11.10.2019

Ruedi Josuran

«Man lebt vorwärts und versteht rückwärts»

Der langjährige Radiomoderator feiert Fernsehjubiläum. Seit zehn Jahren führt Ruedi Josuran durch den «Fenster zum Sonntag»-Talk. In der neusten Sendung geht es um seine eigene bewegte Geschichte. Ein Gespräch über Gott und seine Jugend ennet des Gotthards.
Ruedi Josuran: «Man lebt vorwärts und versteht rückwärts»
Seit zehn Jahren ist der 62-jährige Ruedi Josuran in der Schweiz unterwegs zu Menschen und ihren Geschichten. (Bilder: ERF Medien)
von Christian Beck

Herr Josuran, wenn Sie an einem Fenster stehen: Was sehen Sie am liebsten?
Das mache ich immer wieder gerne. Wenn ich mich einlasse auf den Moment, kann es sein, dass ich Details sehe, die ich sonst nie wahrnehmen würde. Eine echte Meditationsübung.

Seit zehn Jahren moderieren Sie den «Fenster zum Sonntag»-Talk auf SRF. Sind Sie in dieser Zeit Gott näher gekommen?
Ich glaube, er ist mir näher gekommen durch die vielen unterschiedlichen Geschichten. Er hat immer wieder meine begrenzten Bilder über ihn durchbrochen. Er hat mich überrascht. Wir kriegen Gott in keine Box. Ich bemühe mich «Out of the Box» zu denken.

Ihr Einstand begann denkbar schlecht. 2009, noch vor der Ausstrahlung der ersten Sendung, erlitten Sie einen Herzinfarkt. Was war das für ein Zeichen?
Es wurde mir bewusst, dass mein Leben endlich ist. Eckart von Hirschhausen, Arzt und Schauspieler, sagt in einem Bühnenprogramm: «Unser Leben ist endlich – dann lebe endlich». Ein gutes Motto.

«Ich bin ein sensibler Mensch und neige zu Perfektionismus»

Es war dies nicht der erste gesundheitliche Rückschlag in Ihrem Leben. Sie hatten schon eine Erschöpfungsdepression. Wie kam es soweit?
Details kann man in meinem Bestsellerbuch «Mittendrin und nicht dabei» nachlesen. Die Kurzform: Ich bin ein sensibler Mensch und neige zu Perfektionismus. Lange geht es gut mit Kompensation und Freude an der Arbeit. Dann aber nicht mehr: Schlafstörungen und die Unfähigkeit, sich zu erholen, nehmen zu. Eine Negativspirale, die rechtzeitig unterbrochen werden sollte. Ich hatte aber Angst, den Job zu verlieren und liess mir lange nicht helfen.

Und was haben Sie aus diesen Krisen gelernt?
Man lebt vorwärts und versteht rückwärts. Im Nachhinein habe ich viel über mich gelernt. Ich bin kompetenter in eigener Sache geworden.

Schicksale sind ein zentrales Element Ihrer Sendungen. Wie bringen Sie Ihre Gäste dazu, offen über alles zu sprechen?
Ich versuche einen Raum des Vertrauens zu schaffen. Ich will niemanden in die Pfanne hauen. Wir bereiten die Gäste mit sorgfältigen Vorgesprächen auf die Situation vor. Letztlich versuche ich mich selbst zu sein. Ich frage auch teilweise recht kritisch nach, bin aber kein Hardline-Talker.

Welches war die für Sie eindrücklichste Persönlichkeit in den vergangenen zehn Jahren?
Alle diejenigen, die den Mut hatten, sich ihrer Geschichte zu stellen – das waren eindrückliche Menschen. Beruflich sind das ehemalige Vorgesetzte wie Markus Gilli oder Roger Schawinski – Lehrmeister für mich. Ich werde nie so gut sein wie sie, aber auf meine Weise auch professionelle Talks machen können.

«Ich würde einiges anders machen»

Gab es auch eine Sendung, die Sie heute so nicht noch einmal machen würden?
Nein. Ich würde allerdings einiges anders machen. Fragen teilweise zuspitzen, schneller auf den Punkt kommen. Am richtigen Ort unterbrechen.

Als Sie 2009 mit der Moderation des «Fensters zum Sonntag»-Talks begannen, wurde das Studio verlassen. Warum war das wichtig?
Das war ein Entscheid der Programmleitung. Es ermöglicht mehr «Spielvarianten». Vor Ort sind oft auch Aussagen emotionaler und berühren mehr.

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Eigentlich legte Ihre Nonna den Grundstein für Ihre Moderationskarriere beim «Fenster zum Sonntag»-Talk …
Ja, sie nahm mich immer wieder mit in die katholische Messe und es gelang ihr, eine Sehnsucht nach Ritualen und letztlich nach Gott in mich zu legen. Sie hat mich immer ermutigt, Fragen zu stellen. Das tue ich bis heute.

Und nun geht es zum Jubiläum zurück zu Ihren eigenen Wurzeln. Wie hat Sie Lugano geprägt?
Die ersten 13 Jahre sprach ich kein Wort Deutsch. Das war meine Kultur. Mit einer italienischen Mamma aus der Nähe von Brescia. Der Wechsel nach Zürich war ein Schock. Heute bin ich mit meiner Familie schon lange hier und fühle mich wohl. Mein Herz ist aber zu 50 Prozent Ticinese. In Lugano geht mein Herz auf.

«Ich war halt der ‹Tschingg›»

Wie äusserte sich der Schock beim Umzug?
Lernschwierigkeiten, Ausgrenzung – ich war halt der «Tschingg». Ich musste mich oft wegen meiner sprachlichen Mängel auslachen lassen. Aber: Ich habs überlebt.

Eigentlich erstaunlich: Sie lernten erst als Teenager die deutsche Sprache – und wurden später Radiomoderator. Hätten Sie das je für möglich gehalten?
Einerseits ja, weil ich unbedingt irgendwann mal zum Radio wollte. Andererseits ist mein Selbstbewusstsein immer recht klein gewesen – bis heute. Ich bin innerlich nicht so sicher, wie ich wirke. Aber auch ein Beispiel dafür, dass, wenn man unbedingt etwas will, für etwas brennt, es auch schafft.

In drei Jahren werden Sie 65 Jahre alt. Haben Sie schon Pläne für das Pensionsalter?
Pläne schon, aber keine, die ich öffentlich kommunizieren will. Es wird auch da um Medien gehen – und um Lebenshilfe. Ich kann mir schlecht vorstellen, nur Rosen zu schneiden, Schwäne zu füttern oder Kreuzworträtsel zu lösen. Nichts gegen diese Dinge. Aber sie sind nichts für mich.



Nach einer langjährigen Karriere als Radioredaktor und -moderator bei Radio Zürisee, Radio 24 und zuletzt als Moderator der Sendung «Persönlich» auf DRS 1 wechselte Ruedi Josuran 2009 zum TV.

Die Jubiläumssendung «Fenster zum Sonntag»-Talk, ein Format von ERF Medien, wird am Samstag, 12. Oktober, um 16.40 Uhr auf SRF 1 ausgestrahlt. Weitere Infos und Sendezeiten finden Sie hier.



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Kommentare

  • Roland Maeder, 11.10.2019 07:58 Uhr
    "Das Leben wird vorwärts gelebt, aber nur rückwärts verstanden" ist von Kierkegaard

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