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Weinerliche Transparenz

Matthias Ackeret

«Fernsehen ist Boulevard», predigte der verstorbene TV-Direktor Peter Schellenberg. Fernsehen ist aber auch Illusion. Als vergangene Woche der souverän moderierende Rainer Maria Salzgeber vor dem Italien-Spiel einen Besuch bei Kommentator Sascha Ruefer ankündigte, erwartete man einen Blick hinter die Kulissen des Römer Stadio Olimpico.

Stattdessen stand Salzgeber auf, verliess sein Studio und stieg durch ein ödes Treppenhaus zu einer Kommentatorenkatakombe hoch, wo ihn Kollege Ruefer erwartete. Die Message: Europa ist zwar gross, wir aber müssen zu Hause bleiben. Vordergründlich wegen Corona. Sicherlich aber auch wegen des Geldes.

Die SRG hat es zum Prinzip erhoben, ihre Sparmassnahmen fast schon trotzig vorzudemonstrieren. Nach dem Prinzip der weinerlichen Transparenz: zu Hause sitzende Fussballkommentatoren oder ersatzlos gestrichene Sendungen wie zuletzt «ECO», «Netz Natur» oder «52 beste Bücher» im Radio. Als wolle man damit dem Publikum unbewusst ein kollektives schlechtes Gewissen suggerieren: Wenn uns der Sparhammer droht, sollt ihr es auch spüren.

Diese Haltung ist falsch. Konzessionszahler zahlen für eine Gegenleistung – und das sind Programminhalte. Ob und wie gespart wird, ist egal, es sollte für den Zuschauer aber nicht ersichtlich sein. Trotz Werbeeinbussen und Politdruck ist die SRG noch kein Fall für den Pfarrer Sieber. Und Sparpotenzial gäbe es sicher auch anderswo: vielleicht bei den Löhnen und Boni der Kader.

Doch genug gelästert: Wir hätten Ruefer einen Romaufenthalt gegönnt. Doch damit bekräftigt die SRG auch nur den schweizerischen Sonderfall: ein Land, in dem Coiffeure mehr reisen als Fussballkommentatoren.

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Kommentare

  • Beat Sieber, 29.06.2021 15:51 Uhr
    Vielleicht liegt es auch daran, dass die Parteisoldaten in den obersten Gremien sitzen. Die Strategie wird den Fachidioten überlassen, die nicht den ganzen Ueberblick haben. SRG: Stecker raus, gleich.
  • Werner Frei, 29.06.2021 10:43 Uhr
    Sehr richtiger Kommentar, der meine eigene Wahrnehmung bestätigt. Ich denke nur an die Abendprogramme am Wochenende. Ohne jegliches Konzept. Damit sägt SF am eigenen Ast. Zudem vergrämt es die letzten treuen Zuschauer und vergrössert den Kreis jener, die eine neue Initiative fordern.
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