03.04.2020

Journalistenbarometer 2020

Medien im Zeichen der Coronakrise

Faktencheck, Digitalisierung, Gatekeeper-Funktion, Kontrollinstanz: Die Corona-Berichterstattung ist für Journalisten eine Herausforderung. Für Qualitätsmedien könnte das eine grosse Chance sein.

Mehr denn je legen Schweizer Journalisten Wert auf sorgfältige Recherche und Seriosität in der Berichterstattung. Das Vermeiden von Falschmeldungen hat oberste Priorität. Die glaubwürdigsten Quellen sind dabei Medienkonferenzen sowie Experten, für die Branche erwarten Journalisten einen deutlichen Digitalisierungsschub. Rund 44 Prozent der Journalisten geben an, dass in ihrem Unternehmen bereits Kurzarbeit eingeführt wurde oder laut darüber nachgedacht wird. Das sind die Hauptergebnisse des aktuellen Journalistenbarometers des Marktforschungsinstitutes Marketagent. Ende März wurden 105 Journalisten aus der Schweiz zu den Auswirkungen der Coronakrise auf die Medienlandschaft befragt.

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Der moralische Anspruch der Journalisten an ihre Arbeit hat sich seit der Coronakrise deutlich erhöht. Sie investieren mehr Zeit in Recherche und Faktenchecks, achten vermehrt auf die Qualität und Seriosität der Berichterstattung und wägen öfters ab, welche Informationen veröffentlicht werden sollen, um die Bevölkerung nicht zu verunsichern. Insgesamt sind sich Journalisten ihrer Verantwortung mehr denn je bewusst, mit der grösstmöglichen Sorgfalt Inhalte zu publizieren. Eine grosse Mehrheit der Journalisten glaubt demnach auch, dass sich das Image der Medien aufgrund der Coronakrise verbessern wird.

Corona dominiert medialen Diskurs noch lange

Die Coronakrise dominiert die Medien und somit auch die journalistische Arbeit. So behandeln 87 Prozent der befragten Schweizer Journalisten das Thema Corona und verbringen geschätzte 65 Prozent ihrer Arbeitszeit damit. Laut den Befragten wird das noch länger so bleiben: 49 Prozent der Journalisten sind überzeugt, dass sich der mediale Diskurs bis Juni/Juli um Corona drehen wird, 36 Prozent gaben April/Mai an.

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Der grösste Teil der Journalisten ist mit den Informationen zum Coronavirus seitens der Politik zufrieden. Dennoch ist kritische Berichterstattung weiterhin erwünscht: Die Hälfte der Befragten ist der Meinung, Medien sollten auch in Krisenzeiten ihre Kontrollfunktion als vierte Macht im Staat voll und ganz wahrnehmen und so kritisch wie nötig sein. Weitere 43 Prozent fordern etwas mehr Nachsicht ein, um die Bevölkerung nicht zusätzlich zu verunsichern. «Gerade in Krisenzeiten spielt die Kommunikation der Regierung eine wichtige Rolle. Die Menschen sehnen sich nach Stabilität und Sicherheit, nach klaren Handlungsanweisungen. Die Medien müssen das einerseits vermitteln, gleichzeitig aber die kritische Berichterstattung nicht ausser Acht lassen», so Thomas Schwabl, Geschäftsführer von Marketagent.

Einkommensverluste und Digitalisierungsschub

Die Coronakrise trifft auch die Medienbranche. Die zu erwartende Rezession werde zu weniger Werbeeinschaltungen und somit zu massiven Einkommensverlusten führen, meinen 79 Prozent der befragten Journalisten. Gleichzeitig wird erwartet, dass die Krise die Digitalisierung der Medienbranche stark vorantreiben wird (66 Prozent), während Qualitätsmedien mehr Zuspruch erhalten und somit solider dastehen werden (46 Prozent). Persönlich machen sich 47 Prozent der Befragten Sorgen um ihre berufliche Zukunft.

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Insgesamt hat sich das Arbeitspensum bei fast der Hälfte der Journalisten seit der Coronakrise klar erhöht, 53 Prozent arbeiten ausschliesslich im Homeoffice. Zu den grössten Herausforderungen der Heimarbeit zählen der fehlende persönliche Kontakt zu Kollegen (60 Prozent) und Interviewpartnern (43 Prozent) sowie die schwierige Einhaltung der Arbeitszeiten durch die Vermischung von Beruf und Freizeit (42 Prozent).

Für den Journalistenbarometer wurden von 25. bis 31. März 2020 insgesamt 532 Journalisten, davon 152 aus Österreich, 275 aus Deutschland und 105 aus der Schweiz, befragt. (pd/cbe)



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Kommentare

  • Victor Brunner, 03.04.2020 18:35 Uhr
    Für die Medien dauert die aktuelle Situation schon zu lange. Sie sind überfordert. Die Artikel wiederholen sich. Experten und Möchtegern-Experten kommen zuhauf zu Wort. Was besonders deutlich wird. Die grossen Zeitungshäuser haben bei den Ausland-Korrespondenten massiv abgebaut. Gut recherchierte Berichte aus Asien, Südamerika, skandinavische Länder zur aktuellen Lage, wenig bis gar nichts. Als ob es nur noch Corona gäbe. Auch wenn man die täglichen Pressekonferenzen des BR auf SRF schaut. JournalistenInnen stellen Fragen die wie sie selber wissen zum heutigen Zeitpunkt nicht beantwortet werden können, Schulbeginn, oder Fragen die jedesmal gestellt werden, Schutzmasken ja oder nein. Oder Fragen die einfach dumm sind.Da spielen sich die Vertreter der sogenannten 4. Gewalt zu Scharfrichtern auf nur um sich persönlich zu profilieren.
  • Rudolf Penzinger, 03.04.2020 13:32 Uhr
    Das Arbeitspensum der Journalisten hat sich klar erhöht; aber ihre Verleger melden Kurzarbeit an. Das ist nur scheinbar ein Widerspruch, sondern journalistischer Alltag in der Schweiz - nicht erst seit der Corona-Krise! Die Arbeitszeiten in den Redaktionen waren schon immer "nach oben offen", so jetzt erst recht. Bevor der Staat für Kurzarbeit zahlt, sollte er genau prüfen, wer am Ende und wofür das Steuergeld erhält.
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