17.04.2019

Notre-Dame in Flammen

«Wir trauen es dem TV-Publikum zu, dass es sich auch online informiert»

Über den Brand der Notre-Dame-Kathedrale in Paris hat das Schweizer Fernsehen primär online berichtet. Auf eine Sondersendung im Hauptprogramm wurde verzichtet. Gregor Meier, Nachrichtenchef der TV-Chefredaktion, nimmt Stellung zu diesem Entscheid.
Notre-Dame in Flammen: «Wir trauen es dem TV-Publikum zu, dass es sich auch online informiert»
«Auch ARD und ZDF haben am Montagabend auf eine Sondersendung im Hauptabend verzichtet», so Gregor Meier, Nachrichtenchef TV-Chefredaktion bei SRF. (Bild: SRF/Oscar Alessio)
von Christian Beck

Herr Meier, sind die Gesundheitssendung «Puls» auf SRF 1 oder «Grey's Anatomy» auf SRF zwei wichtiger als die Notre-Dame, die in Flammen steht?
Nein. SRF will aber seinem Publikum und seinen Usern das bestmögliche Angebot auf den entsprechenden Kanälen machen. Wir haben deshalb Online am Montag bereits kurz nach 20 Uhr einen Livestream und einen Liveticker eingerichtet und so bis in die Morgenstunden lückenlos über die Brandkatastrophe informiert. Im Bereich Fernsehen hatten wir in der «Tagesschau»-Hauptausgabe erste Bilder des Brandes gezeigt und auf unser Online- und App-Angebot hingewiesen. In «10vor10» haben wir den Brand dann zum Schwerpunktthema gemacht und schliesslich statt des geplanten, unmoderierten «Newsflashes» kurz vor Mitternacht noch einmal eine «Tagesschau Spezial» produziert – moderiert von «10vor10»-Moderatorin Andrea Vetsch mit den neusten Entwicklungen und einer weiteren Live-Schaltung nach Paris.

RTS, ORF, CNN, BBC und NTV berichteten mit Sondersendungen. Ein Unterbruch des aktuellen Programms war für SRF keine Option?
Eine kurze «Tagesschau»-Sendung zwischen den Sendungen «1 gegen 100» und «Puls» wäre möglich gewesen – allerdings zum Preis eines verspäteten Sendestarts von «10vor10».

Aber wäre nicht zumindest auch im TV ein Ticker angebracht gewesen?
Wir haben wie gesagt schon in der «Tagesschau»-Hauptausgabe auf unser Online-Angebot hingewiesen, wo wir kurz nach 20 Uhr lückenlos informierten.

«Zentral für uns ist, dass wir unser Publikum optimal bedienen können»

«Weshalb machte SRF keine Sondersendung zum Brand von Notre-Dame?», lautet auch die «Publikumsfrage des Tages». Ein Grossteil Ihrer Zuschauer ist nicht aus der Generation Internet und informiert sich über das Fernsehen…
Zentral für uns ist, dass wir unser Publikum optimal auf unseren verschiedenen Kanälen bedienen können, und das haben wir mit dieser Lösung – Strukturprogramm im TV, Livestream und Liveticker Online – getan. Und wir trauen es unserem nachrichteninteressierten TV-Publikum durchaus zu, dass es sich bei Bedarf auch online und mobile informiert.

«Es gibt nur wenige Ereignisse, die kollektive Betroffenheit auslösen: Der Tod von Lady Di war eines, aber auch der 11. September, der Ausbruch des Irakkrieges, die Attentate von Paris – und jetzt eben der Brand der Notre-Dame», schreibt «persönlich»-Verleger Matthias Ackeret. Sie sehen das anders…
Nein, das sehe ich nicht anders. Aber wie ich schon ausgeführt habe, hat SRF als Ganzes umfassend und aktuell berichtet.

«Es gibt keine Kriterien aus einem Handbuch»

Was braucht es konkret, bis SRF nicht nur im Rahmen der üblichen Newsgefässe berichtet?
Es gibt keine Kriterien aus einem Handbuch. Jeden Breaking-News-Fall beurteilen wir individuell. Die Hürde ist aber hoch, in der Primetime das Programm zu unterbrechen oder zu ändern. SRF steht für ein Vollprogramm mit den vier Pfeilern Information, Sport, Kultur und Unterhaltung. Jeder Programmpunkt und jede Sendung hat sein Stammpublikum, das enttäuscht ist, wenn «seine» Sendung unterbrochen oder abgesagt wird. Zudem ist der Informationsbereich bei SRF schon sehr stark und wird mit dem neuen Vorabend noch einmal gestärkt. Aber natürlich gibt es Fälle, bei denen wir reagieren: Etwa bei einem Grossereignis in der Schweiz oder wenn ein internationales Ereignis grosse Unsicherheit auslöst und viele Fragen zu beantworten sind. Der Brand der Notre-Dame war zweifellos ein aussergewöhnlicher Vorfall, aber wir haben den publizistischen Entscheid getroffen, darüber Online live zu berichten und das reguläre TV-Primetime-Programm nicht zu ändern.

«Sie widersprechen sich»

Mit Blick TV kommt eine neue Konkurrenz, die genau bei solchen Ereignissen «schnell und kompetent» sein will. Ihre Zuschauer werden abschalten und zu blick.ch surfen …
Sie widersprechen sich. Wenn sich unser Publikum tatsächlich nur am TV und nicht online informiert, wie Sie sagen, dann wird es nicht zu blick.ch wechseln. Und wenn es sich online informiert, dann bekommt es bei uns auf srf.ch ausführliche Information.

Ab November wird SRF im Newsroom die Kräfte bündeln und nicht mehr zwischen Kanälen und Plattformen unterscheiden. Wird künftig über ein solches Ereignis schneller berichtet – auch im TV?
Auch hier muss ich Sie korrigieren. Wir arbeiten bereits seit November 2018 in den Newsroom-Strukturen, nur noch nicht im neuen Gebäude. Aber tatsächlich bietet uns die neue Infrastruktur dann auch in solchen Situationen ein paar Möglichkeiten mehr. Zum Beispiel können wir dann direkt aus der Redaktion senden.



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Kommentare

  • Robert Weingart , 16.04.2019 19:43 Uhr
    Grösse wäre, hinzustehen und einzugestehen, dass man falsch reagiert hat. Stattdessen Rechtfertigungen. Und ja, das Publikum ist mündig genug und hat eine Fernbedienung um die Sendet einzuschalten, wo bei einem solchen Ereignis live berichtet wird.
  • Lars Berge, 17.04.2019 00:21 Uhr
    Der Tod von Lady Di, der 11. September, der Ausbruch des Irakkrieges, die Attentate von Paris - mit Verlaub, das waren Ereignisse von viel grösserem Ausmass, bei denen bis zu Tausende von Menschen gestorben sind. Um nun beim Brand der Notre Dame die gleiche kollektive Betroffenheit zu fordern, wie es Matthias Ackeret tut, ist völlig daneben. Ich stelle in der Schweiz jedenfalls keine "kollektive Betroffenheit" fest, allenfalls Neugier (aber ich verstehe viele Franzosen, die betroffen sind). Der Brand der Kathedrale Notre Dame ist bedauerlich. Aber: Man kann keine kollektive Betroffenheit herbei reden, wenn keine da ist. Die Gesichter der Menschen heute im Tram waren jedenfalls nicht betrübt. Klar interessiert das Thema: Ein Brand weckt immer die Neugier der Menschen. Ein Brand ist ein schauriges "Spektakel". Nochmals: Der Brand ist bedauerlich, aber: In der Geschichte sind immer wieder mal berühmte Gebäude niedergebrannt, viele wurde wieder aufgebaut. Auch die Notre Dame erstrahlte nicht immer im gleichen Licht, wie in den letzen paar Jahrzehnten. Sie wurde sogar mal fast abgebrochen. Ich finde, SRF hat genügend informiert. Wer beim Brand zuschauen wollte, konnte das mit einem Knopfdruck mit Umschalten auf TF1. Das macht heutzutage jeder kompetente Medienkonsument. Der Brand der Notre Dame ist schade, aber es gibt viel schlimmere Ereignisse in der Geschichte. Notre Dame wird wieder restauriert. Eigentlich eine wunderbare Ostergeschichte, die uns lehrt, das Christus, nachdem er ganz tief gefallen ist, wieder auferstanden ist. Es sind keine Menschen gestorben, und der Schaden ist zwar gross, aber die wichtigsten Schätze und viel Bausubstanz blieb erhalten. Ich finde es gut, das diejenigen, die Puls schauen wollten, ihr Puls bekamen. Ausführliche Informationen über den Brand in Paris lieferte dann 10vor10. SRF muss nicht überall dabei sein. Dafür sind die globalen TV-Stationen (z.B. CNN) da. Wenn Herr Ackeret das Thema so wichtig ist, soll er halt morgen während der Redaktionssitzung mit seinem Team eine Schweigeminute in memorian an Notre Dame abhalten. Das Gros der Schweizerinnen und Schweizer jedoch steckt schon voll in den Vorbereitungen für die Osterfeiertage, resp. -ferien.
  • Dieter Widmer, 17.04.2019 06:35 Uhr
    Schon wieder ein krasser Fehler von TV SRF. Weltweit wird von einem Symbol für Frankreich und Europa gesprochen, das jetzt brenne. Und in der Schweiz berichtet der nationale TV-Sender als würde im Quartier Latin ein Haus brennen. Jeder Regionalsender in Deutschland brachte Sondersendungen oder baute ausgedehnte Berichterstattungen in laufende Vorabendprogramme ein. Das war eine komplette Fehlleistung der Redaktion.
  • Wolfgang Frei, 17.04.2019 07:35 Uhr
    Es geht nicht nur um fehlende Sondersendungen auf SRF. Die 19.30-Tagesschau hat am Tag des Brandes erst nach etwa 10 Minuten eine kurze Meldung gebracht, nach zwei länglichen Berichten zur AHV und zu den Problemen von Macron. In diesem letzteren Bericht wurde zweimal nach Paris zur Korrespondentin geschaltet, die vor der Skyline von Paris mit dem Eiffelturm im Hintergrund reportierte. Von hier aus hätte man die Rauchsäule mit Sicherheit gesehen. Wäre die Tagesschauredaktion auf Draht gewesen, hätte man diese Schaltung nach Paris nutzen können - oder war das gar nicht live? Jedenfalls war es peinlich, nachdem andere Sender bereits live berichteten. Das sind nun wirklich die Ereignisse, bei denen das Medium Fernsehen seine Stärke hat. Der Hinweis auf SRF-Online ist eine schwache Ausrede für ein offensichtliches journalistisches Versagen.
  • Victor Brunner, 17.04.2019 08:39 Uhr
    Die Berichterstattung über den Brand war krass. Da wurde von einem nationalen Symbol von Frankreich mit weltweiter Ausstrahlung gesprochen. Französische Politiker stiessen ins gleiche Horn. Was haben die Franzosen mit ihrem "nationalen Symbol" gemacht? Verlottern lassen, keinen vorbeugenden Brandschutz, nichts! Ein nationales Symbol wird anders "gehütet". Schon 90 Minuten nach Ausbruch wurde in diversen Sendern spekuliert, Ursachen angesprochen, Korrespondenten und "Experten" mit Fragen genötigt die zu diesem Zeitpunkt nicht zu beantworten waren. SRF hat diesen Hype nicht mitgemacht und das berichtet was zu berichten war! Christine Beck hatte ja die Möglichkeit auf WELT, NTV, Phoenix stundenlang ähnliche Bilder zu betrachten und alle halbe Stunde die gleiche Frage und die gleiche Antwort zu hören! Sollte trotzdem reine Nachrichtensender nicht mit SRF, ARD oder ZDF verwechseln die ähnlich berichtet haben!
  • Stefan Del Fabro, 17.04.2019 08:39 Uhr
    "Alles was Menschen bewegt, wird hier diskutiert." Das ist der Claim vom "Club". Weil das so bewegend ist, wurde mehr als 24h nach dem Brand-Ausbruch in der Sendung über das bestimmt relevante Thema "Voll schwul - was darf man noch sagen?" gesprochen. Aber; bewegt das die Menschen am Tag 1 nach Notre Dame wirklich? SRF einmal mehr sackschwach. Es kann wohl nicht so schwer sein, am Dienstagmorgen das Club-Thema neu zu setzen, neue Gäste einzuladen. Die Ausreden, warum das nicht getan wurde, kann ich gar nicht mehr hören.
  • Ueli Custer, 17.04.2019 09:28 Uhr
    Diese Sondersendungen haben in der Regel keinerlei Newsgehalt. Wenn man mal wusste, dass die Notre Dame brennt, dann wusste man für die nächsten paar Stunden alles, was man in diesem Moment wissen kann. Dieses hektische Befragen von irgendwelchen "Experten", die genauso wenig wissen wie alle andern bringt doch rein gar nichts. Der beste Beweis war 10 vor 10 als man immer noch nicht wusste, ob die Kirche noch halbwegs zu retten ist oder nicht. Dieses "Senden um des Sendens Willens" bringt doch einfach nichts. Und wer stundenlang dem Brand zuschauen wollte, konnte dies ja online tun. So what?
  • Victor Brunner, 17.04.2019 09:43 Uhr
    Stefan Del Fabro, Club "Voll schwul" war auch Gähn wie überflüssig, aber über den Brand der Notre Dame wäre auch Gähn gewesen. Da wären ExperenInnen gesessen die hätten nur aus der Ferne Mutmassungen von sich geben können, wie es Trump mit seinen Tipps gemacht hat. Das "nationale Symbol" ist zum Teil zerstört und kann wieder aufgebaut werden. ie das gehen soll braucht Zeit und Experten vor Ort, nicht im Club! Interessant wäre ein Film zur Geschichte der Notre Dame, kann auch zur Club Sendezeit ausgestrahlt werden, dann brauchen wir die künstliche Aufgeregtheit der Moderatorin nicht! In Schweiz aktuell wurde ein guter Beitrag gebracht über Brandschutzund mögliche Szenarios im Berner Münster. Der Bericht war informativer als alle Expertenmutmassungen!
  • Hans Peter Mauchle, 19.04.2019 12:08 Uhr
    Obwohl ich SRF insgesamt sehr schätze, war das ein Fehler. Da gibt es nichts zu beschönigen und man sollte die Grösse haben, auch Fehler einzugestehen, statt mühsam nach Ausreden zu suchen. Sorry. Man hat nie ausgelernt.

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