24.06.2021

Cannes Lions 2021

«Es wären Fantasie und Innovation angesagt»

Einmal Silber, einmal Bronze: Die Schweizer Ausbeute an der Werbe-Weltmeisterschaft ist mager. Bereits am dritten Tag von Cannes Lions ist das Rennen um Löwen beendet. Nur dem Corona-Jahr Schuld zu geben, greift zu kurz, so Frank Bodin, Präsident ADC Switzerland.
Cannes Lions 2021: «Es wären Fantasie und Innovation angesagt»
«Es gibt zu viel Kreativitäts-Scharlatanerie», sagt Frank Bodin, Präsident vom ADC Switzerland und Inhaber von Bodin.Consulting. (Bild: Tobias Stahel)
von Christian Beck

Herr Bodin, bereits in der Mitte der Cannes-Lions-Woche ist klar: Es bleibt bei zwei Löwen für die Schweiz. Sind Sie enttäuscht?
In einem von Corona geprägten Werbejahr sind die meisten Leute lieber realistisch. Wenn es um die Gesundheit eines Unternehmens oder gar dessen Überleben geht, sind pragmatische Lösungen der Reflex, leider nicht immer der optimale: Man möchte nichts falsch machen – wobei nichts falsch machen nicht gleichbedeutend ist mit gut oder gar neu. Dass die Marke das grösste immaterielle Kapital eines Unternehmens ist, wird allzu oft vergessen. Strategisch nachhaltige Markenpflege mit Intelligenz und kreativer Originalität ist und bleibt zentral für einen nachhaltigen Erfolg. Wir alle sollten also nicht nur realistisch sein, sondern auch enttäuscht von unserer Fantasie- und Mutlosigkeit.

Mögen Sie sich an eine schlechtere Löwen-Ausbeute als in diesem Jahr erinnern?
Ja, als es nur wenige Kategorien und schon gar keine Doppelauszeichnungen gab. Da war ein Löwengewinn etwas Ausserordentliches und sogar Thema in der «Tagesschau». Die Inflation der Awards in Cannes steigert nicht unbedingt ihren Wert.


Sieben Löwen waren es 2019. Dass es in diesem Jahr weniger Löwen werden könnten, war abzusehen: Nur 177 Schweizer Arbeiten wurden eingereicht. Wo verorten Sie die Gründe?

Alleinig das Corona-Jahr und Kosteneinsparungen als Gründe anzuführen, ist zu kurz gegriffen. Gerade in Krisenzeiten wären Fantasie und Innovation angesagt. Die in der Schweiz doch eher schwachen kreativen Jahrgänge 2019 und 2020 haben in meinen Augen vier Gründe. Erstens: Der Stellenwert von Kreativität leidet generell in einer von «Performance-Programmatic-Automated-Influencer-Content-Click-Through-Rates»-Schlagworten geprägten Zeit. Zweitens: Kreative Kriterien werden zu wenig im Alltag angewendet.

Drittens?
Es gibt zu viel Kreativitäts-Scharlatanerie. Nur ein Beispiel: Privatradios, die bei Buchungen die Spotkreation und Produktion für null Franken anbieten, mit dem Resultat, dass ein wunderbares Medium zu einer Beleidigung für die Ohren der Konsumenten wird. Und viertens: So manche Mediaagenturen, Medien und Vermarkter tun nur so, als hätte Kreativität einen hohen Stellenwert – in Tat und Wahrheit sind Kreativität und Markenführung nicht in ihrem Interesse, sondern ein möglichst grosses Stück des Werbekuchens.

«Bravo für Bronze in einer der schwierigsten Kategorien in Cannes»

Blicken wir doch kurz auf die Gewinnerarbeiten: Zuerst holte CRK Bronze, dies mit dem Film «Das bewegte Leben von Rosemarie». Wie gefällt Ihnen der Film?
Der Film für Spitex, Curaviva und OdASanté bewegt alle, die ihn sehen, und bewegte die ADC-Jury dazu, einen Gold-Würfel zu verleihen. Das Herzblut und die Energie, welche die Macherinnen und Macher in diesen Film hineingesteckt haben, springt auf die Betrachter über. Bravo für Bronze in einer der schwierigsten Kategorien in Cannes.

Einen Silber-Löwen heimste Havas Village Genève ein. Wie finden Sie die Arbeit «Waiting Wins» für Canal+?
Die Idee für Canal+ ist glänzend wie ein Silber-Löwe und eine Goldauszeichnung am ADC of Europe: Menschen für Canal+ dann gewinnen, wenn sich der Abflug ihres Flugzeuges verspätet und sie plötzlich besonders viel Zeit haben.

Als ehemaliger Havas-CEO müssen Sie besonders stolz auf diesen Löwen sein …
Ich freue mich für die französische Schweiz und ganz besonders für Gabriel Mauron und sein Team: Un grand merci fürs Hochhalten der kreativen Fahne von Havas in Genf. Sein Wille und seine Energie, sich trotz schwierigen Bedingungen über die Jahre stetig weiterzuentwickeln, ist vorbildlich. Bravo Gabriel.

«Offen: Ich habe keine Austragung gesehen»

Täglich ab 13 Uhr wird seit Montag und noch bis Freitag eine Award Show aus Cannes übertragen. Wie beurteilen Sie die digitale Austragung?
Offen: Ich habe keine Austragung gesehen, mein Arbeitsberg ist zum Glück zu hoch. Die besten Kampagnen kenne ich oder hole es in kompakter Form nach. Die digitalen Möglichkeiten sind ja toll und oftmals hilfreich, aber sie zeigen auch ihre Grenzen auf – ein Bildschirm kann nicht die persönlichen Begegnungen wettmachen, mit den Diskussionen über brillant und brillanter inklusive einer Portion «Fines de Claire no 3» und einem guten Glas Wein.

2022 sollte, so Corona will, die Werbe-Weltmeisterschaft wieder real in Südfrankreich stattfinden können. Auf was freuen Sie sich?
Auf ein Wiedersehen mit Berufskolleginnen und -kollegen aus aller Welt. Aufs Lernen. Auf Inspiration. Auf Motivation. Und auf hoffentlich mehr Löwen für die Schweiz – in der Kategorie Film stehen die Chancen schon jetzt gut.



persoenlich.com berichtet in der Woche vom 21. bis 25. 
Juni über «Cannes Lions Live». Alle News finden Sie hier.


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Creative Coffee by persoenlich.com

«Creative Coffee» ist das Videoformat von persoenlich.com. Aufgezeichnet wird das Gespräch jeweils am Standort der Redaktion in Zürich-Wiedikon in der Café Bar «Plüsch», sozusagen im Stammlokal gleich um die Ecke.



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