10.09.2021

Fairmedia

Von Clickbaiting und neuen, jungen Medien

20-Minuten-Chefredaktor Gaudenz Looser und Tsüri-Chefredaktor Simon Jacoby haben im Zürcher Volkshaus über die Relevanz von Klicks und neue Finanzierungsmodelle diskutiert. Auch Politiker sassen in der Runde. Immer wieder kam die Medienförderung auf den Tisch.
von Michèle Widmer

Wie wichtig sind die Klickzahlen im Alltag der Redaktionen? Und was bedeutet das für den Journalismus und die Gesellschaft? Darüber diskutierten am Mittwochabend Gaudenz Looser, Chefredaktor 20 Minuten, Simon Jacoby, Chefredaktor und Verleger Tsüri.ch, FDP-Nationalrätin Doris Fiala, SP-Nationalrat Jon Pult und die Digitalexpertin Sarah Genner. Der Einladung des Vereins Fairmedia folgten rund 80 Personen – im Saal sass ein grösstenteils junges Publikum.

Zu Beginn sind sich Gaudenz Looser und Simon Jacoby einig: Klicks sind ein wichtiges Messinstrument für das Publikumsinteresse, dürfen aber nicht der einzige Faktor sein. Es blieb einer der wenigen Punkte in der Diskussion um Clickbaiting, wo sich die Chefredaktoren von 20 Minuten und Tsüri.ch nicht wiedersprachen. Das Zürcher Stadtmagazin zählt nach eigenen Angaben rund 70'000 Unique Clients im Monat. «Das habt ihr bei euch in einer Stunde», sagt Jacoby zu Looser. Dieser fügt an: «Ja, aber auf einem Artikel.» Die Reichweitenunterschiede sind in der Tat gross. Allein in der Deutschschweiz zählt 20 Minuten Online rund 3,3 Millionen monatliche Unique Clients (Net Metrix 2020-2).

«Keine Stahlmaschine»

Doch das Interesse an diesen Reichweiten ist immer geringer – hauptsächlich wegen der Konkurrenz aus Silicon Valley. «Drei Viertel der Schweizer Onlinewerbung gehen an Facebook und Google», erklärt Digitalexpertin Sarah Genner. «Das aktuelle Geschäftsmodell liegt im Sterben», so Jon Pult. Das Fairmedia-Vorstandsmitglied fügt an: «Es ist verständlich, dass Medien in diesem schwindenden Markt das Maximum an Aufmerksamkeit herausholen wollen.» Folglich seien reisserische Titel und Clickbaiting die Folge der sich radikal veränderten Ausgangslage der Medien. Der SP-Nationalrat sorgt sich zudem über die schwindende Zahl von Journalistinnen und Journalisten in der Schweiz. «Die Medienvielfalt geht verloren. Das ist besorgniserregend für unsere Demokratie», sagt er.

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Was ausser Klicks könnte man messen? Die Frage von Moderatorin und Fairmedia-Präsidentin Catherine Thommen geht an Sarah Genner. «Redaktionen können mit Fokusgruppen das Nutzungsverhalten und Interessen von Leserinnen und Lesern abseits von Klicks qualitativ erfassen», schlägt sie vor. Looser interveniert: «Wir sind keine Stahlmaschine, die automatisiert Meldungen rausschickt.» Mit 130 Journalistinnen und Journalisten habe man die hauseigenen Fokusgruppen. Denn jede oder jeder davon habe sein eigene Lebenswelt und trage somit Inputs in die Redaktion. Es seien längst nicht nur die Klicks, die zählen. Die Redaktion erhalte viel inhaltliches Feedback – zum Beispiel durch die Kommentarfelder oder auch per E-Mail.

Nun bringt sich Jacoby ein: «20 Minuten existiert nicht, um guten Journalismus zu machen. Sondern, um den Aktionären der TX Group Dividenden auszuzahlen», stellt der Tsüri.ch-Chefredaktor in den Raum. Looser: «Das ist das Motiv von TX Group, aber nicht das Motiv unserer Mitarbeiter.» 20 Minuten sorge dafür, dass drei Millionen Menschen über das Wichtigste informiert seien.

Looser erhält Rückendeckung von Doris Fiala. «Es ist wichtig für die Demokratie, dass Jugendliche sich so informieren können und den Einstieg finden», sagt sie und fügt an: «Ich ärgere mich selten über Artikel, aber die Titel ärgern mich häufig.» Sie frage sich dann schon, ob die Jugendlichen auch den Rest lesen würden. Pult ergänzt: «20 Minuten kann eine wichtige Funktion in unserer Gesellschaft haben. Aber wir brauchen Alternativprodukte wie tsueri.ch und Co.» Dafür brauche es einen Kulturwandel, und die Gesellschaft müsse sich fragen, wie man den Journalismus stark behalten könne.

Mediendialog gestartet

Genner bringt die Diskussion zurück zu den Werbebudgets. Die Abwanderung der Schweizer Werbegelder ins Silicon Valley sei für den Schweizer Journalismus gravierender als die Jagd nach Klicks. Mit Admeira wollte man dem entgegentreten – davon höre man jetzt nichts mehr. Das Bundesamt für Kommunikation (Bakom) nimmt nun mit den Medien einen Neuanlauf. Auf Einladung von Bundesrätin Simonetta Sommaruga haben Ende August in Bern Vertreterinnen und Vertreter der Medienbranche einen gemeinsamen Dialog lanciert (persoenlich.com berichtete).

Hier interveniert Jacoby: «Wenn wir die Schuld im Silicon Valley suchen, kommen wir in eine falsche Diskussion. Auf diese Weise holen wir die Medienvielfalt nicht zurück. Journalismus ist kein Geschäft mehr.» Beim Leistungsschutzrecht würden nur die grossen Player abkassieren. Sie bekämen «keinen Stutz».

Alle sorgen sich um die Kleinen, «aber auch wir sind bedroht», sagt Looser. Auch die letzten Prozente des Werbekuchens werden zu Facebook und Co abwandern, ist der 20-Minuten-Chefredaktor überzeugt. In puncto Verantwortung könnte man einmal bei den Coops, Migros und den anderen nachfragen, wo sie ihr Werbebudget einsetzen.

«Aber was machen Sie, um vom heutigen sterbenden System wegzukommen und ein neues zu schaffen? Ich sehe keine Bemühungen», adressiert Pult den 20-Minuten-Chef. «Wir denken ganz intensiv darüber nach», sagt Looser trocken, und fügt an: «Es ist nicht einfach. Ich sehe noch keine Lösung.» Am Schluss bräuchten die Medien vielleicht doch Unterstützung. Ein Nicken ist zu sehen bei Jacoby: «Ich bin positiv überrascht über dieses Eingeständnis.» Looser: «Die Frage ist am Schluss, wer über die Medienförderung entscheidet. Die Unabhängigkeit der Medien ist so meiner Meinung nach nicht mehr gegegeben.»



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