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Wenn Journalisten scharf austeilen

Matthias Ackeret

Am vergangenen Montag duellierten sich Roger Schawinski und Neo-Verleger Markus Somm bei Radio 1 über Biden, Putin, Trump und – Jonas Projer. Sie waren sich uneins, ausser bei der Berichterstattung über Letzteren, der überraschend zum Chefredaktor der NZZ am Sonntag ernannt wurde (persoenlich.com berichtete).

«Übler Fertigmacherjournalismus» wetterte der Medienpionier. Im Visier der Projer-kritische Artikel von Kurt W. Zimmermann in der Weltwoche und derjenige von Michèle Binswanger im Tagi, die beide Projers Charakter (Illoyalität gegenüber dem Arbeitgeber und Schwierigkeiten bei der Zusammenarbeit) infrage stellten. Umgekehrt geisselte Zimmermann in dieser Zeitung die Verrisse über Somms Nebelspalter als «Kollegenneid», während sich Binswanger im Internet skeptisch über den Protestbrief ihrer «Tagi»-Redaktionskolleginnen äusserte.

Es mag zynisch tönen, ist aber tröstlich: Solange Journalisten Journalisten kritisieren, lebt der Journalismus. Zuletzt entstand fast schon der irrige Eindruck, als löse die SRG-Digitalstrategie oder der schnellste Weg an die staatlichen Geldtöpfe mehr Emotionen aus als Personen und Inhalte. Erst wenn die Medien in der breiten Öffentlichkeit kein Thema mehr sind, ist es wirklich schlimm. Glücklicherweise ist dies bei uns nicht der Fall. Nur bei der subventionierten Landwirtschaft ist es egal, ob Kuhglocken klingen oder nicht.

«Hurra, wir leben noch», dichtete Johannes Mario Simmel. Für unsere Branche wäre dies zu pessimistisch, trotz der Weltuntergangsszenarien der Verleger vor einem Jahr. Angesichts der positiven Geschäftszahlen, die einige Grossverlage wie CH Media oder die NZZ-Gruppe trotz Corona ausweisen, wäre man fast schon wieder versucht, einen anderen Simmel-Klassiker zu zitieren: «Es muss nicht immer Kaviar sein.»

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