03.05.2023

Fotograf des Jahres

«Viele meiner Bilder würde ich keiner Redaktion schicken»

Mit seinen Bildern von der Front des Ukraine-Kriegs überzeugte Alex Kühni die Jury des Swiss Press Photo Awards gleich doppelt. Im Interview spricht der Berner Fotograf darüber, wie sich die Ukraine von anderen Kriegsgebieten unterscheidet, wo für ihn die Grenze des Zeigbaren liegt und warum er den Preis seinem Kollegen Dominic Nahr genauso gegönnt hätte.
Fotograf des Jahres: «Viele meiner Bilder würde ich keiner Redaktion schicken»
Der Fotograf des Jahres bei der Arbeit in der Ukraine. (Bild: zVg)
von Nick Lüthi

Alex Kühni, hat es Sie überrascht, dass die Jury von Swiss Press Photo Sie zum Fotografen des Jahres gewählt hat?
Mich hat es vor allem deshalb überrascht, weil ich davon ausging, dass der Fotograf des Jahres vorab informiert wird. Vor ein paar Jahren war das noch so. Darum ging ich recht entspannt an die Preisverleihung. Aus meiner Sicht hätten alle sechs Kategoriensieger den Hauptpreis gewinnen können. Ich kann natürlich verstehen, dass der Ukraine-Krieg ein Riesenthema ist für die Pressefotografie. Das sieht man zurzeit auch bei World Press Photo.

In der Kategorie Ausland des Swiss Press Awards, die Sie auch gewonnen haben, belegte Dominic Nahr auch mit Bildern aus dem Ukraine-Krieg den zweiten Platz. Warum Sie und nicht er?
Dominic ist für mich ein absolutes Idol, er hat schon viel länger und intensiver als Fotojournalist gearbeitet als ich. Umso grösser ist die Ehre, diese Preise zu gewinnen. Ich hätte auch mit dem zweiten Platz vorliebgenommen hinter Dominic Nahr. Wenn ich meine Bilder anschaue, dann hatte ich in vielen Fällen einfach Glück, dass ich im richtigen Moment am richtigen Ort war. Das war oft nur möglich, weil ich mit den richtigen Fixern zusammengearbeitet habe, die einen guten Riecher haben.

Wie muss man sich das vorstellen?
Ein solcher Glücksfall sind die Bilder, die ich bei der Rückeroberung von Liman machen konnte. Ungefähr 25 russische Soldaten sind beim Ortseingang gefallen, als sie versuchten, die Strasse zu verminen, erschossen von den vorrückenden Ukrainern. Das war eine Szene, die hatte nur ein paar Stunden so bestanden. Alle Brücken waren gesprengt, es gab nur einen Damm durch ein geflutetes Schlammgebiet. Wir hatten ein Auto mit Allradantrieb und konnten so über diesen Damm fahren, andere Journalisten blieben stecken. Wir sind einfach weitergefahren, obwohl es noch Artilleriebeschuss gab. Ich bin dann ausgestiegen und habe angefangen zu fotografieren. Ich hatte die Szene eine gute Stunde für mich allein. Erst später, als ich schon wieder weg war, kamen dann Presseleute zusammen mit der Armee. Das ist einfach ein Glück, das du haben kannst oder nicht.

Welche Rolle spielen die Fixer?
Ich habe in der Ukraine mit verschiedenen Fixern zusammengearbeitet. Das ist wie in jedem Konfliktgebiet. Du reist zwei-, dreimal hin, arbeitest mit verschiedenen Leuten und dann findest du hoffentlich deine Leute, mit denen du dann nur noch zusammenarbeiten willst. In der Ukraine habe ich nun zwei Fixer, denen ich absolut vertraue. Die Chemie muss stimmen. Du machst alles zusammen, wohnst und kochst zusammen. Es gibt auch solche, die dir versprechen, sie hätten die besten Kontakte, aber schliesslich nichts bieten und nur Geld verdienen wollen.

«Wer in einem Kriegsgebiet in der Ukraine fotografieren will, muss möglichst viele Presseoffiziere kennen»

Aber am Ende entscheidet die Armee, ob Sie an der Front fotografieren dürfen?
Wer in einem Kriegsgebiet in der Ukraine fotografieren will, muss möglichst viele Presseoffiziere kennen, die dann den Kontakt herstellen zu den Kommandanten der Armee. Wenn das klappt, lässt einen der Kommandant vieles machen. Den Kontakt zu den Presseoffizieren stellt aber der Fixer her. Was in meinem Fall auch damit zu tun hat, dass ich die Sprache nicht spreche und darum auf die Fixer angewiesen bin.

Als am 24. Februar 2022 die ersten russischen Bomben auf Kiew fielen, was ging da in Ihnen vor?
Ich war damals in Bern. An dem Morgen war ich früh wach und habe die Videos geschaut von den russischen Raketen, welche die Flughäfen um Kiew trafen. Vom Schweizerischen Korps für humanitäre Hilfe (SKH), für das ich regelmässig als Fotograf arbeite, hatte ich eine Anfrage erhalten, ob ich eine humanitäre Mission nach Polen und in die Westukraine begleiten wolle. Ich war dann im März 2022 zuerst zwei Wochen mit dem SKH unterwegs als Teil der Fachgruppe Information. Da fotografiere und filme ich für die Publikationen des Aussendepartements und betreue Medienanfragen; ich bin dann quasi Presseoffizier.

Dass Sie für das SKH arbeiten, heisst auch: Mit der Pressefotografie allein kämen Sie nicht über die Runden.
Das ist so. Ich unterrichte ausserdem noch an der Schule für Gestaltung Bern und arbeite für das Verteidigungsdepartement VBS. Im Moment begleite ich Armeechef Süssli und Departementschefin Amherd auf Staatsbesuchen. Das ist reine Protokollfotografie. Mittlerweile erhalte ich sehr viele Anfragen für Referate. Im vergangenen Herbst waren es bis zu drei Auftritte pro Woche, bei Rotary Clubs an Wirtschaftsforen oder vor Polizeikorps. Inzwischen kommen auch öffentliche Publikumsreferate dazu. Das mache ich sehr gerne, weil es eine sehr direkte Art von Journalismus ist. Da sind dann nur ich und meine Bilder auf der Bühne und die Leute kommen bewusst wegen des Themas. Das ist eine andere Situation, als wenn jemand durch die Zeitung blättert oder eine Website anschaut und per Zufall auf meine Bilder stösst.

«Ich musste immer wieder erklären, warum die Schweiz keine Munition liefert»

Wie unterscheidet sich die Situation in der Ukraine von dem, was Sie in anderen Kriegsgebieten der Welt erlebt haben?
Man steht einer Armee gegenüber, die extreme Waffen hat. Die russische Artillerie reicht sehr weit. Als ich 2016 in Mosul im Irak war, wusste ich, dass die Mörser des IS fünf Kilometer weit reichen. Weiter weg war man sicher vom Beschuss. Am Abend gingen wir zurück nach Erbil und assen in Ruhe Pizza. In der Ukraine, wo sich zwei technologisch hochgerüstete Armeen gegenüberstehen, habe ich zehn Kilometer hinter der Front in Bachmut übernachtet und in unserem Quartier haben in der Nacht Artilleriegeschosse eingeschlagen.

Spüren Sie in der Ukraine eine Wertschätzung für Ihre Arbeit?
Eher weniger, weil die Schweiz keine Waffen liefert. Deutsche und amerikanische Medien erhalten einen viel besseren Zugang, gerade zu den Waffen, die ihre Länder liefern. Ein deutscher Fotograf will natürlich den Gepard- oder Leopard-Panzer schauen gehen, der Amerikaner seine Artillerie. Ich musste dagegen in einer Woche dreimal erklären, warum die Schweiz keine Munition liefert.

Ihre von Swiss Press Photo ausgezeichneten Arbeiten, ob 2018 aus dem Irak, 2020 aus Hongkong und auch jetzt aus der Ukraine, veröffentlichten Sie jeweils in den Tamedia-Zeitungen. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit?
Vor Jahren habe ich mal beim «Bund» angefragt, weil die Redaktion gleich bei mir in der Nähe liegt, ob ich mein Portfolio zeigen dürfe. Seither veröffentliche ich regelmässig für Tamedia-Titel. Ich bin auch etwas faul und froh, dass ich eine Redaktion habe, die meine Bilder nimmt. Kommt dazu, dass der Schweizer Markt klein ist.

Haben Sie sich auch schon über redaktionelle Entscheide geärgert?
Mir ist klar, dass Tamedia ein Produkt machen muss, das ihren Kunden, den zahlenden Abonnenten, gefällt. Darum kommt nicht jedes Bild in die Zeitung, das ich gerne veröffentlicht sähe. Das ist oft mein Problem, dass die Szenen vor Ort so extrem sind, dass ich sie fotografisch abstrahieren muss, damit sie überhaupt eine Chance haben, publiziert zu werden.

Sie filtern also bereits beim Fotografieren ein erstes Mal?
Ich nehme Sachen oft in die Unschärfe, damit man nicht irgendeinen Körperteil im Bild sieht. Grundsätzlich sehe ich meine Aufgabe darin, zu dokumentieren, was da ist. Manchmal sind die Situationen aber so drastisch, dass ich etwas stellvertretend zeigen muss. In Mosul war ich einmal an einer Sammelstelle für Verwundete in einem alten Schulhaus. Da kamen im Minutentakt Schwerverletzte rein. Tote Kinder stapelten sich, alles war voller Blut. In einem Moment, als gerade keine Verwundeten reinkamen, ging einer der Helfer raus und wusch das Blut von einer Bahre. Davon habe ich dann ein Bild gemacht, stellvertretend für das, was drin passiert ist. Das wurde dann auch so veröffentlicht. Aber ich habe viele Bilder auf der Festplatte, die ich gar nie einer Redaktion schicken würde.

Wo liegt für Sie die Grenze des Zeig- und Zumutbaren?
Die Grenze ist die Identifizierbarkeit von Leichen. Auf meinen Bildern erkennt man niemanden einfach so.

«Redaktionen sind heute bereit, mehr zu zeigen. Durch Social Media kommt der Tod zurück in die Öffentlichkeit»

Ist es auch Ihre Wahrnehmung, dass es aus dem Ukraine-Krieg noch einmal drastischere Bilder zu sehen gibt als aus früheren Kriegen und Konflikten?
Das ist vor allem eine Folge der Helmkameras der Soldaten. Erst vor zwei Wochen zeigten verschiedene Onlinemedien einen achtminütigen Film, der den Kampf in den Schützengräben aus der Perspektive eines Soldaten zeigt. Redaktionen sind heute bereit, mehr zu zeigen. Durch Social Media kommt der Tod zurück in die Öffentlichkeit. Heute kann man jedem Fotografen auf Instagram folgen und sieht ganz viele explizite Bilder.

Ein grosses Thema ist gegenwärtig die automatisierte Bildgenerierung mithilfe künstlicher Intelligenz. Welchen Einfluss hat das auf Ihre Arbeit?
Da ist zuerst einmal eine Angst, wie sie alle Kreativen haben. Ich erinnere mich noch, als Photoshop aufkam, entstand ein Misstrauen digitalen Bildern gegenüber. Dazu haben auch Verfehlungen von Profis beigetragen, die Bilder unzulässig bearbeitet haben. Ich erinnere mich etwa an den Rauch über Beirut 2008, der im Photoshop dupliziert wurde, als er war. Oder das in Blut eingefärbte Wasser auf einem Bild nach dem Attentat von Luxor. Ich glaube, KI ist noch mal ein ganz anderes Kaliber. Klar kann niemand ein Bild von mir ersetzen, das ich an der Kriegsfront bei Bachmut gemacht habe. Aber das Vertrauen in die Bilder wird weiter abnehmen. Das ist meine Angst, dass meine Arbeit viel weniger glaubwürdig wird, wenn die KI viel besser wird.

Zurzeit unterrichten Sie an der Schule für Gestaltung in Bern. Wann geht es wieder los in den Krieg und wohin?
Ich möchte in der Ukraine dranblieben. Aber ich weiss noch nicht wann. Die Zugangsmöglichkeiten ins Kriegsgebiet sind nicht immer gleich gut. Sobald es geht, will ich wieder so nah an die Front wie möglich, soweit ich es vertreten kann. Ich möchte das Leben der Soldaten dokumentieren und der Leute, die dort immer noch leben. Vor allem alte Leute harren in ihren Wohnungen aus mitten im Kriegsgebiet. Das ist der Irrsinn.



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