Herr Bärtschi, wie lange dauert es noch, bis aus Berner Zeitung und Bund eine einzige Zeitung wird?
Simon Bärtschi: Das werde ich häufig gefragt. Meine Antwort ist immer dieselbe: Das wäre keine gute Idee. Mit der jetzigen Konzeption, ich nenne es «Berner Modell 2.0», haben wir eine optimale Aufstellung unter den gegebenen Voraussetzungen gefunden.
Vor einem Jahr wurden nicht die Zeitungen, aber die beiden Redaktionen zusammengelegt. Wie läuft es?
Bärtschi: Es ist immer schwierig, den Tag vor dem Abend zu loben. Fusionen sind komplex und benötigen viel Zeit. Nach einem Jahr ist noch nicht alles über die Bühne. Ich finde aber, dass diese Zusammenlegung gut gelungen ist. Alle Kolleginnen und Kollegen ziehen am selben Strick. Das neue Berner Modell mit einer Redaktion für diverse Kanäle funktioniert gut. Und zudem macht es grossen Spass, mit dieser Redaktion zusammenzuarbeiten.
Frau Jacobi, Sie stiessen dazu, als die Fusion vollzogen war (persoenlich.com berichtete). Wie erleben Sie die tägliche Arbeit?
Isabelle Jacobi: Ich stiess rund neun Monate nach der Fusion dazu. Ich hörte, dass der Prozess nicht einfach war, da verschiedene Kulturen und DNA aufeinandertrafen. Als ich dann startete, stellte ich vor allem eines fest: Ich traf auf eine sehr schlagkräftige Redaktion, die lebhafte publizistische Diskurse führt. Manchmal reiben sich zwar die Perspektiven, aber ich empfinde dies als sehr fruchtbar.
Sie waren zuvor USA-Korrespondentin von Radio SRF. Wie gross war der Kulturschock nach dem Wechsel von Washington nach Bern?
Jacobi: (Lacht.) Es waren ja gleich mehrere Wechsel: das Land, der Job, das Medienhaus. Digitale Kanäle bediente ich schon zuvor bei SRF, neu ist das Zeitungsmachen, das ich nun im Alter von 53 Jahren erlerne. Das ist für mich sehr interessant, und ich erlebe es als Bereicherung. Aber klar, am Anfang, als ich hierherkam, musste ich mich eingewöhnen. Ich würde sagen, dass ich nach vier Monaten auf meiner Lernkurve schon recht weit fortgeschritten bin.
Sie haben in Ihrer Karriere vor allem Radio gemacht. Was befähigt Sie, Chefredaktorin der Bund-Redaktion zu sein?
Jacobi: Medien sind Medien. Man führt dieselben journalistischen Überlegungen. Das sind Parallelwelten, bei denen ich gut rüberspringen konnte. Auch beim SRF schrieb ich, verfasste Analysen für den digitalen Kanal. Es schliesst nahtlos an, dass ich nun Kommentare und Meinungsstücke für den Bund schreibe. Und Projekte leitete ich schon während meiner Zeit als Redaktionsleiterin vom «Echo der Zeit».
«Bei einer solchen Fusion kommen Titel mit historischen Stärken zusammen»
«Eine grosse Gefahr besteht bei solchen Fusionierungsprojekten darin, dass eine Zeitung entsteht, die es allen recht machen will», sagte Mirjam Comtesse von der Berner Zeitung in einem persoenlich.com-Interview kurz vor der Zusammenlegung. Ecken BZ und Bund noch an?
Bärtschi: Auf jeden Fall. Bei einer solchen Fusion kommen Titel mit historischen Stärken zusammen: Die BZ-DNA mit einer klaren Ausrichtung auf die breite, kontinuierliche Regionalberichterstattung in populärer, verständlicher Umsetzung, der Bund mit einer urbanen Affinität, der beim Lokaljournalismus bereits vor der Fusion viel stärker gewichten musste. Unsere Aufgabe war es während des Fusionsprozesses, diese beiden Stärken mitzunehmen. Das ergibt einen Spagat. Dass man dabei Konzessionen eingehen muss, ist sonnenklar. Eine urbane Insider-Kolumne für ein Nischenpublikum hat beispielsweise keinen Platz mehr, ebenso der Fussballmatch im Dorf. Wir haben die Breite an Inhalten etwas reduziert und im Gegenzug das Gemeinsame gestärkt. Die festgesetzten Hauptziele bezüglich Recherchentiefe, Themenauswahl, Vielfalt und Differenzierung der Kanäle haben wir erreicht.
Jacobi: Die beiden Titel unterscheiden sich ganz klar. Die Printausgaben von BZ und Bund kommen anders daher. Bei der Titelgeschichte können wir zwar nicht immer gleich differenzieren. Wenn es eine überragende Story gibt, dann erscheint sie bei beiden Titeln auf der Front. Aber sonst ist der Bund klar auf urbane Gebiete, die Stadt Bern und ihr Kulturleben ausgerichtet und bietet mehr Mantelstoff aus Ausland, Inland und Wirtschaft. Bei der BZ auf der anderen Seite liegt die Betonung auf dem Regionalen und Sport. Meines Erachtens funktioniert die Differenzierung gut – auch für unsere Abonnentinnen und Abonnenten.
Wie war das Echo seitens der Leserschaft?
Bärtschi: Im Vorfeld gab es Stimmen, die sagten, dass der Berner Journalismus zu Ende gehe. Davon kann überhaupt keine Rede sein. Das sehen die unterschiedlichen Publika von Bund und BZ auch so. Es gab keine aussergewöhnlichen Reaktionen.
Wurden also keine Abos gekündigt?
Bärtschi: Nein, die Fusion hatte kaum Einfluss auf die Aboentwicklung von Berner Zeitung und Bund. Die Printauflagen bewegen sich in der Benchmark. Man kann zusammengefasst sagen: Das Publikum hat das neue Berner Modell angenommen.
Gibt es viele Doppelabonnenten?
Bärtschi: Nein. Das ist am Ende auch der Grund, weshalb der Entscheid fiel, die Redaktionen zusammenzuführen, aber beide Titel beizubehalten. Die Zahl der Doppelabonnentinnen und -abonnenten ist absolut überschaubar.
«Wir möchten multiperspektivischen Journalismus machen»
Aus Personalkreisen heisst es, dass die Zusammenführung der beiden Redaktionen in Sachen Teamzusammenhalt geglückt sei. Es mache keinen Unterschied mehr, ob man einst beim Bund oder bei der BZ war – man sei nun ein Team. Teilen Sie diese Ansicht?
Bärtschi: Ja. Wir haben ja versucht, den ganzen Fusionsprozess umzudrehen, nämlich nicht von Top-down, sondern Bottom-up. Wir gründeten sieben Arbeitsgruppen mit spezifischen Aufgaben. Durch das Zusammenkommen in diesen Arbeitsgruppen ist es gelungen, die Redaktion auf eine solide Basis zu stellen. Wir streben auf der Redaktion einen Binnenpluralismus an. Früher schrieben BZ und Bund zeitgleich unterschiedlich über Sachverhalte, am Kiosk entstand daraus so etwas wie Pluralismus. Heute versuchen wir, Diskussionen bereits sehr frühzeitig so zu führen, dass Geschichten entstehen, die nicht nur eine Sicht aufzeigen. Wir möchten multiperspektivischen Journalismus machen, wir sind kein Bubble-Medium.
Jacobi: Ob man beim Bund war oder der BZ, ist nicht das primäre Diskussionsthema. Wir führen häufig publizistische Auseinandersetzungen – am Newsdesk, aber auch in den Ressorts, wo es um die Themensetzung, Ansätze oder Zugänge geht. Unterschiedliche Perspektiven vertiefen die journalistische Kompetenz der Redaktion.
Seit der Fusion wird stärker auf längere und hintergründigere Artikel gesetzt. Dies hängt offenbar mit dem Credo von Tamedia zusammen, dass die Geschichten aus Bern bis an den Bodensee interessieren sollen. Diese Art von Journalismus macht dem Team zwar Freude, auf der anderen Seite fehlt es nun an kürzeren und leichteren Stoffen. Kommen die bald wieder dazu?
Bärtschi: Es ist tatsächlich so, dass wir solche Stoffe beibehalten möchten. Die Geschichten und Erzählweisen müssen so geplant und eingefordert werden, dass wir eine gute Mischung haben. In unserer Planung vom kommenden Jahr steht tatsächlich, dass wir auch kurze, witzige Stücke haben möchten, die wir dazwischen programmieren können. Hier möchten wir nachjustieren, da bin ich mit der Redaktion einig.
Jacobi: Digital bietet es sich an, grössere Geschichten in verschiedene Publikationsstücke aufzuteilen. Bei den Journalistinnen und Journalisten ist aber der Ehrgeiz vorhanden, tolle, umfassende Geschichten zu liefern. Wir lieben recherchierte Storys, aber es muss nicht immer alles auf einmal serviert werden. Die These, dass wir grosse Stücke schreiben, weil dies die Mantelredaktion so verlangt, würde ich sowieso hinterfragen.
Bärtschi: Richtig, das hat nichts mit dem Mantel zu tun. Der Mantel bedient alle Tamedia-Titel mit überregionalen Inhalten. Beim Regionaljournalismus muss man aufgrund des digitalen Publikums die Geschichten anders erzählen. Diesem Anspruch wollen wir gerecht werden.
Auch das Auswertungssystem Parsley von Tamedia sorgt für Diskussionen. Dieses nehme eine immer dominantere Rolle ein. Guter Journalismus werde gleichgesetzt mit einer langen Verweildauer auf den Seiten. Also doch nur noch lange Stücke mit Videos und vielen Bildern?
Bärtschi: Unser Führungscredo ist es: Man muss innerhalb der Redaktion gut erklären, dass wir ein System haben, das alles Mögliche genau misst. Im Vergleich zum Zeitungszeitalter, als man keinen blassen Dunst hatte, was funktioniert und was nicht …
Jacobi: … es war ein totaler Blindflug.
Bärtschi: Heute wissen wir haargenau, was bei Leserinnen und Lesern funktioniert. Es ist unser Job in der Chefredaktion in Bern, dass wir die Datenkultur auf der Redaktion moderieren. Wir wollen möglichst viele Leseminuten mit unseren Geschichten erreichen, diese führen im besten Fall zu digitalen Aboabschlüssen. Dieser Zusammenhang besteht. Es gibt aber auch Relevanzkriterien. Ein Beispiel: Bei den Berner Regierungsratswahlen betrieben wir einen Riesenaufwand, der beim Publikum – was die Zahlen anbelangt – nicht besonders gut ankam. Aber wir haben als Leitmedium im Kanton Bern die Pflicht, Regierungsratswahlen aufzugreifen. Wir sind grosse Fans von Daten auf Redaktionen, aber nicht datenkrank.
Jacobi: Ja, und wir sind nicht primär an vielen Klicks interessiert, sondern an Abos. Wir müssen die Leserschaft mit journalistischen Inhalten überzeugen, in ein Abo zu investieren.
«Es ist ein stetes Abwägen, wie viel Lokalkolorit wir uns im konkreten Fall leisten können»
Mir wurde noch ein weiterer Spagat zugetragen: Die Redaktion soll keine zu lokalen Geschichten mehr machen und doch lokal verankert bleiben. Da stellen sich Fragen wie: «Welche News aus einzelnen Gemeinden bringen wir noch?» oder «Wie schaffen wir es, dass sich die Leserinnen und Leser in der Zeitung wiederfinden?» Einigen Redaktionsmitgliedern würde hier eine klare Linie der Chefredaktion fehlen. Sind Sie auf Schlingerkurs?
Bärtschi: Nein, das sind wir nicht. Im Idealfall produzieren wir lokale Geschichten, die so gut sind, dass sie das Publikum ausserhalb unseres Kantons interessieren. Das kann bedeuten, dass wir weniger Kapazitäten für hyperlokale Berichterstattung haben. Es ist ein stetes Abwägen, wie viel Lokalkolorit wir uns im konkreten Fall leisten können. Der Anspruch, dass wir beispielhaften Journalismus machen wollen, steht über allem. Wir möchten mehr gute digitale Geschichten. Das sorgt immer wieder für Diskussionen. Verständlicherweise. Gerade die Berner Zeitung wurde als Titel mit diversen Lokalausgaben im Print konzipiert, der Wandel zur digitalen Ausgabe ist hier besonders ausgeprägt.
Apropos Lokalkolorit: Bei der Fusion stark abgebaut wurde im Ressort Region, also jenem Ressort, das sich um die Gebiete ausserhalb der Stadt und Agglo Bern kümmert. Diese Strategie der Chefredaktion sorgt für Unzufriedenheit beim betroffenen Ressort. Kam diese bis zu Ihnen durch?
Bärtschi: Durchaus, dort ist der Wandel auch am meisten spürbar. Dieser Wandel, den wir so möchten, verläuft nicht konfliktfrei. Das ist wie bei tektonischen Platten, die aneinanderreiben. Das dauert in der Geologie über Millionen von Jahren. Bei uns findet ein Bruch statt vom analogen ins digitale Modell – und dies innerhalb von wenigen Jahren.
«Wir möchten mehr gute digitale Geschichten», so Simon Bärtschi, Chefredaktor Redaktion BZ/Der Bund.
Kürzlich berichtete das Onlinemagazin Republik über die Sparrunde bei Tamedia (persoenlich.com berichtete). persoenlich.com weiss: Bei BZ/Bund soll es eine Frühpensionierung geben. Zudem sei unklar, ob derzeit offene Stellen wieder besetzt werden. Planen Sie, die jeweils offene Stelle im Ressort Region und Stadt wieder zu besetzen?
Bärtschi: Diese Sparrunde betrifft in erster Linie die Mantelredaktion. Bern hatte im letzten Jahr die Fusion und sparte damals massiv ein. Aktuell sieht es danach aus, dass wir Vakanzen nicht besetzen können.
persoenlich.com berichtete im Frühling auch über mehrere freiwillige Abgänge, teils wegen fehlender Perspektiven. Dies dürfte Ihnen entgegengekommen sein, oder?
Bärtschi: Wir haben diese Abgänge im Frühling mit hervorragenden, neuen Leuten besetzen können – unter anderem auch vom Onlineportal Hauptstadt.
Stichwort Onlineportal Hauptstadt, das im März startete: Wie nervös macht Sie dieses Projekt?
Bärtschi: Wir haben grosse Freude, dass sie gestartet sind. Es sind ja alles ehemalige Kolleginnen und Kollegen der Berner Zeitung. Bislang machte uns die Hauptstadt nicht sehr oft nervös. Ich wünschte mir, dass wir täglich bibbern müssen. Für das fehlt aber momentan die Schlagkraft. Es könnte uns nichts Besseres passieren, als wenn die Hauptstadt doppelt- bis dreifach so stark wäre wie heute.
Die Zusammenlegung dürfte ein laufender Prozess sein, der nach einem Jahr nicht abgeschlossen ist. Was steht noch an?
Bärtschi: Wir möchten mit der 80-köpfigen Redaktion einen Review machen. Es wird eine erste Bilanz dieser Zusammenarbeit geben. Wir möchten noch stärker werden bei beispielhaften News, wir möchten mehr Hintergründe und investigative Recherchen und wir wollen mehr Tempo bei Berner News. Es gibt weitere Wachstumsinitiativen, wie den Ausbau von Newslettern. Analysiert werden sicher auch Social Media oder Podcasts.
Jacobi: Für den Bund sind wir daran, verschiedene Neuerungen aufzugleisen. So wird der Newsletter überarbeitet, die Eventreihe «Bund im Gespräch» wird neu lanciert – wir ziehen vom Bellevue ins Bierhübeli und versuchen so, die Schwelle für ein jüngeres Publikum zu senken.

