10.12.2020

CH Media

Peter Wanner fordert «Video, Video, Video»

Die CH-Media-Chefs richten sich in einem Schreiben mit Weihnachtsgrüssen ans Personal. Nicht dieser Brief, sondern das beigelegte Dokument «Leitlinien für den Lokaljournalismus» hat es in sich. Künftig sollen alle Journalisten filmen.
CH Media: Peter Wanner fordert «Video, Video, Video»
Abendveranstaltungen, an der Fasnacht oder bei Maturafeiern: CH-Media-Journalisten sollen mit Video‐ und Audio‐Schnipseln eine multimediale Story «basteln», verlangt das Gremium um Peter Wanner. (Bilder: Pixabay/CH Media)
von Edith Hollenstein

Post aus der Chefetage: Am Dienstag, 8. Dezember, erhielten rund 500 Journalistinnen und Journalisten des CH-Media-Konzerns per Mail ein Schreiben, unterzeichnet von Verleger Peter Wanner und dem Vorsitzenden des Publizistischen Ausschusses, Peter Hartmeier. Im Schreiben, das persoenlich.com vorliegt, danken die beiden Chefs den Mitarbeitenden für ihre Leistungen im Pandemiejahr unter «teilweise schwierigen Rahmenbedingungen». «Wir schätzen Ihren Einsatz sehr.»

Neben diesen wertschätzenden Worten wird deutlich, dass CH Media vom Personal einiges an Transformationswillen fordert. Zur Vorbereitung (und vielleicht als Lektüre über die Weihnachtstage?) verweisen Wanner und Hartmeier auf das Dokument «Leitlinien für den Lokaljournalismus» im E-Mail-Anhang.

Zeitung erst am Abend füllen

Darin wird in fünf Punkten eine Vision des idealen Lokaljournalismus skizziert. Mobile heisse das Medium der Zukunft, denn es erlaube multimediales Storytelling und Interaktivität. Und, so das Papier weiter, bei CH Media sei «dieser Change im Gange, aber strukturell immer noch nicht vollzogen». «Betrachtet man die Bestände, so haben wir riesige Printredaktionen und kleine Online‐Redaktionen. Faktisch herrscht immer noch Print first. Mental auch.» Es müsse jedoch idealerweise umgekehrt sein: Schwergewichtig Online‐Redaktionen, die «Mobile first» praktizieren, und ein kleines Print‐Team, «das am Abend die Zeitung mit den besten Geschichten abfüllt».

Lokaljournalisten müssten das anbieten, was die Leserschaft wünscht, denn durch das Internet «wissen wir jetzt, welche Titel und Artikel besonders gut klicken». Ein Journalist spüre dank der Reaktionen im Netz, wo er nachsetzen könne.

Der Journalist «bastelt» eine Story

Die gemäss Schreiben von den Chefredaktoren und dem Publizistischen Ausschuss der CH Media erarbeiteten Leitlinien verlangen zudem viel mehr Bewegtbild. «Der moderne Journalist ist ein Video-Journalist», heisst es unter dem Titel «Video, Video, Video». Das gehe, so schreiben die Chefs, relativ einfach: «Mit Video‐ und Audio‐Schnipseln und Fotos bastelt der Journalist eine multimediale Story.»

Damit das nicht zu abstrakt bleibt, macht der Ausschuss gar Vorschläge: So könne man etwa eine Maturafeier mit Video‐Ausschnitten rapportieren. «Sie ist so viel spannender zu lesen und anzuschauen als ein reiner Text. Im Grunde lässt sich jede Story mit Fotos, Video‐Ausschnitten und/oder Audio‐Ausschnitten anreichern.» Das sei «handwerklich zwar anspruchsvoll, aber machbar». «Entsprechend müssen Print‐Journalisten zu Video‐Journalisten ausgebildet werden.» Hier sei nicht viel zusätzliches Know-how nötig, sondern: «Experimentieren geht über Studieren». Mit dem Smartphone könne man ganz einfach ein kleines Video erstellen und dieses in die Story integrieren. «Man muss die Redaktoren dazu nur animieren und dann machen lassen.»

«Nahe dranbleiben»

Zudem, so ein weiterer Punkt im Schreiben, sollten Lokaljournalisten nicht zu häufig Stellung beziehen und möglichst unabhängig bleiben. «Die Bürger haben die journalistische Bevormundung nicht gerne. Wichtiger ist, dass sich der Journalist ein lokales Vertrauensnetz aufbaut, um sein Wächteramt wahrnehmen zu können.» Aber, so der Publizistische Ausschuss – just in einer Zeit, in der fast alle CH-Media-Mitarbeitenden im Homeoffice arbeiten und unter sehr erschwerten Bedingungen recherchieren müssen –, der Journalist müsse «den Stallgeruch spüren» und «nahe dran bleiben an den Orten, wo Informationen ausgetauscht werden. Und man muss ihn mögen, damit er an Informationen herankommt».

Papier soll die Richtung vorgeben

Neben Peter Hartmeier und Peter Wanner gehören Ludwig Hasler, Pascal Hollenstein, Thomas Kessler und Alexandra Stark dem Publizistischen Ausschuss von CH Media an.*

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Laut Auskunft von CH-Media-Sprecher Stefan Heini bilden die «Leitlinien für den Lokaljournalismus» ein internes Inputpapier, das die allgemeine Richtung vorgibt. Wie die Forderungen umgesetzt werden, soll dezentral entschieden werden. Noch sind einige Fragen offen, etwa wenn nun baldmöglichst alle Lokaljournalistinnen und -journalisten filmen sollen: Wird CH Media die Geräte zur Verfügung stellen oder sollen die Journalisten dafür ihre persönlichen Smartphones benutzen? Heini sagt dazu: «Wie das die Redaktionen umsetzen, werden sie besprechen.»

*Update vom 10. Dezember, 15 Uhr: In einer früheren Version stand, dass auch Esther Girsberger Teil des Publizistischen Ausschusses ist. Sie gab jedoch ihren Sitz ab, nachdem sie im April 2020 ihre Stelle als Ombudsfrau der SRG angetreten hatte.


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Kommentare

  • Raphael Weber, 14.12.2020 19:20 Uhr
    Ich denke nicht, dass ich so falsch liege mit meinen Aussagen, Herr Roger Elsener. Der IRF ist wohl massgeblich mitverantwortlich, dass es Zwangswerbung künftig in der Schweiz bei Replay-TV geben wird. Dass CH Media sich auch noch einen Filmverleiher einverleibt hat, hatte ich ja noch gar nicht erwähnt. Das Werbegelder von der Quote abhängig sind ist klar und dass Mediapulse Quoten eine Auslegungssache von Hochrechnungen sind, kennen Sie ja noch von Streitigkeiten Ihres früheren Arbeitgebers 3+. Jedenfalls würde manches Medienunternehmen wohl einige rote Köpfe erhalten, würde Mediapulse transparent und vor allem öffentlich machen, wie die Quoten zustande kämen und wie viele dieser «Messinstrumente» in konzernnahem Umfeld platziert sind. Telesuisse hatte doch auch 2013 gross Medial verkündet die Verträge bei Mediapulse gekündigt zu haben und jetzt sind Sie auf einmal sogar in deren Stiftungsrat, Respekt. Einen Verteilschlüssel für Werbung gibt es sehr wohl, sogar bei Mediashop Sendungen, vermutlich auch mitunter ein Grund, weshalb mittlerweile mehr Dauerwerbesendung wie regionales aus der Region auf den Telesuisse Sendern läuft. Würde man ernsthaft das Publikum als «Währung», handhaben, so würde man freiwillig auf fragwürdige Gewinnspiele im TV verzichten und mehr Konkurrenz und Regionale Individualität zulassen. Jedenfalls der Schweizer Medienvielfallt und deren Unabhängigkeit erweist CH Media je länger je weniger ihren Dienst und das wird sich auch nicht verbessern, wenn jeder Zeitungsjournalist auch noch mit dem Handy Videos produziert. Am Schluss läuft der identische Beitrag auf 5 verschiedenen Regionalsendern und das hat mit lokaler Berichterstattung nichts zu tun, sondern weniger Aufwand für mehr Werbeeinnahmen bei weniger Personal. Der Zuschauer ist eh egal, er kann ja nicht wirklich auswählen.
  • Roger Elsener, 11.12.2020 17:09 Uhr
    Lieber Raphael Weber Da ist einiges durcheinander geraten in Ihrem Kommentar. Ich möchte das gerne kurz wie folgt klarstellen: -Der IRF ist für die Verteilung der Tarif-Einnahmen aus dem Urheberrecht unter In- und Ausländischen TV-Sender zuständig. Mit Werbeeinnahmen hat das nichts zu tun. -Ich bin im Vorstand der Telesuisse als Vertreter unserer Sender, unter anderem TeleZüri. Telesuisse setzt sich als Verband der lokalen TV-Sender für deren Belange ein, vor allem gegenüber der Politik. -Bei Mediapulse bin ich im Stiftungsrat. Der Stiftungsrat ist ein paritätisch zusammengesetztes Branchengremium und kann (selbstredend) nicht die Quoten von CH Media steuern. -Ein «Verteilschlüssel der Werbegelder» existiert nicht. Wir sind als marktwirtschaftlich operierendes Unternehmen abhängig vom Erfolg am Publikumsmarkt. Das ist die einzige «Währung», die wir beeinflussen können, um wirtschaftlich möglichst erfolgreich zu sein. Freundliche Grüsse, Roger Elsener
  • Thomas Läubli, 11.12.2020 00:43 Uhr
    Solange diejenigen Personen, die den Schweizer Journalismus gegroundet haben - die Namen stehen im Text oben -, immer noch mitmischeln und die Leserschaft weiterhin für dumm verkaufen, wird sich das Vertrauen der Bürger*innen in die Tageszeitungen nicht mehr erholen. Die Krise des Journalismus ist weitgehend selbstgemacht.
  • Wolfgang Frei, 10.12.2020 13:09 Uhr
    Wer hat diese „Leitlinien“ gebastelt?
  • Esther Jost, 10.12.2020 11:39 Uhr
    Glauben Wanner und Co. denn, dass die Leserschaft nur noch aus Vidioten besteht? Das Publikum ist klüger, als die angeblichen Medien-Trendsetter denken. Andere Medien, die auf herzige bis bescheurte Videos setzen, haben schon lange entdeckt, dass sich mit diesen Clicks wenig Geld machen lässt. Aber der Print ist halt so schrecklich teuer und aufwendig, dass man ihn besser nur noch "abfüllt". Die Wortwahl ist verräterisch, da kann sich niemand mehr auf gut recherchierte und tiefgründige Lokalgeschichten freuen.
  • Fibo Deutsch, 10.12.2020 11:39 Uhr
    Der/die Journalist*in als eierlegende Wollmilchsau, die ihre Beiträge kostengünstig, nachhaltig klimaneutral und bio produziert.
  • Dieter Widmer, 10.12.2020 08:06 Uhr
    "Storys basteln" - mir wird gerade übel, mit welcher Nonchalance Peter Wanner und Peter Hartmeier ihren Journalisten Vorgaben zu machen versuchen. Sie und SRF wollen die Jungen ab Bord holen ... und werden garantiert Schiffbruch erleiden. Genau so, wie die Jungen sich nicht für Politik interessieren, interessieren sie sich auch nicht für politische Zeitungen und Videos mit politischen Inhalten. Da werden Konzepte geschmiedet, ohne die Bedürfnisse der Jungen zu berücksichtigen.
  • Raphael Weber, 10.12.2020 01:34 Uhr
    Huiiii, der Medienfilz wird ja immer grösser... Der Publizistische Ausschuss (Esther Girsberger) ist zugleich eine der zwei SRG DCH Ombudspersonen. Roger Elsener sitzt im IRF Interessengemeinschaft Radio und Fernsehen und sitzt als Telesuisse Vize natürlich auch im VR von Mediapulse (praktisch wenn man neben der Quote der CH Medien Sender auch gleich noch den Verteilschlüssel der Werbegelder regeln kann...) Irgendwie muss das Monopol ja überleben.
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