16.07.2020

NZZ

«Ich habe keine Probleme mit neuen Hüten»

Nach vier Jahren als Inlandchef der NZZ wird Michael Schoenenberger Partner bei Hirzel.Neef.Schmid.Konsulenten. Im Interview spricht er über seinen bereits zweiten Wechsel in die PR, die Deutschland-Strategie der Zeitung und über anstehende Personalentscheide.
NZZ: «Ich habe keine Probleme mit neuen Hüten»
«Das Leben ist manchmal eine Slalomfahrt», sagt der abtretende NZZ-Inlandchef Michael Schoenenberger. Er wechselt in die PR. (Bild: NZZ)
von Michèle Widmer

Sie haben als NZZ-Inlandchef gekündigt. Ist der Job nicht mehr so ehrenvoll wie früher?
Wie kommen Sie darauf? Die Arbeit macht Spass. Das Team ist toll und die NZZ ist nach wie vor eine der allerersten Adressen. Bei dieser in der Schweiz so wichtigen Zeitung Inlandchef sein zu dürfen, ist eine grosse Ehre.

Was ist mühsamer geworden an dem Job?
Jede Zeit hat ihre spezifischen Herausforderungen. In irgendeiner Form «mühsam» war es wohl immer, früher und heute. Aber wir arbeiten ja nicht, um in der Hängematte zu liegen. Arbeit ist mit Anstrengung verbunden. Wir wollen etwas leisten, etwas Tolles erarbeiten, Neues schaffen.

Warum haben Sie sich letztendlich entschieden, die NZZ zu verlassen?
Mein Entscheid hat weniger mit der NZZ zu tun, als mit mir persönlich. Ich bin nun 20 Jahre im Journalismus – und habe mich gefragt, ob ich noch einmal etwas Neues reissen will. Die unternehmerische Selbständigkeit, welche eine Tätigkeit als Partner bei den Konsulenten mit sich bringt, reizt mich als Liberalen sehr. Ich möchte aber nicht verhehlen, dass ich nicht mit allem, was bei der NZZ derzeit passiert, einverstanden bin.

«Die Deutschland-Strategie halte ich grundsätzlich für einen guten Versuch, aber der Versuch darf nicht auf Kosten des Heimmarkts gehen»

Was konkret wäre das?
Ich kann und will nicht allzu sehr in die Details gehen. Es geht im Wesentlichen um strategische Entscheidungen. Auch wenn ich die Entwicklung im Digitalen sehr unterstütze, halte ich es für ungemein wichtig, dass die NZZ der Printausgabe Sorge trägt. Hierzu gab es jüngst Entscheide, zum Beispiel beim Umfang oder bei den Druckzeiten, die ich nicht gut finde. Es fehlt eine klare Vorstellung dessen, wie eine Printzeitung der Zukunft aussehen könnte, die am Markt weiterhin erfolgreich sein kann. Überdies setzt man, um die Ziele im Digitalen zu erreichen, derzeit zu stark auf Masse, was zu einer Verwässerung des Profils führen wird. Ich würde viel stärker in Richtung «Klasse» und Premium gehen. Die Deutschland-Strategie halte ich grundsätzlich für einen guten Versuch, aber der Versuch darf nicht auf Kosten des Heimmarkts gehen.

Sie werden Partner bei Hirzel.Neef.Schmid.Konsulenten und damit Miteigentümer. Wie kam diese Beteiligung zustande?
Ich habe diverse HNS-Partner im Rahmen von Anlässen mehrheitlich zufällig getroffen. Wie alle Journalisten habe auch ich mit diversen Kommunikationsberatern auf operativer Ebene im Berufsalltag zu tun. So lernt man sich natürlich kennen und auch schätzen. Alles Weitere ergab sich in den letzten Wochen.

2016 wechselten Sie für wenige Monate zu Farner und kehrten dann zurück zur NZZ. Was war damals nicht gut?
Das Leben ist manchmal eine Slalomfahrt. Als ich Ende 2015 die NZZ in Richtung Farner verliess, konnte ich beim besten Willen nicht ahnen, dass der damalige Inlandchef René Zeller, den ich sehr geschätzt habe, im Frühjahr 2016 die NZZ verlassen würde. Es war für mich eine grosse Überraschung. Und dann kam der Anruf von Eric Gujer, ob ich René’s Posten übernehmen wolle. Ich kam ganz schön ins Schleudern, denn ich hatte mich bei Farner gut eingelebt und schätzte das Team wie auch meine damaligen Chefs Roman Geiser und Daniel Heller sehr. Letztlich war der Reiz des NZZ-Postens dann aber zu gross.

Was ist dieses Mal anders?
Die Selbständigkeit und Partnerschaft habe ich bereits erwähnt. Aber noch etwas hat sich verändert. Wir leben in viel disruptiveren Zeiten, was für Unternehmen und Organisationen dramatische Folgen haben kann. Wir hatten 9/11, die Finanzkrise. Jetzt aber beschäftigen uns Handelsstreitigkeiten, Autoritarismus, Isolationismus, geo- und machtpolitische Verwerfungen, ja gar der Wettstreit der Systeme, wenn man an China denkt. Wir können von einer Krise der Globalisierung sprechen, und Covid-19 zeigt: Disruption ist kein Schlagwort, Unsicherheiten und Unwägbarkeiten nehmen zu. Politische Risikoanalyse wird zunehmend wichtig für den Erfolg von Unternehmen, und genau hier kann ich einige meiner Fähigkeiten ideal einbringen.

«Ich habe mein Inlandteam stets zur Recherche angehalten»

Sie scheinen die Hüte einfach wechseln zu können. Hat Ihrer Meinung nach die Überzeugung «Journalist mit Berufung» ausgedient?
In der Tat habe ich keine Probleme mit neuen Hüten. Man muss einfach immer wissen, welchen Hut man aufhat. Mir wurde stets attestiert, ein ziemlich meinungsstarker Journalist zu sein, der sich nicht scheut, in Kommentaren und Leitartikeln den Mächtigen die Leviten zu lesen. So habe ich meine edle Aufgabe im Dienst der Öffentlichkeit interpretiert. Und ich habe mein Inlandteam stets zur Recherche angehalten. Unabhängig vom Hut muss doch immer gelten: Volle Kraft voraus, in allen Lebenslagen, in allen Berufen!

Bei der NZZ steht ein Stellenabbau bevor. Wie hart trifft es das Inlandressort, bzw. wie viele Stellen werden hier abgebaut?
Dazu kann ich mich nicht äussern.

Inwiefern hätten Sie darüber hinaus andere einschneidende Sparvorgaben umsetzen sollen?
Mir sind bisher keine Sparvorgaben gemacht worden. Die Geschäftsleitung der NZZ ist da noch mit der Ausarbeitung beschäftigt.

Werden Sie personelle Entscheide noch treffen oder übernimmt das bereits Christina Neuhaus?
Das werden wir noch anschauen müssen. Meines Erachtens würde es Sinn machen, wenn die zukünftige Inlandchefin die Zukunft und die Zusammensetzung ihres Teams bestimmt. Ich muss da eigentlich nicht mehr mittun. Übrigens wünsche ich Christina nur das Beste. Ich freue mich für sie. Sie leistet jetzt schon Historisches, ist sie doch die erste NZZ-Inlandchefin überhaupt!

Was wird Sie in den kommenden sechs Monaten noch beschäftigen bei der NZZ?
Ich könnte endlich das machen, was ich eigentlich immer wollte, aber leider nie die Zeit dazu fand, weil ich ständig mit dem Operativen beschäftigt war: Jede Woche einen Samstagskommentar schreiben.


Michael Schönenberger hat die Fragen schriftlich beantwortet.



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Kommentare

  • Sebastian Renold, 21.07.2020 10:24 Uhr
    Schoenenberger: "Ich könnte endlich das machen, was ich eigentlich immer wollte, aber leider nie die Zeit dazu fand, weil ich ständig mit dem Operativen beschäftigt war: Jede Woche einen Samstagskommentar schreiben." Um Gottes Willen, bitte nicht!
  • Rudolf Penzinger, 20.07.2020 09:21 Uhr
    Wenn "LIBERAL" drauf steht, passt alles unter den Hut.
  • RUDOLF BOLLI, 17.07.2020 18:21 Uhr
    Herr Brunner, der sich doch so intensiv mit der NZZ zu beschäftigen pflegt, sollte wenigstens den Namen des Chefredaktors richtig schreiben.
  • Victor Brunner, 17.07.2020 08:39 Uhr
    Schoenenberger im Interview: "Sie leistet jetzt schon Historisches, ist sie doch die erste NZZ-Inlandchefin überhaupt!". Eine Frau wird Inlandchefin bei der NZZ und soll historisch sein. Es ist nur noch peinlich im Guyer-Imperium!
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