19.09.2013

Keystone

"Wir haben unsere Augen überall"

60 Jahre, 75 Mitarbeitende, darunter 20 festangestellte Fotografen und ein Archiv mit über 11 Millionen Bildern, die einen wichtigen Bestandteil des visuellen Gedächtnisses der Schweiz bilden: Dies Keystone in Zahlen. Am Donnerstag und Freitag öffnete die bekannte Bildagentur die Türen, um den 60. Geburtstag "in schweizerischer Bescheidenheit" zu feiern, wie es CEO Jann Jenatsch ausdrückt. persoenlich.com besuchte ihn im Zürcher Binz-Quartier. Im Interview spricht der 50-Jährige unter anderem über historisch bedeutende Fotos, PR-Bild-Angebote und über das Problem der illegalen Bild-Verwendung.
Keystone: "Wir haben unsere Augen überall"

Herr Jenatsch, Sie feierten am Donnerstag und Freitag 60 Jahre Keystone mit einem Fest. Warum gibt dieser Geburtstag Anlass zu feiern?
Wir feiern, dass es uns noch gibt und wir wollen jenen, die Keystone mitgestaltet haben, etwas zurückgeben - dem gesamten Team und unseren Kunden, die uns treu sind. Mit aller Schweizer Bescheidenheit machen wir das mit einem Grillabend und nicht mit einer grossen Gala. Das Fest ist auch ein Anlass sich zu fragen, wo man als Firma überhaupt steht, ob sie denn in fünf Jahren - mit 65 - allenfalls pensioniert werden muss (schmunzelt).

Sie laden zu zwei Tagen der offenen Tür.
Ja. Und ich freue mich besonders auf unsere Gäste und Besucher. Ich rechne etwa mit 100 Leuten pro Tag. Es geht uns an beiden Tagen darum, den Leuten zu zeigen, was bei uns hinter den Kulissen abläuft. Viele denken immer, dass Keystone ein wahnsinnig grosses Unternehmen ist.

Was bedeutet Keystone aus Ihrer Sicht für die Schweiz?
Ein Glücksfall! (lacht). Wir sind eine nationale Agentur - das haben wir uns selber auf die Fahne geschrieben. Wir produzieren möglichst im Sinn unserer Kunden, für Medien, Corporates, Organisationen, kleine und grosse Unternehmen und versuchen dabei immer möglichst nahe an der Schweiz zu sein. Wir sind national aufgestellt, d.h. wir haben Aussenstellen in allen Regionen der Schweiz, Fotografen, die das regionale und überregionale Geschehen begleiten und es für die anderen Teile der Schweiz zugänglich machen. Wir bilden damit sozusagen unser föderalistisches System ab, denn die Fotografen sind in den jeweiligen Regionen dafür verantwortlich, welche Geschichten sie erzählen - natürlich in engem Kontakt zu Zürich, aber eben auch als Fotojournalisten und nicht einfach als "Knipser". Zudem verfügt Keystone mit über 11 Millionen historischen Bildern über das bedeutendste Fotoarchiv der Schweiz, ein fast unendlicher visueller Fundus zur sozialen Geschichte unseres Landes.

Warum steht das Bild mit den drei Bauarbeitern des San-Bernardino-Tunnels aus den 50er Jahren als Titelbild für das Jubiläum?
Ich finde das einfach super!


Drei Bauarbeiter halten sich vor einer Sprengung beim Bau des grossen St. Bernhard-Tunnels am 25. Mai 1960 die Ohren zu.

Haben Sie es denn auch gewählt?
Ja. Die Arbeiter halten sich die Ohren zu, können also nicht hören, sie haben alle eine Zigarette im Mund und können nicht reden. Sie können nur schauen. Zudem steht hier eine Laterne an einem Pfahl für Licht. Das frühere Logo von Keystone, welches bis vor wenigen Jahren noch verwendet wurde, bestand aus drei Männchen, aus drei rennenden Fotografen. Die drei Bauarbeiter könnten die drei Männchen sein. Das gewählte Bild hat einen gewissen Schalk und nimmt sich nicht so bitterernst. 


Das ehemalige Logo von Keystone.


Das Jubiläumsbuch enthält 60 Postkarten aus 60 Jahren.

Nach welchen Kriterien wurden die Bilder für das Jubiläums-Postkartenbuch ausgesucht? Sollte jedes Bild für das entsprechende Jahr repräsentativ sein?
Nein, es ging bei der Auswahl der Bilder nicht darum, das wichtigste, beste oder schönste Bild aus jedem Jahr zu bestimmen, sondern vielmehr darum, eine entsprechende Stimmung aufzubauen. Wir sehen beispielsweise wie "unser" Franz Weber im Jahr 1987 von der Kantonspolizei abgeführt wird. Im Jahr 2009 sehen wir jedoch einen mit Saharastaub gesättigten Abendhimmel über dem Calanda. Es ging bei der Auswahl auch um neue Sichtweisen. Es ist uns aufgefallen, dass sich die Fotografie seit den 50er Jahren sehr stark verändert hat. Sie ist technischer und ästhetischer geworden, auch besser, aber der Mensch ist ein wenig in den Hintergrund getreten. Diese Veränderung wollten wir mit dem Buch aufzeigen. Es ist eine subjektive Sichtweise. 


Umweltschuetzer Franz Weber wird am 30. Juni 1987 in Montreux verhaftet und abtransportiert.


Abendhimmel über dem Calanda im Mai 2009.

Welches Bild hat Keystone besonders geprägt?
Da gibt es mehrere. Ein Beispiel, das sich auch im Jubiläumsbuch findet, ist das Lawinenbild aus dem Jahr 1999, dem Lawinenwinter. Es gelang dem Fotografen Fabrice Coffrini eine mächtige Lawine, eine Staublawine, zu fotografieren. Das war zu jener Zeit ein ganz wichtiges Bild, da es bis dahin keine aktuellen Bilder von Lawinen gab. Plötzlich kam Keystone mit diesem Bild. Es war auf dem Titel des "Spiegel" und von amerikanischen Magazinen, ja, das Bild ging um die Welt. Es gibt immer wieder Bilder, die Geschichte machen, obwohl wir ja in einem sehr ruhigen Land leben. Ebenfalls ein Bild, das in Erinnerung bleiben wird, ist dasjenige von Laurent Gilliéron, das dieses Jahr mit dem Swiss Press Photo Award ausgezeichnet wurde.


Staublawine in Evolène im Lawinenwinter 1999.


Busunfall in Sierre mit zahlreichen Rettungskräften. Das Bild wurde zum Swiss Press Photo 2013 gewählt.

In den 50er/60er Jahren lag der Fokus der Fotografie eher auf Reportagen. Worauf liegt er heute?
Das ist heute nach wie vor so. Wir wollen mit Bildern Geschichten zu erzählen. Neben den Newsfotografen haben wir zwei Themenfotografen. Diese arbeiten mit einer anderen Geschwindigkeit. Im Rahmen von langfristigen Projekten werden Themen wie zum Beispiel der „Gotthard“ erarbeitet. Der Gotthard wird nicht nur als Berg, Strasse oder als Tunnel gezeigt, sondern auch die Perspektive des Menschen, der mit dem Gotthard lebt, soll erkennbar sein. Die 50er/60er waren die Jahre der grossen Illustrierten. Heute haben wir neue Geräte,  Tablets, mit denen Geschichten mit zahlreichen Bildern erzählt werden können. Wir stehen vor einer neuen Ära des  Geschichtenerzählens. Heute reden wir eher von "Stories" und "Storytelling", als von "Reportagen". 

Die Digitalisierung hat auch für Keystone einen rasanten Fortschritt bedeutet. Sie haben vorhin gesagt, dass Sie feiern, dass es Sie noch gibt. Was bereitet Keystone Sorgen?
Unser Kerngeschäft sind News und unsere Medienkunden. Die Medien befinden sich in einem Strukturwandel, der noch nicht genau vermuten lässt, in welche Richtung er geht. Das bekommen wir sehr stark zu spüren. Auch deswegen probieren wir etwas in die Breite zu gehen. Wir wollen das Mediengeschäft aufrecht erhalten, daneben aber auch unseren Kundenstamm mit Organisationen, Unternehmen, Bundesämtern und dergleichen ausbauen. Das machen wir relativ erfolgreich, indem wir zum Beispiel mit dem Fussballverband zusammen arbeiten. Vom Mannschaftsbild bis zum Panini-Bildli stammen alle Fotos von Keystone. Mit diesen Zusatzgeschäften können wir den Druck etwas entschärfen. Auch durch Bewegtbilder und Infografiken wird uns die Abhängigkeit von den Medien etwas genommen.

Apropos Bewegtbild: Wie gross ist das Video-Team bei Keystone?
Das sind vier Leute plus alle Fotografen. Häufig machen die Fotografen auch Videos. Das sind dann 20-Sekunden-Filmchen mit Originalton jedoch ohne Interviews. Die Leute vom Video-Team hingegen gestalten ganze Beiträge, um die eineinhalb Minuten Länge mit Interviews und Quotes. 

Wie kommt das Bewegtbild-Angebot bei den Medienhäusern an? Besteht eine grosse Nachfrage?
Es besteht natürlich eine Nachfrage. Von allen Seiten bekommen wir jedoch zu hören, dass man mit Videos zu wenig Geld generieren könne. Dabei bietet es sich doch an, am Anfang oder am Ende eines News-Videos Werbefilme anzuhängen. Print hat nach wie vor eine höhere Wertigkeit und es ist nicht abzusehen, wann sich das umkehrt. Das ist unsere grosse Krux, das sind unsere Sorgen. Aus diesem Grund müssen wir schauen, wie wir uns in anderen Bereichen unsere Unabhängigkeit bewahren können. Werfen wir einen Blick zurück: Beim Wandel vom Analogen zum Digitalen mussten wir unsere Kunden auch schrittweise von den Pixeln überzeugen. 

Mit der Digitalisierung ist es auch einfacher geworden, Bilder missbräuchlich oder illegal zu verwenden. Wie gehen Sie da vor?
Wir haben unsere Augen überall. Derzeit prüfen wir ein sogenanntes Copyright-Monitoring. Dadurch lässt sich überprüfen, wo überall unsere Bilder verwendet werden und ob dafür auch bezahlt worden ist. Grundsätzlich verfügen wir jedoch über eine sehr gute Kundennähe. Wir reden mit unseren Kunden und diese melden uns, ob und wie sie unsere Bilder verwenden. 

Haben Sie keine Angst, dass Sie dabei die Übersicht verlieren?
Natürlich kann man Angst haben, aber wir gehen eigentlich recht restriktiv vor. Wir überlegen uns klar, wem wir unsere Bilder geben und es ist uns wichtig, wie und in welchem Umfeld unsere Bilder eingesetzt werden. Wir wehren uns gegen eine diskriminierende Darstellung und gegen eine sinnentstellende Verwendung im redaktionellen Umfeld. Wir legen grossen Wert auf einen journalistischen Umgang mit unseren Newsbildern. Privatpersonen erhalten beispielsweise keinen Zugriff auf unsere Datenbank und mit Bloggern führen wir Gespräche, bevor wir Ihnen ein Login geben.

Wie gehen Sie da vor?
Wenn wir angefragt werden, ob ein gewisses Bild für ein Blog verwendet werden darf, suchen wir das persönliche Gespräch mit dieser Person. Das haben wir beispielsweise mit "Journal 21" so gemacht. Dort arbeiten rund 80 Journalisten, die unter anderem Hintergrundinformationen, Analysen und Kommentare in Blogform bieten – dies unter der Ägide von Heiner Hug, mit dem ich das Gespräch zur Verwendung von Bildmaterial aus unserem Haus gesucht habe. Daraus ist eine wunderbare Partnerschaft entstanden.

Sie haben die Zusammenarbeit mit dem Fussbllverband angesprochen. Welche anderen Unternehmen kaufen Keystone-Foto-Dienstleistungen?
Das sind beispielsweise die SBB, Zürich Tourismus oder Romande Energie. Zudem haben wir noch die Tochtergesellschaft PPR Mediarelations, die für PR-Bilder zuständig ist. PPR kommt zum Einsatz wenn ein Unternehmen wie beispielsweise die UBS als Sponsorin eines Events fungiert und dieser als Marketingmassnahme bis in die Medienredaktionen gelangen soll. Der Anlass wird dann fotografisch so umgesetzt, dass der Sponsor sichtbar wird. Solche PR-Bilder werden entsprechend als kommerzielles Produkt gekennzeichnet. Vor einigen Jahren wurde Keystone vom Journalistenverband Impressum vorgeworfen, nicht sauber zu arbeiten (persoenlich.com berichtete). Es ging um ungenügende Transparenz bei kommerziellen Bildern. Der Presserat hiess die Beschwerde gut und rügte uns, dass wir die verschiedenen Bilder besser kennzeichnen müssten. Wir konnten aufzeigen, dass wir die beiden Bereiche, PR- und Nachrichtenbild, sauber voneinander trennen. 

Sie sind seit 1986 bei Keystone. Damals fingen Sie während Ihres Architekturstudiums bei Keystone als Kurier an und sind geblieben...
... die Welt hat mich sehr fasziniert. Ich bin zwar Architekt, habe das Studium abgeschlossen. Diese Geschwindigkeit der Bildagentur hat mir damals sehr entsprochen. Bild und Geschwindigkeit ist nicht sehr weit weg von der Architektur. Architektur ist auch Licht, Mensch und Raum - wie in der Fotografie. Ich betone immer wieder, dass ich den besten Job auf der Welt habe.

Interview: Lea Friberg; Bilder: Keystone

 


Der Name Keystone
Der Begriff Keystone kommt aus dem Bogenbau, wo es einen sogenannten Schlüsselstein braucht, um einen Bogen zusammen zu halten. Daher stammt der Name der Bildagentur. Auch das ehemalige trapezförmige Logo des Unternehmens war ursprünglich einem Schlüsselstein nachempfunden.

Geschichtliche Meilensteine
1891
Gründung der "Keystone View Company" in den USA
Ungarischer Emigrant Bert Garai gründet "Keystone Press" als Bildagentur bis zum zweiten Weltkrieg
1953 Der Schweizer Journalist Max Schneider gründet am Seilergraben in Zürich eine unabhängige Keystone-Filiale
1962 Ringier kauft die bestehende Bildagentur ATP und Keystone übernimmt deren Zusammenarbeit mit internationalen Agenturen; Fotograf Hans-Ueli Blöchliger wird zum Chefredaktor bis zu seiner Pensionierung 2002
1980 Keystone kauft Photopress auf; Aufbau einer PR-Bild-Abteilung unter dem Namen Photopress (heute PPR)
1988 Umzug in neue Räume an der Grubenstrasse
1997 Erstmals Präsenz im World Wide Web, Ausrüstung der Fotografen mit digitalen Kameras
2008 Kauf von Keystone durch österreichische Nachrichtenagentur APA und schweizerische SDA und Wahl von Jann Jenatsch zum Geschäftsführer
2012 Aufschaltung der neuen Website mit neuen Funktionen; Aufbau Video- und Infografikabteilung

Ausführlichere Geschichte von Keystone:

60 Jahre KEYSTONE.pdf



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