität ist alles
 
«Es kommt manchmal vor, dass sich der Sendeplan im Verlauf des Tages ein paar Mal ändert», sagt Damian Rast, der das «Echo» seit 2019 produziert und aus seiner früheren Tätigkeit bei Radio SRF auch den Tagesablauf im Radio aus der Perspektive eines Moderators kennt.
 
Dass nicht immer alles nach Plan läuft, zeigt sich wenige Stunden später. Damian Rast sucht nach einem Experten oder einer Expertin für ein Interview zur Twitter-Übernahme durch Elon Musk. Er recherchiert, schreibt E-Mails, telefoniert, sucht nach Ideen mit dem Team. Später um 15 Uhr steht fest: Keiner der angefragten Experten ist verfügbar. Das Thema kommt nicht in der heutigen Sendung. Aus der Ruhe bringt ihn das nicht. Es gebe genug Themen, um die 45 Minuten Sendezeit zu füllen.
 
13.45 Uhr. In der redaktionsübergreifenden Sitzung mit Michael Bolliger, Bereichsleiter Regionalredaktionen in der Chefredaktion Audio, tauschen sich die Redaktorinnen und Redaktoren darüber aus, was sich bisher getan hat und wo sie mit den Themen stehen.
 
Um 14 Uhr geht es für Beat Soltermann zum ersten Mal in das Tonstudio. Auf dem Plan steht das Interview mit dem Journalisten Mathias Peer aus Bangkok zum Exportstopp von Palmöl, den Indonesien vor wenigen Tagen verhängt hatte. Der Audiotechniker Walo Müller stellt die telefonische Verbindung her. «Wir haben dafür etwa fünf Minuten, ich stelle Ihnen viereinhalb Fragen», nimmt Beat Soltermann in dem Einführungsgespräch vorweg. «Auf die halbe Frage bin ich gespannt», lacht Mathias Peer.
 
Die Qualität der Aufnahme ist nicht ideal. Es krächzt und unterbricht. Walo Müller nimmt es gelassen: «Unsere Interviewpartner nehmen das Gespräch auch selbst auf und schicken uns die Aufnahme.» Niemand scheint sich in diesem Radiostudio durch irgendetwas aus der Ruhe bringen zu lassen.

 

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15 Uhr. Zurück im kleinen Aufnahmestudio. Das nächste Interview steht auf dem Plan. Diesmal auf Englisch mit dem schwedischen Ökonomen Torbjörn Becker zum Wiederaufbau der Ukraine. Christina Scheidegger sitzt neben dem Techniker und macht sich Notizen. Nach dem Gespräch zeigt die Redaktorin beide Daumen nach oben. Perfekt und sehr spannend, lautet ihr Urteil. Das Gespräch müsse kaum geschnitten, nur ins Deutsche übersetzt und ein «Voiceover» darübergelegt werden, bei dem über den Originalton die Stimme eines Synchronsprechers gelegt wird.

 

  

Die Zeit läuft
 
Es ist 16 Uhr. Beat Soltermann bespricht mit David Nauer, Fredy Gsteiger und Simone Fatzer das für die heutige Sendung geplante Dreiergespräch: Welche Aspekte sind interessant, welches Thema ist der Aufhänger, mit welchem der drei Themen fangen wir an?
 
Jetzt beginnt die heisse Phase. Zwei Stunden sind es bis Sendebeginn. Beat Soltermann verstellt die Höhe seines Schreibtisches und hackt im Stehen eifrig auf der Tastatur die letzten Textpassagen für seine Moderation. Der Text wird im Nachrichtensystem in Sekunden angezeigt, die es zum Lesen braucht.
 
Am Wochenende dauert die Sendung 30 Minuten, unter der Woche sind es um die 45 Minuten. Eine Mindestdauer gibt es nicht, aber «39 Minuten sind Ehrensache», schmunzelt Beat Soltermann.
 
Neue Ausblicke auf Altbekanntes
 
Es ist 18.36 Uhr. Das letzte Thema steht an. Das am Nachmittag aufgenommene Interview zu Palmöl wird jetzt abgespielt. Für Beat Soltermann war es die letzte «Echo»-Sendung. Nach fünf Jahren als Moderator und Leiter der Redaktion verabschiedet er sich mit einem bescheidenen «Und zum letzten Mal am Mikrofon – Beat Soltermann».

 

Ob es ihn wehmütig mache, zu gehen? «Ich verlasse das Echo freiwillig, aber ich gehe auch mit einem weinenden Auge. Für das ‹Echo› arbeiten zu dürfen, ist ein unglaubliches Privileg. Das Team ist grossartig. Mich hat fasziniert, wie wir jeden Tag eine Sendung gemacht haben, hinter der wir in den meisten Fällen stehen konnten.» Beeindruckt hat ihn auch die gute Zusammenarbeit mit den Fachredaktionen und den Korrespondenten. Klar gab es auch schwierige Momente, erinnert sich Beat Soltermann. Die No-Billag-Initiative zum Beispiel, mit der man auch das «Echo» in Gefahr gebracht hätte. Oder das Seilziehen um den Studiostandort. Auch die Digitalisierung sei laufend eine Herausforderung. «Wir waren während meiner fünf Jahre als Redaktionsleiter eigentlich die ganze Zeit über im Veränderungsprozess, aber trotzdem haben wir es geschafft, jeden Abend eine Sendung zu machen.»

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Für Beat Soltermann geht es nach dem «Echo» im SRF-Studio in Zürich weiter. Dort wird er den neu geschaffenen Fachbereich Digitales Audio bei SRF leiten und sich dort unter anderem um eine Podcast-Strategie kümmern. Es gehe um strategisch-technische Fragen, wie zum Beispiel: Wie findet man die Angebote auf der Website? Welche Podcasts sind Erfolg versprechend und wie können diese bekannter gemacht werden? Das betrifft auch die Podcasts vom «Echo». «Ich werde also weiterhin mit dem ‹Echo› beschäftigt sein, einfach auf eine andere Art.»


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