Seit ich nach fast zehn Jahren in den USA wieder in der Schweiz lebe, fällt mir auf, wie amerikanisiert wir längst sind – oft, ohne es zu bemerken. Ich habe in Amerika gelebt, geliebt und gearbeitet – in Arizona und Los Angeles, für Apple im Silicon Valley und als Unternehmerin in Miami. Geblieben ist eine Hassliebe: tiefe Bewunderung für vieles, ebenso tiefe Irritation über anderes.
Gerade deshalb interessiert mich der unsichtbare Import. Wir übernehmen nicht nur Plattformen und Wörter, sondern mit ihnen Denkrahmen und Werte. Denn Algorithmen strukturieren, was sichtbar wird: Was uns ständig begegnet, erscheint relevant. Was tausendfach Zustimmung erhält, scheint gesellschaftlich akzeptiert. Und irgendwann fühlt sich das, was wir ständig sehen, nicht mehr amerikanisch an. Sondern einfach normal.
Und Sprache bildet Wirklichkeit nicht nur ab, sie konstruiert sie mit. Begriffe wie «Mindset», «Purpose», «Hustle» oder «Fail Fast» transportieren Vorstellungen davon, was ein gutes, erfolgreiches und erstrebenswertes Leben ausmacht. Der Import kommt eben selten mit Stars and Stripes daher. Manchmal genügt ein Hashtag.
Das betrifft auch unsere Demokratie: Sichtbarkeit ist noch kein Konsens. Reichweite keine Mehrheit. Algorithmen messen Aufmerksamkeit, nicht Merhheit. Ein kleiner, aber entscheidender Unterschied.
Mit künstlicher Intelligenz erhält diese Entwicklung eine neue Dimension. Jahrelang haben wir für Algorithmen geschrieben. Jetzt schreiben sie für uns. Convenient? Absolutely. Differenziert? Weniger. Wir gewinnen Effizienz – und überspringen vielleicht gelegentlich genau jene Momente des Zweifelns, Abwägens und Widersprechens, in denen kritisches Denken entsteht. Umso wichtiger wird es, zu erkennen, was wir mit der sprachlichen Bequemlichkeit gleich mitübernehmen.
Es geht nicht um Abwehr, sondern um Bewusstsein. Denn der wirksamste kulturelle Export ist vielleicht jener, bei dem wir vergessen haben, dass wir ihn importiert haben.
Nadja Timea Scherrer ist Bestseller-Autorin und internationale Kommunikationsstrategin. Sie lebte in den USA, gründete Marketingagenturen in Zürich, Madrid und Miami und berät Unternehmen weltweit zu Sprache, Kultur und gesellschaftlichen Narrativen.
Die Autorin hat zum Thema dieses Blog-Beitrags jüngst das Buch veröffentlicht «Amerika in unseren Köpfen – wie US-amerikanische Narrative unser Denken, Sprechen und Handeln prägen» (NZZ LIBRO, 2026)
Unsere Kolumnistinnen und Kolumnisten vertreten ihre eigene Meinung. Sie deckt sich nicht in jedem Fall mit derjenigen der Redaktion.



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KI: Algorithmen sprechen amerikanisch