12.04.2021

SRF Ombudsstelle

So viele Beanstandungen wie noch nie

Die Ombudsleute der SRG Deutschschweiz haben 1161 Beanstandungen im Jahr 2020 verzeichnet. Dies hat mit der Pandemie zu tun. Aber nicht nur.
SRF Ombudsstelle: So viele Beanstandungen wie noch nie
Esther Girsberger und Kurt Schöbi führen die Ombudsstelle der SRG Deutschschweiz seit April 2020. (Bild: SRG Deutschschweiz/Gian Vaitl)

Im Jahr 2020 gingen mehr als doppelt so viele Beanstandungen bei der Ombudsstelle SRG.D ein als im Vorjahr – und bei Weitem die meisten seit der Gründung der Ombudsstelle vor über einem Vierteljahrhundert. Selbst wenn man berücksichtigt, dass die «Arena» vom 12. Juni 2020 mit 220 Beanstandungen die Zahl nach oben drückte, sind noch nie so viele Klagen eingegangen. Grund war «Corona», so heisst es in einer Mitteilung vom Montagmittag.

Ein Drittel gegen die «Corona»-Berichterstattung

Rund ein Drittel der eingegangenen 1161 Beanstandungen betraf die Berichterstattung über «Corona». Sie sei einseitig gewesen – einseitig zugunsten der Regierung, einseitig zugunsten derjenigen Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen, welche die Pandemie als besorgniserregend einstufen, einseitig zuungunsten der Skeptiker und Skeptikerinnen, die nicht nur die getroffenen Massnahmen kritisieren, sondern darüber hinaus die Pandemie als nicht wirklich gefährlich erkennen wollen. Überdurchschnittlich oft hatte es die Ombudsstelle mit Beanstandungen zu tun, die sich gegen kritische Berichte über Verschwörungstheoretiker und -theoretikerinnen wehrten.

Bei der flächendeckenden Berichterstattung der Pandemie verstehe sich von selbst, «dass bei der Berichterstattung Fehler passierten, die SRF jeweils unter der Rubrik Korrekturen berichtigte». Nicht sachgerecht war die Berichterstattung in den wenigsten Fällen, schreibt die Ombudsstelle weiter. Das Vielfaltsgebot, das ebenfalls häufig angerufen worden sei, sei «schon gar nicht» verletzt worden, da es wohl keinen Aspekt gegeben hätte, «den SRF seit Ausbruch der Pandemie nicht aufgegriffen hätte».

Nicht mehr zeitgemässes Radio- und Fernsehgesetz

Nach wie vor ist das Fernsehen am meisten der Kritik ausgesetzt. Es umfasst rund 75 Prozent der Fälle im Vergleich zu 19 Prozent, die das Radio betreffen. Entsprechend der neuen Nutzungsgewohnheiten gerät der Onlinebereich immer stärker in den Fokus der Beanstander und Beanstanderinnen.

SRF News ist am meisten davon betroffen, wobei die Onlineartikel sich ja meistens auch auf eine ausgestrahlte Sendung beziehen, sodass eine strikte Trennlinie nicht immer gezogen werden kann. Die Digitalisierungsstrategie der SRG zeigt sich mittlerweile deutlich auch in der Art der Beanstandungen: Immer mehr richten sich gegen Beiträge beispielsweise auf YouTube oder gegen Beiträge in den sozialen Medien.

Für die Ombudsstelle stellt sich deshalb immer wieder die Frage, inwiefern Beanstandungen aus solchen Kanälen in ihre Zuständigkeit fallen. Die für die Ombudsstelle massgebenden Bestimmungen des Radio- und Fernsehgesetzes sind nach wie vor im analogen Denken der Rundfunkverbreitung verhaftet und stammen aus dem letzten Jahrhundert.

Korrekte Berichterstattung von SRF

Bei 71 Prozent der bestrittenen Sendungen hat die Ombudsstelle die Beanstandungen nicht unterstützt. In 26 Prozent der Fälle wurde den Beanstandenden teilweise, in 3 Prozent vollständig recht gegeben. Bezeichnenderweise war es nicht «Corona», das für die meisten Beanstandungen sorgte, sondern die «Arena»-Sendung vom 12. Juni «Jetzt reden wir Schwarzen». Grundsätzlich stellt die Ombudsstelle fest, dass im Themenbereich «Diversität» noch Aufholbedarf besteht.

Die UBI stützt die Ombudsstelle

In 27 Fällen wurden Sendungen von SRF Gegenstand von Beschwerden vor der Unabhängigen Beschwerdeinstanz für Radio und Fernsehen (UBI). Diese stützte die Einschätzungen der Ombudsstelle ausnahmslos – wobei auch sie feststellte, dass im Zusammenhang mit der Berichterstattung über die «Corona-Demonstrationen» insbesondere in Berlin, aber auch in der Schweiz nicht immer genügend differenziert worden ist. Das Sachgerechtigkeitsgebot wurde deswegen aber nicht verletzt.

Soziale Medien als «Puffer»

Immer häufiger werden SRF-Berichte in den sozialen Medien schon umfassend rezipiert, bevor diese dann bei der Ombudsstelle beanstandet werden. Hingegen wird die Ombudsstelle als «Klagemauer» für alle möglichen und unmöglichen Anliegen der Konsumentinnen und Konsumenten benutzt. Insbesondere der verweigerte Zugang zur Kommentarfunktion von SRF wird konstant bei der Ombudsstelle moniert. Diese Verweigerung fällt gemäss langjähriger Praxis allerdings nicht unter den Programmzugang oder unter den «von der Redaktion gestalteten Teil des übrigen publizistischen Angebots der SRG».

Ombudsstelle erstmals als «Co-Leitung» geführt

Seit April 2020 wird die Ombudsstelle erstmals in ihrer Geschichte als Co-Leitung von zwei Personen geführt (persoenlich.com berichtete). Dies habe den Vorteil, dass die Schlussberichte immer von zwei Personen gelesen werden. Die Ombudsleute haben sich die Themen bewusst nicht aufgeteilt, sondern wechseln sich grundsätzlich im Zweiwochenrhythmus in der Zuständigkeit ab. (pd/lol)



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