26.04.2021

Studio Marcus Kraft

«Wir wollen zum Diskurs über Design beitragen»

Vor zehn Jahren startete Marcus Kraft sein eigenes Studio in Zürich. Nun lanciert er zum Jubiläum ein Manifest für gutes Design. Ein Gespräch über Magie, Ästhetik in Büsi-Fotos und sein Projekt «Pop Music Wisdom».
Studio Marcus Kraft: «Wir wollen zum Diskurs über Design beitragen»
Marcus Kraft arbeitet aus seinem Studio im Zürcher Seefeld mit einem Pool an freien Mitarbeitenden. (Bild: zVg)
von Edith Hollenstein

Herr Kraft, Sie feiern das 10-jährige Jubiläum Ihrer Agentur. Welches Jahr ist zäher gewesen: das erste oder das zehnte?
Ganz klar das erste! Da waren einfach noch zu viele Unsicherheiten, inwiefern genau und ob das ganze Vorhaben überhaupt funktionieren wird.

Über Sie wurde geschrieben, Sie seien «the bad boy of swiss graphic design». Was ist der Hintergrund dieses Titels?
(grinst) Die renommierte holländische Tageszeitung «De Volkskrant» hat mir vor einigen Jahren in einer Buchbesprechung zu meiner Publikation «Don’t Talk Just Kiss» den Titel verpasst.

Was ist damit gemeint?
Die These im Artikel damals war, dass die Schweiz weltberühmt für ihre strenge, funktionale und sachliche Gestaltung ist – und wenn man etwas anderes möchte, dann geht man zu mir. Ich fand das lustig, da ich mich der traditionellen Schweizer Grafik durchaus sehr verbunden fühle.

«Bei der jüngeren Generation, die mit dem Smartphone und Social Media aufgewachsen ist, wird gute Gestaltung bewusster wahrgenommen»

Zum Geburtstag verordnen Sie sich ein Manifest für gutes Design. Was für ein Ziel hat dieses?
Eigentlich werden die Arbeiten des Studios schon immer nach den Prinzipien des Manifests gemacht – nun wurde es einfach erstmalig öffentlich publiziert. Das Ziel davon ist, einen Beitrag zum Diskurs über Design zu leisten. Zusätzlich möchte ich zukünftigen Kunden einen kleinen Vorgeschmack davon geben, welche Denkweise bei einer Zusammenarbeit auf sie zukommen könnte.

In drei Sätzen verdichtet: Was ist aus Ihrer Sicht gutes Grafik-Design?
Als erstes muss Design natürlich die Grundlagen erfüllen: Der Inhalt und die Botschaft müssen kommuniziert werden und handwerklich soll es gut gemacht sein. Für richtig gutes Grafikdesign braucht es allerdings meiner Meinung nach etwas mehr. Das kann zum Beispiel Haltung, Humor, Gefühl, Groove, Überraschung oder Raffinesse sein – einfach diese gewisse Magie!

«Seit Jahren sammle ich gute Ratschläge von Songs und bringe diese in Handschrift zu Papier»

Was ist Ihr Eindruck: Hat der Design-Aspekt in unserer Gesellschaft in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen?
Ich denke, dass vor allem bei der jüngeren Generation, die mit dem Smartphone und Social Media aufgewachsen ist, gute Gestaltung bewusster wahrgenommen wird und einen höheren Stellenwert hat.

In welchen Bereichen ist dies besonders augenscheinlich?
Auf Social-Media-Kanälen laden die Benutzer nicht mehr wahllos irgendwelche «Büsi-Fotos» hoch. Die Konten werden heute oft sehr sorgfältig und bewusst kuratiert. Da müssen Entscheidungen gefällt werden, die auch im Designprozess vorkommen.

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Studio Marcus Kraft zählt zu den erfolgreichen Schweizer Designagenturen. Welches sind die wichtigsten Projekte, die Sie realisieren konnten?
Besonders erwähnenswert ist hierbei natürlich das Rebranding und neue Erscheinungsbild für Zürich Tourismus. Es verbindet die Schweizer Grafiktradition mit zeitgenössischem Design und besitzt eine ausgeklügelte flexible Wortmarke.

Und sonst?
Das preisgekrönte ‹Hä?›-Magazin für junge Kunden der Rotpunkt Apotheken hat einen von Punk Fanzines inspirierten Gestaltungsstil. Ein Markenzeichen ist seine direkte und freche Bildsprache, mit welcher medizinische und pharmazeutische Inhalte überraschend frisch und jung kommuniziert werden. Und die visuelle Kommunikation für die zwei Ausstellungen SBB CFF FFS und Social Design im Museum für Gestaltung Zürich gestalten zu dürfen – das ist natürlich ein Highlight für jeden Designer.

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Sie machen zudem die Kommunikation fürs Zürcher Theater Spektakel. Was ist Ihre Prognose bezüglich der Durchführbarkeit in diesem Jahr?
Das Zürcher Theater Spektakel wird stattfinden! Die diesjährige Ausgabe wird jedoch noch nicht mit Zehntausenden Menschen auf der Landiwiese durchgeführt. Aktuell gehen wir davon aus, dass Veranstaltungen mit Ticketverkauf und Schutzkonzept durchgeführt werden dürfen.

Wie wirkt sich diese Unsicherheit auf Ihre Arbeit aus?
Dieses Jahr ist die Lage vorhersehbarer als letztes Jahr. Im letzten Jahr hatten wir im März die ursprünglich geplante Kampagne praktisch fertig und mussten dann in einer Rekordzeit eine komplett neue «Corona-Kampagne» für das erstmalig dezentral stattfindende Festival erstellen.

Es gibt auch selbst initiierte Projekte, die Studio Marcus Kraft umgesetzt und bis zur Marktreife gebracht hat, so etwa das Projekt Pop Music Wisdom. Können Sie schildern, was genau «Pop Music Wisdom» umfasst?
Seit Jahren sammle ich gute Ratschläge von Songs und bringe diese in Handschrift zu Papier. Das erste Produkt, das daraus entstand, war das Buch «Don’t Eat The Yellow Snow» – mittlerweile ein weltweiter Bestseller. Das Projekt ist stetig gewachsen und inzwischen gibt es einen ganzen Kosmos aus Büchern, Postern, Kleidung und Accessoires – sogar eine eigene Weinedition ist erhältlich.

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Und wovon träumen Sie mit Blick auf die Zukunft, auf die nächsten zehn Jahre?
Dass es mit dem Studio so erfolgreich weitergeht: gemeinsam mit grossartigen Kunden und Partnern, welche genauso für gute Gestaltung brennen, schöne Arbeiten produzieren.



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Kommentare

  • Jeroen van Rooijen, 27.04.2021 19:44 Uhr
    Ein feiner Kerl und intelligenter Seiltänzer, dieser Marcus Kraft – der macht nicht einfach nur Kommunikation oder Werbung, sondern denkt über den Auftrag hinaus und stellt sein Werk in einen grösseren gesellschaftlichen und kulturellen Kontext. - Vor solchen Akteuren ziehe ich meinen Hut besonders tief.

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