22.08.2018

Schweizer Presserat

«Ich halte nichts von Verschwörungstheorien»

In einem Interview hat Markus Somm, Noch-Chefredaktor der «Basler Zeitung», den Presserat scharf kritisiert. Stiftungsratspräsident Markus Spillmann nimmt zu den Vorwürfen Stellung. Und sagt auch, wie es aktuell um die Finanzen der Selbstregulierungs-Instanz steht.
Schweizer Presserat: «Ich halte nichts von Verschwörungstheorien»
«Die finanzielle Lage des Schweizer Presserates ist weiterhin angespannt», sagt Markus Spillmann, Stiftungsratspräsident des Schweizer Presserats. (Bild: zVg.)
von Christian Beck

Herr Spillmann, Noch-BaZ-Chefredaktor Markus Somm fährt dem Presserat an den Karren. Er könne den Presserat «nicht ernst nehmen» (persoenlich.com berichtete). Nehmen Sie Markus Somm ernst?
Für mich entscheidend ist, dass die überwiegende Mehrheit der hiesigen Medien den Presserat als Selbstregulierungsorganisation für Medienethik akzeptiert und unterstützt. Die Branche ist sich bewusst, dass eine unabhängige Beschwerdeinstanz zur Qualitätssicherung im Journalismus unverzichtbar ist, auch wenn das nicht immer angenehm ist.

Somm sagt weiter: Das Gremium des Presserats sei einseitig zusammengesetzt, die Gewerkschaften würden dominieren, Verleger seien in der Minderheit. Dementsprechend unausgewogen werde geurteilt…
Der Stiftungsrat als Träger des Presserates ist paritätisch zusammengesetzt. Neben Berufsverbänden und Gewerkschaften sind über den Verband Schweizer Medien auch die führenden privaten Medienhäuser des Landes vertreten sowie die SRG. Die drei Kammern des Presserates sind mit Publikumsvertreter und Journalistinnen und Journalisten zusammengesetzt; die Zuwahlen nimmt der Stiftungsrat vor. Die Mitglieder der Beschwerdekammer arbeiten instruktionslos und unabhängig, auf der Basis des von der Branche verabschiedeten Schweizer Journalistenkodex. Entsprechend werden die Entscheidungen des Presserates von der überwiegenden Mehrheit der Marktteilnehmer respektiert und auch publiziert. Sie dienen in medienrechtlichen Auseinandersetzungen vor Gericht auch immer wieder als Referenz.

«Für die Leser der BaZ ist es schade»

Nicht so die «Basler Zeitung». Die BaZ verzichtete jeweils auf die Publikation der Presserat-Stellungnahmen. Was können Sie da noch machen?
Das ist sehr bedauerlich, zum Glück ist es aber die Ausnahme in der Schweizer Medienlandschaft. Für die Leser der BaZ ist es schade, weil ihnen damit verwehrt wird, sich selbst eine Meinung bilden zu können. Und für die Branche ist es schlecht, weil damit das ehrliche Bemühen, die Qualität zu sichern, durch ein Mitglied des Verbands Schweizer Medien unterlaufen wird.

«Ob eine Zeitung gut ist oder nicht, entscheidet nicht der Presserat, sondern der Leser.» Würden Sie das Zitat von Somm so unterschreiben?
Damit beschäftigt sich der Presserat nicht. Er prüft auf der Basis einer von Dritten eingereichten Beschwerde, ob in einem konkreten Fall – also bei einem spezifischen Inhalt – eine oder mehrere Bestimmungen des Schweizer Journalistenkodex verletzt wurden oder nicht.

Und rügte die BaZ schon mehrfach. Somm hegt den Verdacht, dass der Presserat eine politische Agenda verfolge. Was steht auf Ihrer Agenda als Nächstes?
Ich halte nichts von Verschwörungstheorien.

«Wir agieren in einer völlig veränderten Medienlandschaft»

Beschwerden gab es nicht nur gegen die BaZ. Vor einem Jahr sagten Sie in einem persoenlich.com-Interview, dass der Presserat sich derzeit aus dem Angesparten finanziere. Ist das Angesparte schon aufgebraucht?
Die finanzielle Lage des Schweizer Presserates ist weiterhin angespannt, auch weil die Zahl und die Komplexität der Beschwerden nicht ab-, sondern tendenziell zunimmt. Zudem agieren wir in einer völlig veränderten Medienlandschaft, mit neuen Angebotsformen, einer Multiplikation der Kanäle und neuen Marktteilnehmern.

Sie sagten damals, die Finanzierung müsse auf eine solidere und breitere Basis gestellt werden. Ist das mittlerweile passiert?
Wir haben Fortschritte gemacht, sind aber längst noch nicht da, wo ich zufrieden wäre.

Was macht Ihnen Sorgen?
Ich würde eher von Ansporn sprechen: Dass der Presserat den Herausforderungen einer modernen, digitalen und stark fragmentierten Medienwelt gewachsen ist und die Branche sich der Bedeutung der eigenverantwortlichen Qualitätskontrolle auf der Basis einiger weniger medienethischen Grundsätzen bewusst bleibt – auch mit Blick auf die längerfristige Monetarisierbarkeit der publizistischen Inhalte. Denn diese baut stark auf Glaubwürdigkeit und Vertrauen auf, das Medienkonsumentinnen und -konsumenten diesen Inhalten und den damit zusammenhängenden Arbeitsprozessen zumessen. 

Beenden wir das Interview versöhnlich: Was bereitet Ihnen Freude?
Dass ich von ganz vielen Marktteilnehmern immer wieder vermittelt bekomme, dass man die Arbeit des Presserates anerkennt und sich seiner Bedeutung bewusst ist.



Der frühere NZZ-Chefredaktor Markus Spillmann ist seit Dezember 2016 Stiftungsratspräsident des Schweizer Presserats.

Das Interview wurde schriftlich geführt.

 



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