25.03.2021

Open Source Recherche

Wie Handyvideos das Storytelling verändern

Passiert irgendwo auf der Welt etwas Dramatisches, kursieren rasch zahlreiche Videos und Bilder dazu im Netz. Conradin Zellweger ist Video-Redaktor bei der NZZ und nutzt solches frei verfügbare Material für die Recherche. Einer seiner Beiträge wurde kürzlich ausgezeichnet.
Open Source Recherche: Wie Handyvideos das Storytelling verändern
Von der Explosion im Hafen von Beirut vom 4. August 2020 landeten zahlreiche Handyvideos im Netz, drei davon analysierte NZZ-Video-Redaktor Conradin Zellweger. (Bilder links: Keystone/EPA/Wael Hamzeh; rechts NZZ)
von Marion Loher

Im August 2020 kam es im Hafen von Beirut zu einer gewaltigen Explosion. Daraufhin wurden in den sozialen Medien Hunderte von Handyvideos hochgeladen, welche die Katastrophe filmten. Conradin Zellweger, Video-Redaktor bei der NZZ, und Markus Stein, Leitung des Ressorts «Video & TV», analysierten drei dieser Augenzeugen-Videos. Mit verschiedenen digitalen Tools konnten sie dabei den genauen Aufnahmeort der Handyfilme bestimmen und erhielten dadurch zusätzliche Informationen zum Ausmass der Zerstörung. Die gesamte Recherche und das Resultat daraus haben die beiden in einem Video festgehalten.


«Open Source Intelligence», kurz OSINT, nennt sich diese Art von Recherche, bei der Daten aus frei verfügbaren Quellen wie eben dem Internet zur Informationsbeschaffung und Faktenprüfung genutzt werden. Früher wurde diese Methode vor allem von Behörden für Ermittlungen verwendet, mittlerweile hat sie auch der Journalismus für sich entdeckt. In Deutschland, etwa beim Spiegel, in den USA, wie bei der New York Times, oder beim Recherchenetzwerk Bellingcat wird OSINT bereits regelmässig angewendet. Auf Twitter gibt es dazu eine aktive internationale Community.

Der Pfosten und sein Schatten

Bei den Schweizer Medienhäusern ist OSINT noch wenig verbreitet, wie Conradin Zellweger sagt. Doch das Interesse steigt. Der 32-Jährige arbeitet seit zwei Jahren als Video-Redaktor bei der NZZ und hat sich in dieser Zeit, zusammen mit seinen Teamkolleginnen und -kollegen, intensiv mit der Recherchemethode beschäftigt. «Es ist faszinierend, was man aus Videos, Satellitenbildern und anderen öffentlich einsehbaren Daten alles herauslesen kann», sagt Zellweger.

Für seine Recherche verwendet er verschiedene Tools, die im Internet gratis zur Verfügung stehen. Damit können Informationen aus digitalen Formaten wie Bildern, Texten, Audio- oder Video-Files herausgezogen sowie Netzwerke, Websites, Accounts oder Hashtags analysiert werden. So lässt sich wie bei der Explosion in Beirut über den Kamerawinkel einer Aufnahme mehr über deren Standort und somit auch über das Geschehen sagen. In einem anderen Video konnte zum Beispiel aufgrund der Schattenlänge eines Strassenpfostens die Uhrzeit des Ereignisses verifiziert werden.

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Das Material auf seine Richtigkeit zu prüfen, ist denn auch ein wichtiger Teil von Zellwegers Arbeit. «Je grösser die Erfahrung ist, desto eher weiss man, worauf man achten muss», sagt er. Verdächtig seien Videos, die etwas Brisantes oder Spektakuläres zeigten, ohne dass weitere Aufnahmen davon kursierten, sowie auch solche, die offensichtlich bearbeitet wurden.

Das Besondere an «Open Source Intelligence» ist die Transparenz. «Nicht nur, weil die Quellen frei zugänglich sind, sondern auch weil wichtige Rechercheschritte dokumentiert werden», sagt Zellweger. Das macht das Ergebnis nachvollziehbar und schafft bei den Nutzerinnen und Nutzern Vertrauen. «Wir Journalisten dürfen uns nicht davor scheuen, den Leuten die Komplexität einer Recherche aufzuzeigen. Sie wollen je länger desto mehr verstehen, wie wir auf das Resultat gekommen sind.» Das würde einiges für die Glaubwürdigkeit des (investigativen) Journalismus tun, ist er überzeugt.

Weitere Videos produziert

Das Video mit der OSINT-Recherche zu Beirut war 2020 nicht nur der meistgeschaute Beitrag der NZZ auf Facebook, sondern auch insgesamt das reichweitenstärkste NZZ-Video. Zudem haben die Macher dafür einen European Newspaper Award gewonnen.


Mittlerweile sind bei der NZZ weitere Videos auf Basis dieser Recherche entstanden, wie über den 
Sturm aufs Capitol und die Ideologien des wütenden Mobs oder jüngst über das Freihandelsabkommen mit Indonesien, dem das Schweizer Stimmvolk am 7. März 2021 zustimmte.



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