29.04.2018

Fusion SDA-Keystone

Redaktoren finden, die SDA werde «ausgehöhlt»

Am Freitag haben die Aktionäre der SDA beschlossen, sich Dividenden in der Höhe von 12,4 Millionen Franken auszuschütten. Damit sind die Redaktionskommission und Gewerkschaften nicht einverstanden. Es bleibe kein Geld für einen fairen Sozialplan, kritisieren sie.
Fusion SDA-Keystone: Redaktoren finden, die SDA werde «ausgehöhlt»
Lana Berclaz, Antoinette Prince und Tina Tuor von der SDA-Reko sowie Stephanie Vonarburg von Syndicom (v.l.) an der Medienkonferenz vom Freitag. (Bild: Keystone/Peter Klaunzer)
von Marius Wenger

Während die SDA-Aktionäre an der Generalversammlung vom Freitag der Fusion mit Keystone zustimmten und Ueli Eckstein zum neuen Verwaltungsratspräsidenten ernannten, erläuterte die Redaktionskommission (Reko) gemeinsam mit den Gewerkschaften Syndicom und Impressum ihre Sicht auf den Geschäftsbericht – zur gleichen Zeit im gleichen Gebäude, jedoch nicht wie ursprünglich geplant fast im Nebenzimmer der Aktionärsversammlung: Die Medienkonferenz in der Berner «Welle7» wurde kurzfristig zwei Stockwerke nach oben verlegt. Auf Verlangen der Geschäftsleitung, wurde gemutmasst. Anders als die Aktionäre waren Reko und Gewerkschaften mit dem Geschäftsbericht wenig zufrieden. Folgende drei Punkte befand man für besonders stossend:

1. Das Zustandekommen des Defizits

Die SDA schloss das Geschäftsjahr mit einem Verlust von 3,1 Millionen ab. Dieser kam hauptsächlich durch Rückstellungen und Beratungskosten für die Fusion mit Keystone und die laufende Reorganisation zustande. «Ohne die Rückstellungen und die Beratungskosten hätte die SDA für 2017 nur einen geringen Betriebsverlust von unter 1 Million Franken und einen Reingewinn von 1,2 Millionen Franken geschrieben», erklärte Tina Tuor, SDA-Wirtschaftsredaktorin und Mitglied der Reko vor den Medien. Somit stimme das Argument des strukturellen oder «nicht näher ausgeführten redaktionellen» Defizits nicht, das die Geschäftsleitung immer zur Begründung des Abbaus von 36 der 150 Vollzeitstellen verwendete.

2. Die Höhe der Dividenden

Von den 17,1 Millionen Eigenkapital werden 12,4 Millionen als Dividenden an die Aktionäre verteilt. «Die SDA und auch ihre Tochterfirmen Keystone, AWP und News Aktuell werden zugunsten der Aktionäre ausgehöhlt», sagte Tuor. Die Höhe wird vom Verwaltungsrat mit dem Einstieg der österreichischen Nachrichtenagentur APA als grösste Minderheitsaktionärin gerechtfertigt. Zwar sei es üblich, dass vor anstehenden Fusionen die Reserven aus einem Unternehmen abgezogen werden, so Tuor. «Man hätte aber einen anderen Weg finden sollen, beispielsweise hätte die APA etwas zahlen können, um die Reserven im Unternehmen zu behalten», schlug die Wirtschaftsredaktorin vor. Mit den nun vorhandenen flüssigen Mitteln von knapp 3 Millionen Franken seien Investitionen in die Zukunft nach Einschätzung der Reko kaum mehr möglich.

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«Es ist äusserst unrühmlich, wenn Aktionäre im letzten Moment so viel Dividenden erhalten, insbesondere weil viele von ihnen doppelt profitieren», sagte Stephanie Vonarburg, Leiterin Sektor Medien der Gewerkschaft Syndicom. Doppelt profitierten sie, da die Verlagshäuser, die gleichzeitig Hauptaktionäre und Kunden der SDA sind, im vergangenen Jahr bereits einen Preisnachlass von zehn Prozent auf die Leistungen der Nachrichtenagentur erreichen konnten.

An der Generalversammlung zwei Stöcke weiter unten stellte der Journalistenverband Impressum, der Kleinaktionär der SDA ist, deshalb den Antrag, die Dividenden zu halbieren. Die andere Hälfte solle zugunsten des Personals eingesetzt werden: Für Aus- und Weiterbildungen oder den Sozialplan im Zuge des Personalabbaus. Er wurde ohne Diskussion abgelehnt, genauso wie zwei weitere Anträge. «Das war nicht anders zu erwarten», sagte Michael Burkhard, Zentralsekretär Impressum, direkt von der GV kommend. Die beiden anderen Anträge verlangten, nicht auf die Entlastung der Unternehmensleitung einzutreten sowie Verwaltungsrat Matthias Hagemann nicht wiederzuwählen. Die Unternehmensleitung als Ganzes sowie Hagemann im Besonderen hätten sich «nicht im Interesse des Personals und des Unternehmens verhalten und engagiert», so Vonarburg.

3. Der Zeitpunkt der Dividendenausschüttung

Nicht nur die Höhe der Dividenden, sondern auch der Zeitpunkt ihrer Ausschüttung findet die Reko unangemessen: Diese soll bereits am 28. Juni stattfinden.

Bis dahin werden die Verhandlungen über den Stellenabbau mit Sicherheit noch nicht abgeschlossen sein. Das vom Seco eingesetzte Schlichtungsgremium wird mit ihren Anhörungen im Mai beginnen und erwartet einen Abschluss der Verhandlungen bis frühestens Mitte Juli (persoenlich.com berichtete). Die Reko kritisierte, dass die Führungsspitze in den Redaktionen jegliche definitive Besetzung von offenen Stellen mit Verweis auf das laufende Einigungsverfahren ablehne, aber kein Problem damit habe, gleichzeitig Dividenden auszuzahlen. «Eventuell ist dann also kein Geld mehr übrig für einen angemessenen Sozialplan», befürchtet Tina Tuor von der Reko.

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Verunsicherte Redaktionen

Über weite Strecken der Medienkonferenz zeigte sich die Reko nüchtern-kämpferisch. Am Rande kam aber auch die Gefühlslage in den Redaktionen zur Sprache. Ein im Publikum anwesender SDA-Journalist erzählte, wie ihm als Alternative zur Kündigung seiner Stelle in Bern eine Stelle in Basel angeboten wurde, ihm Wochen später von der Geschäftsleitung geraten wurde, doch noch keine Wohnung in Basel zu suchen, er die Stelle nun aller Voraussicht nach mit Verzögerung doch antreten können wird. Einem anderen Anwesenden sei ebenfalls ein Stellenwechsel innerhalb des Unternehmens angeboten worden – mit einem Tag Bedenkzeit, als Alternative die Entlassung.

Der Verwaltungsrat wolle «mit weniger Personal die bessere Leistung erbringen», soll er gemäss Michael Burkhard an der Generalversammlung gesagt haben. Wegen personellen Engpässen wurden in der Zwischenzeit auch Entlassene mit befristeten Verträgen wieder eingestellt (persoenlich.com berichtete). Der gestiegene Leistungsdruck, die unklaren Anstellungssituationen und die Kommunikation der Unternehmensleitung – die zuletzt wegen des angekündigten Umzugs bei der Reko zu wünschen übrig liess – lässt eine spürbare Verunsicherung in den Redaktionen zurück.



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