Seit dem 26. Juni läuft auf den Meta-Plattformen eine Werbekampagne für die Tamedia-Tageszeitungen. Die textbasierten Anzeigen auf Facebook und Instagram sind Teil der Imagekampagne «Vielstimmig statt eintönig» (persoenlich.com berichtete). Sie tragen Slogans wie «Nicht entweder oder. Sondern sowohl als auch» oder «Nur durch Perspektiven entstehen Einsichten». Unter diesen Werbebotschaften steht in kleinerer Schrift: «Qualitätsjournalismus in zwei Klicks: Abonnieren mit Google».
Wer auf den Knopf drückt, schliesst das Abo nicht beim Verlag ab, sondern über sein Google-Konto. Die Kreditkarte liegt dort bereits hinterlegt, der Kauf wird zum Zwei-Klick-Vorgang. Oder wie ein weiterer Slogan aus der Werbekampagne lautet: «Lesen statt registrieren». Was auch heisst: Die Google-Lösung ist einfacher in der Handhabung als jene von Tamedia.
Die Abo-Abwicklung über Drittplattformen an sich ist nicht neu. Wer mit dem Smartphone eine News-App herunterlädt und ein Abo kauft, wickelt die Transaktion über Google oder Apple ab. Dabei kassieren die Tech-Konzerne kräftig ab und behalten eine Provision von bis zu 30 Prozent des Abo-Preises. Die Verlage akzeptieren das zähneknirschend, würden die Leser aber nie mit einer Werbekampagne darum bitten, ihr Abo doch in der App zu kaufen. Genau das tut nun Tamedia mit seiner Werbekampagne für den Abo-Kauf via Google.
Was die Verlage eigentlich verhindern wollten
In den letzten Jahren machten die Schweizer Verlage einen Schritt in die entgegengesetzte Richtung: weg von den grossen Tech-Plattformen, die sie als Bedrohung fürs eigene Geschäft sahen. Mit der 2018 lancierten Login-Allianz wollten TX Group und Ringier – später ergänzt um NZZ, CH Media und SRG – ein gemeinsames User-Login etablieren. Das Ziel: Die Kundendaten bei sich behalten, «ohne dass ich als User auf ein Login von Google, Facebook oder Apple zurückgreifen muss», so 2021 der damalige Tamedia-Produktchef Christoph Zimmer gegenüber persoenlich.com.
Doch das gemeinsame Login der Schweizer Verlage ist Geschichte. Nach einem Akt der Cyber-Sabotage, der das System vorübergehend lahmlegte, erholte sich das Projekt nicht mehr. Im Oktober 2025 erklärten TX Group, Ringier, NZZ und CH Media das Vorhaben für gescheitert. Seither konzentrieren sich die Verlage auf die Zusammenarbeit bei der digitalen Werbung. Beim Login gehen sie wie zuvor wieder eigene Wege.
Tamedia sieht Google-Lösung «sehr positiv»
«Subscribe with Google» gibt es seit 2018 als Teil der sogenannten Google News Initiative. Acht Jahre lang hielten sich die Schweizer Grossverlage zurück. Nun bietet Tamedia bietet Dienst an. Und nicht nur stillschweigend als zusätzliche Option für die Zahlungsabwicklung, sondern bewirbt ihn offensiv. Der Zürcher Verlag begründet den Schritt so: «Wir sehen den Abo-Verkauf via Google sehr positiv, weil er für unsere Kundinnen und Kunden sehr einfach ist», erklärt Tamedia-Sprecher Edi Estermann. Viele Leute hätten ihre Kreditkarte bereits bei Google hinterlegt. «Damit wird der Kauf zu einem 1-Klick-Moment – was wir aktuell mit einer Kampagne auch aktiv bewerben», so Estermann weiter.
Doch der Komfort für die Nutzerinnen und Nutzer hat seinen Preis. Google macht nichts gratis. Tamedia nimmt das in Kauf: «Wer via Google kauft, hinterlässt da natürlich seine Daten. Wir kriegen von Google dann Namen und E-Mail-Adresse, um den Kunden identifizieren zu können.»
Google übernimmt die gesamte Abwicklung und behält dafür fünf Prozent der Transaktionssumme – die Kreditkartengebühr ist darin bereits eingerechnet. An Tamedia gehen im Gegenzug zwei Informationen: Name und E-Mail-Adresse. Damit kann der Verlag im eigenen System ein Kundenkonto anlegen und den digitalen Zugang freischalten. Zahlungsdaten und Kreditkarteninformationen verbleiben bei Google.
Auch andere Verlage offen für Google-Lösung
Die drei grossen Mitbewerber CH Media, Ringier und NZZ, schliessen den Schritt nicht aus, den Tamedia bereits gemacht hat. «Wir prüfen verschiedene Möglichkeiten, unser digitales Kauf- und Abo-Angebot weiterzuentwickeln, darunter auch ‹Abonnieren mit Google›», so Catherine Mettler, Leiterin Unternehmenskommunikation CH Media. Ein Entscheid sei noch nicht gefallen; unabhängig davon bleibe «der direkte Kontakt zu unseren Kundinnen und Kunden für CH Media wichtig».
Die NZZ unterscheidet zwischen App und Web. In der eigenen App ist der Kauf über Google Play als In-App-Purchase schon heute möglich, wie NZZ-Kommunikationschefin Karin Heim bestätigt. Für Web-Abonnements bietet man «Abonnieren mit Google» derzeit nicht an. Der Verlag überprüft die eigenen Vertriebs- und Bezahlmöglichkeiten aber laufend, so Heim weiter.
Ringier testet mit einzelnen Titeln seiner Medien in Mittel- und Osteuropa die Google-Abo-Funktion, teilt das Unternehmen auf Anfrage mit. «Für Ringier Medien Schweiz setzen wir im Bereich Registrierung und Abonnements derzeit auf unsere bestehende Subscription-Infrastruktur und entwickeln diese konsequent weiter», so Johanna Walser, Chief Communications Officer von Ringier.
Das Verhältnis der Medienunternehmen zu den Big-Tech-Plattformen war schon immer ambivalent: Man nutzt gerne ihre praktischen Dienste, weiss aber, dass man damit einen ohnehin übermächtigen Konkurrenten weiter stärkt. Dass ein Schweizer Verlag seine Kundschaft nun aktiv dazu ermuntert, Daten bei Google zu hinterlegen, gleicht – nach dem Scheitern der Login-Allianz – fast schon einer Kapitulation.


