27.09.2020

SRF Kultur

«Wir wollen dem Publikum vermehrt zuhören»

Seit Juni weht ein frischer Wind bei SRF Kultur: Wie verlief ihr Start als Chefin mitten in der Pandemie? Susanne Wille spricht über Aha-Momente, Querköpfe und die «neue Kultur in der Kultur».
SRF Kultur: «Wir wollen dem Publikum vermehrt zuhören»
«Kultur ist der Sauerstoff ist, den wir alle brauchen»: Susanne Wille, seit Juni 2020 Chefin von SRF Kultur. (Bild: SRF/Oscar Alessio)
von Edith Hollenstein

Frau Wille, Sie haben dem Journalismus den Rücken gekehrt. Was von Ihrem journalistischen Know-how können Sie jetzt als Managerin gut gebrauchen?
Ich bin noch immer im Journalismus verankert. Gerade weil Transformation viel mit Strategien, Prozessen und Unternehmenskultur zu tun hat, lancierte ich im neuen Amt als erstes vektor- und bereichsübergreifende Feedbacks, um zu signalisieren: Der Wert des Journalismus bleibt. In Wochenbriefings, wie wir diese Sitzungen nennen, kommen wir jeden Montag zusammen, um uns mit den Inhalten und dem Handwerk auseinanderzusetzen. Zudem bin ich nun Managerin, jedoch in einem Medienhaus. In dieser Zeit, in der kein Stein auf dem anderen bleibt im Medienbusiness, so viel Verantwortung zu übernehmen, damit gute Lösungen entstehen, motiviert mich sehr.

Sie moderierten vorher «10vor10» und nun leiten Sie die ganze SRF-Kulturabteilung. Wie haben Sie Führen gelernt?
(Lacht.) Auch wenn man mich von aussen vor allem als Politmoderatorin wahrgenommen hat: In den letzten Jahren war ich im Hintergrund zusätzlich mit wichtigen Aufgaben bei zentralen Transformationsprojekten beschäftigt und leitete das Steuerungsboard im Newsroom. Dadurch habe ich zusätzliche Verantwortung übernommen und bin in die Rolle hineingewachsen. 

Aber eben: Nun sind Sie plötzlich Chefin von 300 Mitarbeitenden.
Ich mache das mit viel Freude und auch mit Learning by Doing. Ausserdem habe ich mich in den letzten Jahren intensiv mit Führungsfragen auseinandergesetzt und dazu Kurse und Weiterbildungen besucht.

«Hier geht es nicht um Machtanspruch, sondern vielmehr um die Freude am Gestalten und Bewegen»

Sind also Leadership-Ausbildungen – MAS, CAS und was es alles gibt – überbewertet?
Wie gesagt, ich habe verschiedene Weiterbildungen dazu besucht. Aber: Führung bedeutet für mich, in Zeiten des enormen Wandels Verantwortung für Menschen und ein Unternehmen zu tragen. In erster Linie braucht es dafür eine grosse Identifikation mit dem, was man tut. Ich liebe den Journalismus, ich stehe hinter SRF und ich mag Menschen. Diese Voraussetzung und die Lust, dafür zu sorgen, dass meine Kolleginnen und Kollegen gute Rahmenbedingungen haben, um zusammen in die Zukunft zu gehen, sind meine Motivation. Hier geht es nicht um Machtanspruch, sondern vielmehr um die Freude am Gestalten und Bewegen. Diese Haltung muss man in sich tragen – da helfen auch Bücher und Kurse nicht (lacht).

Vor allem in der Umsetzung der «Strategie 2024» werden Sie harte Entscheidungen treffen müssen. Was machen Sie, wenn Ihre Leute nicht spuren?
Ja, ich werde harte Entscheidungen treffen müssen. Gleichzeitig geht es um viel: Wir wollen wieder ein Medienhaus für alle werden. Das gilt es aufzuzeigen. Und: Ich versuche, eine neue Kultur in die Kultur hineinzubringen. Das heisst: Mehr Team. Neu gibt eine Radioredaktorin Feedback auf eine Online-Umsetzung oder einen «Dok». Ein Kollege aus der Fiktion setzt sich mit einem Wissensmagazin auseinander und umgekehrt. Denn heute reicht es nicht mehr, in Vektoren oder Sendungen zu denken. Früher sagte ich einmal: «Wir brauchen kein Fernsehen, sondern guten Journalismus.» Damit wollte ich ausdrücken, dass Stillstand keine Option ist. Natürlich spüre ich bei den Mitarbeitenden auch Verunsicherung. Das ist nachvollziehbar. Doch ich spüre auch Freude darüber, dass wir in Bewegung sind.

Es ist also für SRF-Mitarbeitende Pflicht, diese digitale Transformation mitzutragen.
Von Plicht möchte ich nicht sprechen, es ist ein schwieriges Wort. Denn bei einer so umfassenden Transformation brauche ich auch kritische Köpfe, also Kolleginnen und Kollegen, die mir mitteilen, wenn sie etwas nicht gut finden. Ich möchte gemeinsam mit meinen Mitarbeitenden unterwegs sein und hier braucht es Bedenkenträgerinnen genauso wie leidenschaftliche Querköpfe und Digital-Cracks.

«Bei einer so umfassenden Transformation brauche ich auch kritische Köpfe»

Nun geht es ja für Sie vor allem darum, die «Strategie 2024» umzusetzen. Wie machen Sie das?
Für die Kulturabteilung haben wir eine Vision definiert. Wir wollen Themen setzen, die bewegen. Wir wollen Aha-Momente schaffen und wir wollen den Dialog mit dem Publikum weiter verstärken – sei es nun auf Social Media, im TV oder bei direkten Begegnungen. Daran orientieren wir unser Schaffen. Wir werden dazu neue Angebote lancieren, mit denen wir Jüngere besser zu erreichen versuchen, und auch das Publikum, das wir bislang noch zu wenig erreichen – etwa Leute unter 45 Jahren. Dazu lancieren wir neue Angebote auf allen Vektoren.

Können Sie Beispiele machen?
Wir werden einen YouTube-Kanal auf Philosophiethemen ausrichten, und unser Wissensangebot werden wir auf eigenen Plattformen, aber auch auf Drittplattformen bündeln und mit neuen Angeboten stärken. Zudem werden wir neue Fiktion anbieten. Hörspiele werden wir verstärkt als Podcasts produzieren – so gibt es eine ganze Reihe von neuen Initiativen. Ausserdem bleiben TV und Radio sehr wichtig, denn wir wollen dem, was wir aufgebaut haben und schon lange sehr gut machen, Sorge tragen.

Sie wollen also vermehrt für Online produzieren, für YouTube, Instagram und Facebook. Dafür müssen die Sendungen ja verändert werden: Ein anderer Schnitt ist nötig, Zusatzmaterial, Texte für Online usw. Das braucht doch zusätzliche Ressourcen. Wie machen Sie denn das, wenn gleichzeitig weniger Geld zur Verfügung steht? Oder machen das nun einfach dieselben Leute on top?
Wenn wir dem Journalismus Sorge tragen wollen, geht es tatsächlich nicht, dass wir alle immer mehr Neues machen. Das heisst, es wird Anpassungen geben.

Was heisst das?
Ich kann das am Beispiel der Hörspiele erklären. Diese verarbeiten wir nicht einfach zusätzlich als Podcasts, sondern fokussieren neu bereits bei der Produktion auf die Podcasts und spielen diese dann auch im Radio. Wir verfolgen hier das Konzept «Digital to Broadcast». Zudem werden wir künftig keine 90-minütigen Spielfilme mehr produzieren, sondern auf Serien fokussieren, die wir teilweise zuerst auf unseren Digitalplattformen abspielen und dann erst im Fernsehen. Im Bereich Wissen verzichten wir auf «Einstein Spezial» und investieren stattdessen ins digitale Angebot, das auch Jüngere besser erreichen soll. Es kommt also nicht alles zusätzlich, sondern wir machen auch Anpassungen am Bestehenden. Das ist mit der Transformation gemeint: Es kommt nicht alles oben drauf, sondern wir müssen uns komplett neu aufstellen.

«Wenn ich daran denke, wie lange diese Krise die Kulturbranche beeinträchtigen wird, erfüllt mich das mit Sorge»

Keine Events, Konzerte oder Tanz- und Theateraufführungen: In dieser Krise leidet gerade die Kulturszene besonders. Abgesehen von dem, was SRF bisher bereits getan hat: Haben Sie weitere Pläne, wie Sie die Schweizer Kulturschaffenden unterstützen können?
Ich bin in engem Kontakt mit Persönlichkeiten aus der Schweizer Kulturszene. Ich finde übrigens, dass hier durchaus eine stärkere und engagiertere öffentliche Debatte über die Bedeutung der Kultur in der Gesellschaft nötig wäre. Überlegen wir doch einmal: Wie viele Filme, Musikstücke haben uns die Zeit im Shutdown erleichtert? Wie oft machen uns Theaterstücke oder Bücher glücklich? Und wenn ich daran denke, wie lange diese Krise die Kulturbranche beeinträchtigen wird, erfüllt mich das mit Sorge. Hier sind wir als öffentliches Medienhaus in der Pflicht. Wir schauen genau hin, wir berichten zum Beispiel regelmässig über die Schwierigkeiten der Kulturbranche. Das tun wir bei Radio SRF 2 Kultur, in TV-Sendungen wie «Kulturplatz» oder in den News. Zudem geben wir dem Schweizer Kulturschaffen eine Bühne: Auf dem Höhepunkt der Krise haben wir zusätzliche Sendeplätze zur Verfügung gestellt – für die Literatur-, Musik- oder Filmszene. Hier schauen wir weiter genau hin.

Zusätzlich ist jedoch nichts geplant und spruchreif?
Wir planen ständig und reagieren laufend. So haben wir zum Beispiel in Zusammenarbeit mit den Veranstaltern für den Klassik-Sommer Lösungen gefunden. Es gab eine Spezialsendung im TV, die Konzerte waren online zugänglich und wir produzierten eine spezielle Webserie dazu.

Für die Kulturszene wäre vor allem wichtig, dass SRF Aufträge gibt und diese fair bezahlt. Dass es nun keine neuen Fernsehfilme gibt, ist doch ein Frust für die Regisseure und Filmproduzenten im Land. Denn es waren ja vor allem Kulturschaffende, die mit Gratis-Spots und -Kampagnen die SRG bei «No Billag» stark unterstützt haben.
Wir haben uns mit den Filmproduzierenden getroffen und ihnen detailliert geschildert, dass wir in der Fiktion nicht sparen, sondern im Gegenteil ins Schweizer Filmschaffen sogar mehr investieren. Jedoch setzen wir den Schwerpunkt anders, denn wir investieren verstärkt in Serien, auch in Serien, die wir zuerst auf den digitalen Plattformen ausspielen. Ich schaute den kreativen Köpfen hinter einer Serie für junge Erwachsene über die Schultern oder war bei den beiden Pitches für den neuen «Tatort» dabei. Ich kann versichern: SRF ist und bleibt ein starker Partner fürs Schweizer Filmschaffen.

«SRF ist und bleibt ein starker Partner fürs Schweizer Filmschaffen»

Welche Kultursendung erreicht eigentlich die höchste Quote? Gibt es eine, die über 10 Prozent Marktanteil hinauskommt – ausser vielleicht «Einstein» oder «Mona mittendrin»?
SRF Kultur ist, wie Sie sagen, sehr breit aufgestellt. Mit «Dok»-Filmen erreichen wir regelmässig sehr gute Quoten. Daneben richtet sich unser Angebot, das ja einem Leistungsauftrag entspricht, an ein kulturinteressiertes Publikum. Gleichzeitig denken wir nicht nur in Abteilungsgrenzen: Kultur-Fachredaktionen produzieren regelmässig Beiträge für die Infosendungen – also für die «Tagesschau» oder «10vor10» etwa. Gewisse Kulturangebote müssen und können keine Spitzenquoten erreichen. Doch unsere Formate müssen in der Gruppe, die sich potentiell dafür interessiert, zu den toprelevanten Angeboten gehören.

Wie meinen Sie das?
«Sternstunde Philosophie» ist ein gutes Beispiel. Diese Sendungen kann niemals eine Quote erreichen wie eine «Tagesschau». Trotzdem gibt es viele Leute, die sich für Philosophiethemen und Lebensfragen interessieren. Diese Leute wollen wir erreichen. Deshalb kreieren wir neue Angebot im Web, denn der lineare Sendeplatz am Sonntagmorgen reicht nicht aus, um die Sendungen allen Interessierten ausreichend zugänglich zu machen. 

Wie machen Sie «Sternstunde Philosophie» YouTube-tauglich?
Die Inhalte der «Sternstunde Philosophie» sind online gefragt, das sehen wir ja an den Abrufzahlen. Konkret kann hier nicht zu fest vorgreifen, doch man weiss ja: Gerade in der Philosophie verfügt SRF mit Barbara Bleisch oder Yves Bossart über starke Persönlichkeiten – darauf werden wir aufbauen.

«Dass sich das Private mit dem Beruflichen mehr und mehr vermischte, brachte dafür eine gewisse Menschlichkeit in Sitzungen hinein»

Während einer Pandemie eine solche Funktion zu übernehmen, bei der man als Führungskraft vor allem zuerst mit vielen Leuten persönliche Gespräche führen sollte, ist nicht gerade ideal. Wie haben Sie das gemacht?
Es waren mehrere Faktoren tatsächlich herausfordernd: Die Kulturbranche stand still und war stark unter Druck, wir mussten Dreharbeiten abbrechen, und an vielen Orten unkonventionelle Lösungen finden. Bei SRF standen wir im Juni mitten im Strategieprozess. Zudem ist der SRF-Kultur-Bereich sehr vielfältig – von Fiktion über Wissenschaft, Dokumentarfilme bis zu Kulturberichterstattung. Hinzu kommen die drei Vektoren Radio, TV und Digital. Und wie Sie sagten: Die grösste Herausforderung war, dass ich beim Start im Juni nicht regelmässig vor Ort sein konnte. Auch jetzt im September arbeiten weiterhin viele Kolleginnen und Kollegen im Homeoffice. Dazu sage ich Ihnen ehrlich: Das ist wirklich anspruchsvoll. Ich bin ein Mensch, der den direkten Austausch mag, daher versuche ich nun, eine Balance zu finden. 

Wie?
Wo möglich treffe ich die Mitarbeitenden in Basel, gleichzeitig führe ich hauptsächlich über Videocalls. Das habe ich bereits bei meinem Start offen thematisiert. Für die Kaderleute meiner Abteilung führte ich den Kurs «Leading from a Distance» ein. Aber nicht vergessen: Anspruchsvoll war es nicht nur für Führungskräfte, sondern für alle Mitarbeitenden. Dass sich das Private mit dem Beruflichen mehr und mehr vermischte, brachte dafür eine gewisse Menschlichkeit in Sitzungen hinein. Man sah die Stube des Kollegen, das Büro der Kollegin oder auch mal ein weinendes Kind – so entstanden ganz ungewöhnliche Dialoge, ehrliche, erfrischende Gespräche und auch Nähe. Soll ich ein Beispiel machen, wo ich weitere Chancen im pandemiebedingten Digitalisierungsschub sehe?

Gerne.
Es ist mir wichtig, dass wir gemeinsam lernen. Wir lancierten darum ein Digitalatelier. Hier geht es darum, besser zu verstehen, wie wir im digitalen Raum noch stärker werden können, was funktioniert. Es geht vor allem aber auch um den Teamgeist. Vor dem Start stellte ich mir vor, dass wir dann alle im Auditorium in Basel bei einem Lunchmeeting zusammenkommen und uns mit unseren Inhalten auseinandersetzen. Am Tag der ersten Austragung stand ich am Morgen auf und dachte: «Das ist jetzt einfach so schade!». Doch es zeigte sich, dass Online-Adaptionen durchaus Vorteile haben. Wir starteten dann via Computer statt im Auditorium und: Plötzlich waren 100 Personen zugeschaltet. 100 Kolleginnen und Kollegen, die sich Zeit nahmen für dieses Lernmodul! Ich konnte das kaum glauben. Wir unterhielten uns via Video intensiv über einen Onlinebeitrag – es gab Feedbacks und parallel lief ein Chat, bei dem ebenfalls sehr engagiert diskutiert wurde. Eine solch intensive, parallele Diskussion wäre bei einer physischen Austragung gar nicht möglich gewesen. Seit dem Start sind regelmässig 50 Kolleginnen Kollegen im Digitalatelier dabei, weil man sich einfach zuschalten kann. Das freut mich. Dieses Ereignis zeigt, wo in vermeintlichen Nachteilen die Vorteile liegen und wie viel Energie in der Kultur steckt. 

Zum Schluss ein Ausblick: Was wollen Sie als SRF-Kulturchefin erreichen?
Dialog. Wir von der Kultur wollen dem Publikum vermehrt zuhören. Und ein zweiter Wunsch, jetzt grad vor dem Hintergrund der Covid-Krise: Der Kultur soll es gelingen, ihre Bedeutung aufzuzeigen für unser Land und fürs Zusammenleben, weil sie der Sauerstoff ist, den wir alle brauchen.



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