10.06.2021

Unzufriedenheit bei SRF

«Relevant ist, dass wir ausgewogen berichten»

Bis Ende Jahr muss sie weitere 16 Millionen einsparen: SRF-Direktorin Nathalie Wappler spricht über millionenteure Nachbesserungen am Newsroom, prominente Abgänge und ihren eigenen Lohn.
Unzufriedenheit bei SRF: «Relevant ist, dass wir ausgewogen berichten»
Will nicht öffentlich machen, wie viel sie als SRF-Direktorin und SRG-Geschäftsleitungsmitglied verdient: Nathalie Wappler. (Bild: Keystone/Gaëtan Bally)
von Edith Hollenstein

Frau Wappler, starten wir mit einem Witz: Was ist der Unterschied zwischen dem Berliner Flughafen und dem SRF-Newsroom?
(Pause, überlegt). Die Grösse der Projekte. Das eine steht in Zürich, das andere in Berlin. Gemeinsam ist ihnen ihre hohe Komplexität. Im Gegensatz zum Berliner Flughafen, der lange eine grosse Baustelle war, ist unser Newsroom von aussen gesehen fertig – eine Baustelle ist er nicht mehr.

Der Vergleich mit dem Berliner Flughafen wird als Running Gag unter SRF-Mitarbeitenden erzählt. Wussten Sie das?
Journalistinnen und Journalisten sind kreative Menschen – von daher: Klar, kenne ich diesen Witz.

Was tun Sie, dass der SRF-Newsroom nicht auch erst mit neun Jahren Verspätung in Betrieb gehen wird?
Noch einmal: Der Newsroom läuft. Die Kolleginnen und Kollegen arbeiten schon längere Zeit im Gebäude, es wird auch daraus gesendet. Auch die Technologie Full-IP funktioniert, das Schnittsystem ebenfalls. Zwar sind die Studios und der «Master Control Room» noch nicht in Betrieb, doch ich bin zuversichtlich, dass Ende 2021 oder sonst im Frühling 2022 das ganze Gebäude mit allen technischen Systemen in Betrieb gehen wird.

Das sind jedoch volle zwei Jahre Verspätung. Laut Berechnungen von CH Media kostet diese Verzögerung 400'000 Franken pro Monat. Wie erklären Sie diese millionenteuren Zusatzkosten den Gebührenzahlenden?
Es handelt sich nicht um externe Kosten, die ich aus einer unserer Kassen begleichen muss, sondern um interne Leistungen. Ich verschiebe beispielsweise Technikerinnen, die sonst mit anderen Aufgaben betraut wären, auf die Newsroom-Anlagen.

«Positiv ist, dass sich die monatlichen Kosten verringern, je weiter das Projekt voranschreitet»

Wenn Sie intern Ressourcen umschichten, sind das trotzdem Kosten.
Selbstverständlich, damit müssen wir umgehen. Zentral ist für mich, dass die Sicherheit der Systeme gewährleistet ist. Im «Master Control Room» beispielsweise werden die gesamten Satellitensignale, beispielsweise von einer Fussball-WM, koordiniert und in der ganzen Schweiz verteilt – da geht Stabilität vor. Positiv ist zudem, dass sich die monatlichen Kosten verringern, je weiter das Projekt voranschreitet. Es fallen nun nicht mehr jeden Monat volle 400'000 Franken an Kosten an.

Sie müssen auf der anderen Seite stark sparen: wegen Corona 16 Millionen Franken bis Ende Jahr. Im Herbst sprachen Sie von zwei Etappen: 66 Stellen sollen im Januar 2021 abgebaut werden, 145 im Herbst 2021. Sind Sie im Fahrplan?
Die erste Phase ist abgeschlossen. Im Moment sind wir noch in Abklärungen, die Möglichkeiten aufzeigen, wie wir die Anzahl Kündigungen so gering wie möglich halten können. Mein Ziel bleibt auch weiterhin, so wenige Kündigungen wie möglich auszusprechen. 

Sie warten also deshalb zu mit den bis Herbst geplanten Entlassungen. Doch diese Unsicherheit macht die Mitarbeitenden unzufrieden. Oder nicht?
Ich verstehe, dass das eine belastende Situation ist für unsere Mitarbeitenden. Doch gleichzeitig wissen sie, dass sie sich darauf verlassen können, dass wir so wenige Kündigungen aussprechen, wie es irgendwie geht.

Daneben verlieren Sie Aushänge-Schild um Aushänge-Schild, zuletzt Sport-Moderator Jann Billeter. Stimmt es, dass Sie diese «Stars» zu wenig wie Stars behandeln?
Einerseits schmerzen diese Abgänge, keine Frage. Andererseits zeigt sich, dass es in der Schweiz einen Markt gibt mit attraktiven Möglichkeiten für Journalistinnen und Moderatoren. Darüber hinaus eröffnen sich für uns Optionen, neue Talente zu fördern. Das ist uns beispielsweise mit den neuen Gesichtern bei «SRF bi de Lüt» sehr gut gelungen. Vor dem Hintergrund der ganzen Kritik über die Abgänge muss man auch ganz klar sehen, wie viele SRF-Aushängeschilder bleiben, obwohl sie schon sehr lange bei uns arbeiten. Viele entscheiden sich trotz guter Angebote ganz bewusst fürs Bleiben.

Einige Sport-Moderatoren gehen auch deshalb, weil SRF attraktive Sport-Rechte nicht mehr erhalten hat – etwa die Champions League.
Der Sport-Rechte-Markt ist international sehr hart umkämpft. Immer mehr Sport-Angebote verschwinden hinter Paywalls. Dass wir die Champions League nicht mehr zeigen können, tut weh. Doch auch hier muss man sehen: Die Champions League haben wir verloren, alles andere haben wir noch: Nächstes Jahr bleibt beim Live-Eishockey alles beim Alten, wir werden Gespräche führen, um die Spiele weiterhin zeigen zu können. Aktuell laufen die Tour de Suisse und die French Open, im Sommer die Olympischen Spiele, und jetzt startet die Fussball-EM: Alle 51 Spiele können die Leute live auf SRF sehen. Das heisst, wenn man sich die Palette unserer Sport-Rechte anschaut, wird deutlich, dass das ein gutes Angebot ist. Und, bei der ganzen Diskussion um Moderatoren wie etwa Jann Billeter: Es gibt auch Transfers in die andere Richtung. Es haben auch schon Leute von MySports zu uns gewechselt. Das findet dann aber bedauerlicherweise öffentlich viel weniger Beachtung als umgekehrt.

«Diese Fluktuation ist gut, denn sie nützt der Medienlandschaft Schweiz»

SRF als Arbeitgeberin, die die Leute halten kann, bis sie pensioniert werden: Das ist aus Ihrer Sicht also gar nicht mehr erstrebenswert.
Selbst wenn mich jeder Abgang schmerzt, finde ich diese Fluktuation gut. Denn sie nützt der Medienlandschaft Schweiz. Als kleines Land überhaupt einen Markt für gute Journalistinnen und Moderatoren zu haben, ist nicht selbstverständlich.

Nun macht die SVP ernst und lanciert eine Volksinitiative, wobei sie zwei Stossrichtungen skizziert. Vor der Halbierungsinitiative dürften Sie sich mehr fürchten als vor derjenigen, die vorschreiben will, wie die Chefposten besetzt werden sollen. Oder nicht?
Zuerst will ich ganz klar klarstellen: Unsere Unabhängigkeit ist unser wertvollstes Gut. Sie ist nicht verhandelbar. Mit Blick auf die Gebühren-Reduktionsinitiative muss man sehen, dass nicht nur die SRG betroffen wäre, sondern ganz viele kleine private Radio- und TV-Stationen. Viele sehen diese weitreichenden Auswirkungen zu wenig.

Fakt ist: Die SRG ist mit grossen Abstand Hauptbezügerin der Gebührengelder. Eine Gebührenreduktion wäre einschneidend.
Absolut, das hätte grosse Einschnitte zur Folge. Wir könnten den Leistungsauftrag, so wie er aktuell ausgestaltet ist, gar nicht mehr erfüllen. Darüber hinaus frage ich mich schon, denn man muss die Argumente ja immer auch auf ihre Konsistenz prüfen: Eine Partei, die sich gewöhnlich für möglichst grosse Staatsferne einsetzt, will künftig bei der Besetzung unserer Chefposten mitreden und fordert dort ein Parteien-Proporz? Das passt in meinen Augen nicht zusammen.

Aber es stimmt schon: Viele Journalistinnen, die politisch rechts oder konservativ eingestellt sind, gibt es nicht im Leutschenbach. Oder doch? Haben Sie Zahlen dazu?
Relevant ist, ob wir ausgewogen berichten oder nicht. Dass wir dies tun, wird regelmässig durch unabhängige Untersuchungen bestätigt. Wir legen grossen Wert auf Meinungsvielfalt und Ausgewogenheit, und das ist nicht immer zwingend identisch mit Parteien-Proporz.

Die SRG machte letztes Jahr 13 Millionen Franken Verlust. Die Privaten, CH Media, die NZZ oder auch Ringier, vermeldeten im Coronajahr solide Gewinne. Warum ist das bei der SRG anders?
Wir sind kein gewinnorientiertes Unternehmen, wir haben andere Messgrössen – und ich mag den Privaten ihre Gewinne selbstverständlich gönnen. Im Jahr 2020 haben wir im Verhältnis zum gesamten Umsatz einen unschönen, aber vertretbaren Verlust gemacht. Dieser hat verschiedene Ursachen. Man muss beispielsweise sehen, dass wir trotz weitgehenden Stillstands im Coronajahr Verträge etwa zur Audio-/Video-Industrie aufrechterhalten hatten, um bei ihnen nicht für noch grössere Verluste zu sorgen.

Auch SRF ordnete Kurzarbeit an. Seit wann ist diese aufgehoben?
Schon lange. Wir hatten nur während einer kurzen Periode im ersten Shut-down Kurzarbeit beantragen müssen, vor allem für technisches Personal – also Kameraleute und Technikerinnen, die nicht im Homeoffice arbeiten können.

Hätte SRF keine Kurzarbeit beanspruchen könnten, wäre Ihr Verlust noch höher ausgefallen. Warum haben Sie selber nicht auf einen Teil Ihres Lohnes verzichtet?
Wie soll ich das jetzt sagen? (überlegt). Die SRG zahlt keinen Bonus, es handelt sich um eine variable Lohnkomponente. Deshalb kann man das nicht miteinander vergleichen.

«Wenn man betrachtet, dass ich Direktorin bin eines Betriebs mit 3000 Mitarbeitenden, ist mein Lohn im Vergleich zu bundesnahen Betrieben aus meiner Sicht gerechtfertigt»

Im Gegensatz zur SRG hat etwa das SBB-Kader wegen des schwierigen Coronajahres auf einen Teil des Lohnes verzichtet. Haben Sie sich einen solchen Verzicht nie überlegt?
Unsere Löhne sind in den letzten Jahren um 6 Prozent gesunken, und wenn man die Löhne der SRG-Geschäftsleitung mit bundesnahen Betrieben wie der SBB vergleicht, rangieren wir im unteren Drittel. Doch klar, wenn man die Zahl sieht, ist das ein hoher Betrag – somit verstehe ich die Emotionalität bei diesem Thema. 

Dass Sie im Jahr 450'000 Franken verdienen, also in der Grössenordnung wie ein Bundesrat, hat sogar Medienministerin Simonetta Sommaruga empört. Sie findet Ihren Lohn «wenig sensibel». Das müsste Ihnen doch schon zu denken geben.
Meines Wissens ging es nicht um meinen persönlichen Lohn, sondern um das Lohnsystem der SRG.

Was in Ihrem Fall bedeutet, dass Sie mit der variablen Lohnkomponente 450'000 Franken im Jahr verdienen.
Ich möchte meinen Lohn nicht öffentlich machen, denn das wäre meinen Kollegen in der SRG-Geschäftsleitung gegenüber nicht fair. Im aktuellen Geschäftsbericht ist unsere Gesamtlohnsumme genannt, daher könnte man nach Abzug meines Gehalts sehr einfach die Löhne der anderen ausrechnen. Mir ist bewusst, dass ich durchaus einen hohen Lohn habe – je nach Perspektive. Wenn man betrachtet, dass ich Direktorin bin eines Betriebs mit 3000 Mitarbeitenden, ist mein Lohn im Vergleich zu bundesnahen Betrieben aus meiner Sicht gerechtfertigt.

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Wie lange bleiben Sie noch SRF-Direktorin?
(lacht) Uff, diese Frage überrascht mich jetzt. 

Sie kommt vielleicht etwa unvermittelt. Ich frage, denn man munkelt, Sie würden allenfalls nach Bern wechseln in die SRG-Direktion, falls Gilles Marchand nach Abschluss der Sexismus-Untersuchung doch noch zurücktreten müsste?
Ich bin wahnsinnig gerne SRF-Direktorin und werde gerne noch lange hierbleiben.

Gewisse Sendungen wie «52 beste Bücher» oder «Mini Schwiiz, dini Schwiiz» haben Sie abgesetzt. Was kommt auf der anderen Seite neu dazu? Haben Sie ein grosses, neues Format am Start?
Ich bin sehr gespannt auf die neue Talentshow «Stadt Land Talent», mit «Neumatt» und «Tschugger» sind noch dieses Jahr zwei neue Serien zu sehen, nach dem Sommer geht’s los mit «Mini Chuchi, dini Chuchi». Und nicht zu vergessen die neuen Angebote im Radio oder online. Wir entwickeln für alle Kanäle Neues – und darüber freue ich mich.  

Wie zufrieden sind Sie mit den neu lancierten Online-Formaten auf Instagram und YouTube?   
Wir sind sehr zufrieden mit allen Formaten, die wir neu lanciert haben. Beispielsweise bei Virus «Bounce», «Uftakt». Wir haben in Zusammenarbeit mit den Volksmusikverbänden den Facebook-Kanal Volksmusik etabliert und haben neue Reportage-Formate am Start. Wir sind also sehr gut auf Kurs.

 

 

 

 



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Kommentare

  • Donat Grimm, 11.06.2021 13:42 Uhr
    Die Berichterstattung rund um Corona sind alles andere als "ausgewogen". Der SRF ist für mich in den produzierten Sendungen zu wenig differenziert und vertritt grundsätzlich die Meinung des Bundesrats. Böse Zungen reden da von einer "Propaganda Mschinerie" ... Ich bin der Meinung, dass eim öffentlich rechtlicher TV-Sender die Pflicht hat differziert zu berichten. Die Moderatoren müssen entsprechend angewiesen werden.
  • Oliver Brunner, 11.06.2021 10:20 Uhr
    Ich habe selbst als Abteilungswirtschafter bei SRF gearbeitet. Die Gedanken der MA drehen sich nur um die Ausgaben. Wer viel ausgeben kann, ist wichtig. Das sieht man auch an diese völlig überteuerten Newsroom - der von der Entwicklung Richtung nicht lineares TV, Social Media schon überholt ist. Das wichtigste ist, dass jede Sendung/Abteilung Ende Jahr das Budget ausgeschöpft hat, sonst bekommt man im nächsten Jahr weniger. Auch eine Gebührenhalbierung kann diese Dynamik nicht brechen. Dann wird einfach die Hälfte produziert - weiterhin teuer, weiterhin am Publikum vorbei...
  • Victor Brunner, 11.06.2021 08:12 Uhr
    Aus Fairness gegenüber den GL-Mitgliedern nicht bekannt geben? Gegenüber den Gebührenzahler wäre die Bekanntgabe des Lohns fair. Frau Wappler argumentiert nur aus der Blasensicht!
Kommentarfunktion wurde geschlossen

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