24.09.2023

Familie und Karriere

«Töggelikästen im Gang reichen nicht mehr»

Vor vier Jahren hat sich die ehemalige Werberin Diana Wick mit einem Coworking-Space mit Kinderbetreuung selbstständig gemacht. Im Interview sagt sie, warum sich der Fokus auf eine bessere Vereinbarkeit für Unternehmen lohnt. Müttern oder Väter rät sie, aktiv Lösungen anzubieten.
Familie und Karriere: «Töggelikästen im Gang reichen nicht mehr»
«Je mehr Karriere neu gedacht wird, umso mehr Möglichkeiten eröffnen sich für all jene, die am Ball bleiben wollen», sagt Diana Wick, Mitgründerin von Tadah. (Bild: Mädy Georgusis)

Diana Wick, ist die Schweiz eine Vereinbarkeitswüste?
Ja, das ist sie. Für Menschen wie Sie und mich ist das nicht so gäbig. Für Unternehmen hingegen ist es gut, weil sie sich so bereits mit wenigen Vereinbarkeitsmassnahmen hervortun können.

Sie brachten dieses Wort vor vier Jahren ein, als Sie Tadah mitgründeten – einen Coworking-Space mit Kinderbetreuung. Wie läuft das Geschäft heute?
Gerade weil die Schweiz noch eine Vereinbarkeitswüste ist, läuft es gut. Die Eltern sind nach wie vor froh, einen Ort zu haben, an dem sie ihre Kinder flexibel betreuen lassen und gleichzeitig arbeiten können. Und die Unternehmen sind froh, einen Partner zu haben, der ihnen hilft, sich dem Thema Vereinbarkeit strategisch anzunehmen. Kurz: Es läuft. Und wir sind sehr stolz darauf, dass es uns trotz Pandemie und Lockdown noch gibt, dass wir nicht schliessen mussten, sondern uns im Gegenteil vergrössert haben.

Sie hatten aufgrund der Coronapandemie einen erschwerten Start. Welches sind heute die Haupteinnahmequellen von Tadah?
Ein Gemeinschaftsbüro war in den Corona-Jahren nun nicht unbedingt «the place to be». Aber wir haben die Zeit genutzt. Wir haben ein White Paper über Vereinbarkeit in Schweizer Unternehmen geschrieben, haben bei der Swiss Re das Kids House – eine flexible Inhouse-Kinderbetreuung – eröffnet und beraten inzwischen mittlere und grosse Firmen in Sachen Vereinbarkeit. Ganz lean und unkompliziert. Ganz – ehemalige – Werberinnen fokussieren wir auf das Positive: Was ist bereits da an Vereinbarkeitsmassnahmen? Wo gibt es Gaps und besteht demnach noch Handlungsbedarf? Was muss besser kommuniziert werden? Aber mittlerweile ist unser Coworking-Space auch wieder eine der wichtigen Haupteinnahmequellen.

«Unternehmen haben dieser Tage häufig in ihren Zielen verankert, mehr Frauen in die Führungsetagen zu holen. Dafür müssen sie aber entsprechende Rahmenbedingungen bieten»

Welches Interesse haben Unternehmen an einer funktionierenden Vereinbarkeit von Familie und Beruf?
Es ist ganz einfach: Unternehmen möchten der Arbeitgeber sein, zu dem die Leute gerne gehen – und bei dem sie bleiben. Das konnten sie bis anhin mit einem dicken Batzen lösen. Mit guten Karriereaussichten. Jetzt ist eine Generation am Start, die plötzlich über Work-Life-Balance spricht. Und bereits Teilzeit arbeiten will, bevor Kinder da sind. Diese Generation, die übrigens bereits mehr als 25 Prozent des Arbeitsmarktes ausmacht, fordert bei ihren Arbeitgebern echte Vereinbarkeit ein. Töggelikästen im Gang reichen nicht mehr. Flexible Arbeitszeiten, Homeoffice oder Job- oder gar Topsharings. Dies kann man sich zwar eben mal alles rasch auf die Fahne schreiben. Wenn man es aber in die Unternehmens-DNA aufnimmt, bleibt es kein blosses Lippenbekenntnis. Stichwort authentisches Employer Branding.

«Es geht um Rollenbilder, die Unternehmen haben und kommunizieren. Hier leistet die Swisscom beispielsweise Pionierarbeit»

Wie sehen solche Lippenbekenntnisse aus?
Unternehmen haben dieser Tage häufig in ihren Zielen verankert, mehr Frauen in die Führungsetagen zu holen. Dafür müssen sie aber entsprechende Rahmenbedingungen bieten. Denn wenn Frauen Mütter werden, kommen Führungspositionen oft nicht mehr in Frage. Das merkt man ja nicht nur in der Kommunikationsbranche, sondern überall. Die Kreativdirektorin, welche drei Kids daheim hat und zwei Nannys, das ist nicht das, was die Mehrheit von uns anstrebt. Toll für die, die das so auf die Reihe kriegen. Aber viele Frauen möchten das nicht. Wo sind die Role Models, die Karriere anders leben? Und die Firmen, die dies möglich machen?

Welche Firmen beraten Sie punkto Vereinbarkeit?
Wie bereits erwähnt, geht es um Rollenbilder, die Unternehmen haben und kommunizieren. Hier leistet die Swisscom beispielsweise Pionierarbeit und bietet Einblicke in die ganze Bandbreite an unkonventionellen Karrierewegen. Es geht darum, Geschichten zu erzählen und aufzuzeigen: All das ist in unserem Unternehmen möglich. Auch für mich. Vereinbarkeit, da geht es ja nicht nur um das Kind und den Job, sondern darüber, das ganze Privatleben in Vereinbarkeit mit dem Berufsleben zu bringen.

Was haben Sie dabei konkret für die Swisscom umgesetzt?
Wir haben verschiedene Interviews geführt und aufbereitet. Von der Weiterentwicklung abseits des Bürotisches, vom Kadermitglied, das plötzlich alleinerziehend war, von Führung in Teilzeit oder von Elternpflege.

Eltern müssen häufig pünktlich los abends, fallen aufgrund kranker Kinder spontan aus oder sind unflexibel punkto Ferien. Als Co-Chefin eines kleinen Unternehmens kennen Sie diese Herausforderung. Wie gehen Sie damit um? 
Es gehört bei uns einfach dazu. Wir können nicht über Vereinbarkeit schreiben und selbst die Faust im Sack machen, wenn eine Angestellte früher heimmuss, weil mit dem Kind etwas ist. Was ich aber immer wieder sage, ist: Ein Vater kann auch kranke Kinder betreuen und hat von seinem Arbeitgeber ebenfalls drei Tage pro Krankheit zugute, die er einziehen kann. Es soll und muss gleichmässig aufgeteilt sein.

«Es war alles andere als vereinbarend und ich war oft überfordert, gestresst»

Sie haben selbst zwei Kinder. Wie schaffen Sie es, Karriere und Familie zu vereinen?
Ehrlich? Als die Kinder kleiner waren, nicht so gut. Ich habe mein eigenes Unternehmen mitgegründet, da war die Kleine zwei und die Grosse fünf. Es war alles andere als vereinbarend und ich war oft überfordert, gestresst. Ich konnte mich schlecht abgrenzen und hab mich schlecht gefühlt. Das ist jetzt alles besser, auch weil ich nun jeden Tag meditiere und Yoga mache. Scherz beiseite. Ich mache weder noch, sondern habe mich schlicht besser an die Situation gewöhnt. Und ich kann besser priorisieren. Aber wenn man frisch gründet und Angestellte hat, die Fragen haben, dann muss man die beantworten. Halt auch an den Tagen, an denen man mit den Kindern daheim ist. Je grösser die Kinder werden, desto besser kann ich mich organisieren. Aber auch jetzt ist Präsenz gefordert. Schulprobleme oder Aufgaben – auch hier muss man mit Kopf und Herz da sein und nicht immer am Handy oder am Computer. Es ist mir wichtig, dass beides geht. Aber das geht es halt nicht immer. Zumindest nicht immer gleich gewichtet.

Was sind für Sie die grössten Herausforderungen? 
Die Logistik. Ich liebe es, zu arbeiten. Erst recht, seit ich selbstständig bin, aber auch schon vorher. Aber ich hatte immer Jobs, die projektbezogen waren. Unvorhergesehenes kam häufig in die Kita-Quere. Mein Mann und ich haben oft die Arbeitstage getauscht, er braucht selbst viel Flexibilität in seinem Job. Aber es ging nicht immer. Und auch die Grossmutter konnte nicht immer. Dann ging es los mit Organisieren, Lösungen suchen, das hat mich manchmal richtig fertiggemacht. 

Sie nehmen Arbeitgeber in die Pflicht. Wäre da nicht auch die Politik gefragt?
Ich sehe momentan bei Unternehmen den grössten Hebel. Sie können bereits mit wenigen Vereinbarkeitsmassnahmen viel bewirken. Zur Politik: In einem Land, in dem es vor 50 Jahren noch kein Frauenstimmrecht gab, sind wir es gewohnt, dass die Dinge langsam vorangehen. Aber wir bleiben dran und wählen in der Zwischenzeit die richtigen Leute in die richtigen Positionen, die das Richtige bewegen.

Sie sowie Ihre drei Gründungskolleginnen waren zuvor in der Werbe-, beziehungsweise Kommunikationsbranche tätig. Welche Rolle spielt Kommunikation beim Thema Vereinbarkeit?
Einige Unternehmen tun schon viel Gutes. Jetzt müssen sie noch darüber sprechen, dann kommt es noch besser. Denn: Eine Vereinbarkeitsmassnahme, auch eine solche, für die wahnsinnig viel Geld ausgegeben wurde, ist nichts wert, wenn niemand von ihr weiss.

«Es ist aber nicht nur eine Bringschuld seitens Unternehmen»

Als Sie sich mit Tadah selbstständig machten, kritisierten Sie die Kommunikationsbranche in Bezug auf fehlende Vereinbarkeit scharf. Wo haben sich die Agenturen mittlerweile bewegt?
Ich bin nicht mehr in der Werbung tätig. Somit sehe ich nicht mehr hinter die Agenturfassaden. Was ich von meinen früheren Gspänli aber weiss: Da gibt es grossartige kreative Frauen, die in Teilzeit arbeiten und Awards einfahren. Topsharings auf oberster Beratungsstufe. Väter in Teilzeit. Und, man glaubt es kaum: Homeoffice. Gab es zu «meiner» Zeit nicht oder nur sehr vereinzelt.

Wo könnten die Werbeagenturen mehr tun? 
Wenn wir die fehlenden Frauen nehmen, wage ich zu behaupten: Hier steigen viele Frauen einfach auch aus, weil sie es sich nicht vorstellen können, mit Kind so weiterzuarbeiten. Je mehr Karriere neu gedacht wird, umso mehr Möglichkeiten eröffnen sich für all jene, die am Ball bleiben wollen. Es ist aber nicht nur eine Bringschuld seitens Unternehmen. Man muss mit den Unternehmen aktiv an Lösungen arbeiten. Was brauche ich in den kommenden Monaten und Jahren? Wie könnten wir es gemeinsam lösen? Aber wir Werberinnen sind ja Gott sei Dank kreativ.


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