21.03.2021

Serie zum Coronavirus

«Jeder Impfwillige bekommt in Moskau einen Termin»

Wie gehen die Russen mit den Corona-Massnahmen um? Und wie gut klappt es mit dem Impfen? In Folge 164 unserer Serie spricht NZZ-Russland-Korrespondent Markus Ackeret über das Leben in Moskau, Putin, Nawalny und Sputnik V.
Serie zum Coronavirus: «Jeder Impfwillige bekommt in Moskau einen Termin»
«Von der politischen Situation, von Präsident Putin, sind viele nicht mehr überzeugt», so NZZ-Russland-Korrespondent Markus Ackeret. (Bild: zVg.)
von Matthias Ackeret

Herr Ackeret, wie erleben Sie eigentlich die Jetztzeit in Moskau?
Moskau ist eine anstrengende, aber zugleich grossartige Stadt zum Leben – gerade auch mit Familie. Das klingt für manche vielleicht überraschend, weil die russische Hauptstadt den Ruf hat, ein Moloch zu sein. Aber ich empfinde sie nicht so. An den Wochenenden entdecken wir oft neue Parkanlagen, schauen uns in Stadtteilen um, die neu entstehen, fahren aus der Stadt raus. Die Russen sind sehr kinderfreundlich. Und natürlich ist das Kultur- und Ausgehangebot riesig. Eigentlich besteht Moskau aus vielen Städten – die Stadtteile haben oft mehrere hunderttausend Einwohner.

Das tönt erstaunlich positiv …
Natürlich haben die jahrelange wirtschaftliche Stagnation, die Pandemie und die politische Abgrenzung vom Westen Spuren hinterlassen. Die Stimmung ist oft etwas gedrückt, es gibt viel Misstrauen untereinander. Die Leute konzentrieren sich auf ihr eigenes Fortkommen, erwarten wenig von anderen und vom Staat. Gleichzeitig haben Pandemie und jetzt auch die Folgen der Proteste in einzelnen Bevölkerungsgruppen Solidarität und Verbundenheit untereinander erzeugt.

Wie ist die Stimmung gegenüber der Regierung?
Von der politischen Situation, von Präsident Putin, sind viele nicht mehr überzeugt, haben das Gefühl, er sei zu lange im Amt, es brauche neue Impulse. In Moskau ohnehin. Aber wahrscheinlich würden die meisten von ihnen ihn doch wieder wählen, wenn am nächsten Sonntag eine Präsidentschaftswahl wäre.

«Die Provinz ist oft weniger politisch»

Sie reisen sehr viel in die Provinz. Ist die Stimmungslage dort anders?
Das kommt auf die Region an – wie sie wirtschaftlich dasteht, wie nah sie bei Moskau, dem wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Magnet des Landes, liegt. Die Provinz ist oft weniger politisch. Viele freuen sich über Besucher aus der Ferne, über jene, die sich für sie und ihre Sorgen interessieren. So ist es oft einfacher, mit Leuten ins Gespräch zu kommen. Sie sind aufs Überleben ausgerichtet unter oft wirtschaftlich schwierigen Verhältnissen, haben wenig Hoffnungen auf Verbesserungen und sind gar nicht euphorisch über die Führung. Aber auch für sie gilt – bei Wahlen scheuen sie Experimente.

Wo waren Sie zuletzt?
Zuletzt war ich in Rjasan, rund 200 Kilometer südlich von Moskau, und habe versucht zu ergründen, weshalb im Januar selbst dort Leute auf die Strasse gegangen sind, obwohl das sehr selten ist. Viele Gründe liegen in der oben beschriebenen Situation: der Unzufriedenheit mit der Lebenssituation, das Gefühl von Ungerechtigkeit und fehlenden Chancen.

Inwiefern beeinflusst Corona das tägliche Leben?
Corona verschwindet immer mehr aus dem täglichen Leben in Russland – in der Provinz entsteht zuweilen der Eindruck, es gebe die Pandemie gar nicht. Und das, obwohl es in Moskau derzeit täglich noch immer offiziell zwischen 1000 und 2000 neue Fälle gibt und russlandweit rund 9000 bis 10'000 pro Tag. In Wahrheit dürften es deutlich mehr sein, die Dunkelziffer ist hoch. Die Russinnen und Russen gehen ziemlich schicksalsergeben mit der Krankheit und ihren Auswirkungen – unter anderem eine hohe Übersterblichkeit – um. Einschränkungen des öffentlichen Lebens gibt es kaum mehr. Restaurants, Cafés, Einkaufszentren und Geschäfte waren während der jetzt abklingenden zweiten Welle ohnehin nie geschlossen, obwohl die Seuche auch hier weit heftiger wütete als im vergangenen Frühling.

Wie war es damals?
Damals hatten wir in Moskau einen tatsächlichen, fast zweimonatigen Lockdown, während dessen das Verlassen der Wohnung nur für bestimmte Zwecke – wie Einkaufen, Arztbesuche – erlaubt war und die Benutzung von Verkehrsmitteln einen elektronischen Passierschein erforderte. Selbst Spazierengehen war eigentlich verboten, aber mit der Zeit hielten sich immer weniger Leute daran. Heute gilt noch Masken- und Handschuhpflicht im öffentlichen Verkehr und in Geschäften, aber viele halten sich nicht oder nur pro forma daran. Das einzige, was nach wie vor konsequent durchgezogen wird, ist das Demonstrationsverbot. Während Moskau lebt, als wäre die Pandemie praktisch besiegt, sitzen prominente Oppositionspolitiker und Aktivisten im Hausarrest. Gegen sie wird wegen Verletzung der Hygieneregeln im Rahmen eines Strafverfahrens ermittelt. Die Bedrohung, die von einer Verbreitung der verschiedenen Virusmutationen ausgehen könnte, ist praktisch kein Thema.

«In Moskau klappt es mit den Impfungen eigentlich sehr gut»

Klappt es mit den Impfungen mit Sputnik V?
In Moskau klappt es mit den Impfungen eigentlich sehr gut – selbst ich als Ausländer konnte mich im Rahmen der staatlichen Impfkampagne in einer normalen Moskauer Poliklinik gratis impfen lassen. Jeder, der sich impfen lassen will, bekommt in Moskau mittlerweile kurzfristig einen Termin. Die Kehrseite davon ist allerdings, dass die Nachfrage offenbar eher gering ist. Viele hatten die Krankheit schon, misstrauen dem einheimischen Impfstoff oder warten ab – auch weil sie Covid-19 für keine so grosse Gefahr halten. Angesichts der Tatsache, dass Russland eigene Impfstoffe hat und als erstes europäisches Land mit der Impfkampagne begann, sind Tempo und Zahl der Geimpften im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung sowohl in der am besten versorgten Hauptstadt als auch insgesamt im Land bescheiden. In vielen Provinzen hinken die Impfungen stark hinterher. Die Regierung macht bis jetzt lieber im Ausland Werbung für Sputnik V, als dass sie auch im Inland ihre Impfkampagne breit propagiert. Vermutlich will sie Engpässe vermeiden.

Hat sich das öffentliche Leben nach der Verhaftung von Alexej Nawalny verändert?
Auf das öffentliche Leben hatte die Festnahme Nawalnys keinen Einfluss – ausser an den Protestwochenenden im Januar. Damals nahmen viele am Protest teil, auch in den Provinzstädten, weil sie den Umgang mit Nawalny auch als Ausdruck von Willkür empfanden, die sie selbst betreffen könnte. Indirekt gibt es Auswirkungen: Die Regierung wittert noch verstärkt seit dem Jahresbeginn hinter allem und jedem «ausländische Einmischung». Das sät mehr Misstrauen gegenüber Ausländern, und Gesetzesverschärfungen betreffen die Meinungsäusserungsfreiheit und das Internet.

Ist diese Verhaftung in den Medien und der Öffentlichkeit überhaupt ein Thema?
Wohl den meisten Russen ist Nawalnys Schicksal nicht wichtig. Das zeigen Umfragen. Aber seit der Vergiftung und vor allem der Rückkehr Nawalnys nach Russland schweigen die Staatsmedien nicht mehr zu ihm, sondern berichten im Gegenteil breit, aber sehr negativ bis hin zu verleumderisch über ihn. Insofern war sein Name in den vergangenen Wochen sehr präsent.

Werden Sie durch die staatlichen Behörden in Ihrer Arbeit beeinträchtigt?
Der Druck auf unabhängige Medien und das Internet hat in Russland in den vergangenen zehn Jahren immer mehr zugenommen. Das betrifft auch mich als ausländischen Korrespondenten. Das erwähnte Narrativ der «westlichen Einmischung in die inneren Angelegenheiten» schafft zudem ein Klima des Misstrauens gegenüber ausländischen Medienschaffenden, das seit der Annexion der Krim 2014 ohnehin gewachsen war. Zudem werden zuweilen auch als solche gekennzeichnete Journalisten – die Markierung ist Pflicht – bei Demonstrationen abgeführt. Wegen der Pandemie wurde zudem die Wiedereinreise nach Russland erschwert: Auslandkorrespondenten leben nicht mit einer Aufenthaltsbewilligung in Russland, sondern mit einem Jahresvisum, das rechtlich nur einen «vorübergehenden Aufenthalt» gewährt. Personen mit diesem Aufenthaltsstatus haben es bis heute schwer, nach einer Ausreise wieder einzureisen. Für Korrespondenten, die über die gesamte ehemalige Sowjetunion berichten, ist das ein Problem. Wir Schweizer sind davon seit vergangenem August allerdings ausgenommen, weil der reguläre Flugverkehr wieder aufgenommen wurde – im Unterschied zu den meisten anderen Schengen-Staaten. Aber auch wir können nur jeweils mit Direktflug aus der Schweiz wieder einreisen, was unter Umständen grössere Umwege erfordert. So musste ich im vergangenen Herbst nach einer Reise in Armenien und Berg Karabach via Katar und Zürich nach Moskau zurückkehren und durfte den Direktflug aus Eriwan nicht nehmen.

Hatten Sie einmal persönlichen Kontakt mit Alexei Nawalny?
Nein, leider habe ich Nawalny nie persönlich getroffen.

«Das Zitat ist eines der wichtigsten Themen gerade»

Wie beurteilen Sie den Knatsch zwischen Russland und den USA, nachdem Präsident Biden Präsident Putin als «Mörder» bezeichnet hat?
Die Aussage war diplomatisch ungeschickt und wird das ohnehin schlechte Verhältnis zwischen den Mächten erst recht auf den absoluten Tiefpunkt führen. Gleichwohl dürfte Moskau die Beziehungen nicht ganz abbrechen, die beiden Staaten sind in manchen weltpolitischen Fragen aufeinander angewiesen. Die Verhärtung wird aber zunehmen. Zugleich hat Biden paradoxerweise Putin damit innenpolitisch wohl gestärkt – eine Art unfreiwillige Wahlkampfhilfe vor der Dumawahl im Herbst, die angesichts der unerfreulichen sozioökonomischen Verhältnisse in Russland und der Unzufriedenheit über die Kreml-Partei Einiges Russland für Putin schwierig zu gewinnen gewesen wäre. Nun dürften der Kreml und die Geheimdienste die seit Nawalnys Rückkehr ohnehin stark thematisierte angebliche «ausländische Einmischung» in die Innenpolitik erst recht zum Vorwand nehmen, um gegen unliebsame Gegner vorzugehen. Das sind schlechte Aussichten für die Freiheitsrechte der russischen Bürger.

Ist das Biden-Zitat in Russland ein Thema?
Das Zitat ist eines der wichtigsten Themen gerade, sowohl in der staatlichen Propaganda und der Politik als auch im Internet, wo sich manche eher darüber lustig machen oder der Sarkasmus vorherrscht. Seit das Zitat bekannt geworden ist, haben sich viele Politiker mit zum Teil grotesken Erklärungen dafür überboten. Der Tenor ist: Er hat uns alle beleidigt; wir dürfen das nicht ohne Antwort lassen; die USA zeigen damit ihre Schwäche und wir unsere Stärke.

Was war für Sie das prägendste Erlebnis der letzten Wochen?
Die Demonstrationen vom Januar waren eindrücklich, auch weil man als Beobachter schnell spürt, wie schnell man willkürlich ins Visier der Sicherheitskräfte geraten kann. Mich haben dann vor allem auch die Zustände in der Polizeihaftanstalt Sacharowo im Moskauer Umland beeindruckt, ein völlig unzulänglich ausgestattetes Ausschaffungsgefängnis, wo Hunderte von zufällig während der Proteste festgenommenen Bürgern ihre Arreststrafen absitzen mussten. Wir fuhren hin und haben mit gerade Freigelassenen gesprochen.



Markus Ackeret (geb. 1978) lebt und arbeitet als Korrespondent der Neuen Zürcher Zeitung seit Anfang 2018 erneut in Moskau, wo er bereits von 2007 bis 2011 für die NZZ stationiert gewesen war. Dazwischen war er als NZZ-Korrespondent in Peking und Berlin tätig. Er studierte in Zürich und Frankfurt an der Oder Osteuropäische Geschichte und russische Literaturwissenschaft. Seine journalistische Karriere startete er 1996 bei der Zürichsee-Zeitung in Stäfa. Er ist verheiratet und Vater einer fünfjährigen Tochter. Markus Ackeret ist verwandt mit dem Interviewer.

Was bedeutet die Corona-Pandemie für die verschiedenen Akteure der Schweizer Medien- und Kommunikationsbranche? Bis auf Weiteres wird persoenlich.com regelmässig eine betroffene Person zu Wort kommen lassen. Die ganze Serie finden Sie hier.



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