10.03.2022

Tamedia

«Wir wollen einen langfristigen Kulturwandel»

Der Frauenprotest bei Tamedia vor einem Jahr hat grosse Wellen geschlagen. Von Diskriminierung und strukturellem Sexismus war die Rede. Was hat sich seither getan? Eine Zwischenbilanz mit Priska Amstutz, Co-Chefredaktorin des Tages-Anzeigers.
Tamedia: «Wir wollen einen langfristigen Kulturwandel»
«Wir haben sehr viele Massnahmen umgesetzt, deren Wirksamkeit wir nun beobachten müssen», so Priska Amstutz, Co-Chefredaktorin des Tages-Anzeigers und Leiterin einer internen Arbeitsgruppe. (Bild: Mirjam Kluka)
von Michèle Widmer

Frau Amstutz, Sie sind seit bald zwei Jahren Co-Chefredaktorin vom Tages-Anzeiger. Wie erleben Sie die Arbeit in der Führung als eine von wenigen Frauen?
Die Arbeit ist angenehm, auch weil ich merke, dass meine Kollegen den Wandel mittragen und weibliche Perspektiven schätzen. Aber natürlich freue ich mich, dass wir laufend mehr Frauen an entscheidenden Stellen haben werden.

Nun wurden mit Kerstin Hasse und Raphaela Birrer soeben zwei Frauen in die Tamedia-Chefredaktion berufen: Wäre das ohne den Druck durch den Protestbrief vor einem Jahr auch passiert?
Ja, ich denke schon. Wir haben schon einige Monate vorher, im Dezember 2020, einen höheren Frauenanteil auf allen Ebenen als strategisches Ziel definiert. Besonders in leitenden Funktionen gab und gibt es viel zu tun.

Tamedia hat sich zum Ziel gesetzt, den Frauenanteil umfassend auf mindestens 40 Prozent zu erhöhen (persoenlich.com berichtete). Wie ist der aktuelle Stand auf den verschiedenen Ebenen im Vergleich zum Mai 2021?
Wir konnten auf allen Ebenen zulegen, vor allem in leitenden Funktionen. Das Wachstumsziel ist auf drei Jahre angelegt, wir sind auf einem realistischen, guten Weg.

«Wir stehen immer noch eher am Anfang eines langen Prozesses»

Um das 40-Prozent-Ziel zu erreichen, wollen sie zuerst einmal die Frauen länger in den Redaktionen halten. Was wurde dafür konkret unternommen in den letzten Monaten?
Viele kleinere Massnahmen wie Umfragen, Workshops, Anpassungen an der Sitzungskultur und natürlich die Beförderung diverser Kolleginnen haben hoffentlich als Zeichen gewirkt, dass es uns ernst ist und wir einen langfristig wirksamen Kulturwandel bewirken möchten. Hinzu kommen strukturelle Massnahmen, die wir auf Gruppenebene bearbeiten. Wir stehen immer noch eher am Anfang eines langen Prozesses.

Auch das Betriebsklima sollte verbessert werden. Was wurde gemacht, um eine diskriminierungsfreie Unternehmenskultur zu schaffen, wie Tamedia es angekündigt hatte?
Neben diversen obligatorischen Workshops und Schulungen für Führungskräfte haben wir eine vertiefte Analyse zur Sicherstellung der Lohngleichheit gemacht sowie eine umfangreiche Mitarbeitendenumfrage durchgeführt, die Aspekte der Inklusion und Diskriminierungsfreiheit abgefragt hat. Die Resultate wurden mit den Teams besprochen und wenn Bedarf besteht, werden auf Teamebene Lösungsansätze erarbeitet. Die Umfrage wird jährlich wiederholt, damit wir eine Entwicklung beobachten und, wo notwendig, auch Massnahmen daraus ableiten können. Daneben wurde Anfang Jahr mit allen Führungskräften ein interner Kulturdialog gestartet.

«In den letzten zwei Jahren hat sich die Grundstimmung selten entspannen können»

Nach der Entlassung von Kevin Brühlmann gab es erneut einen Protestbrief des Personals. Ein gutes Arbeitsklima sieht wohl anders aus. Wie würden Sie dieses zurzeit beschreiben?
Einzelne Mitarbeitende, verschiedene Ressorts und im Grunde wir alle in der Branche erleben immer wieder anspruchsvolle Phasen. Die jetzige dauert sehr lange an. In den letzten zwei Jahren hat sich die Grundstimmung selten entspannen können, das Teamleben kam während der Pandemie viel zu kurz, das merkt man. Auf der anderen Seite freuen sich auch viele über die genannten Fortschritte, es gibt eine grosse Solidarität unter den Journalistinnen und Journalisten, und die Leidenschaft für den Job ist bei vielen ungebremst.

Wie hat die Chefredaktion auf den Protestbrief reagiert?
Sie ist mit der Belegschaft in den Dialog getreten. Zudem werden interne Prozesse überprüft und wo nötig angepasst.

Zurück zur Frauenförderung: Ein anderer Weg, um die Frauenzahl zu steigern, soll eine Verbesserung der internen Karrieremöglichkeiten sein. Was wurde konkret gemacht?
Die Verpflichtung, die Anzahl Frauen in Führungsposition zu steigern, führt automatisch zu besseren Karrierechancen. Wir haben ausserdem geprüft, wie sich der Anteil an Frauen und Männern bei Förderprogrammen und wichtigen Weiterbildungen zusammenstellt, und haben analysiert, wie viele Frauen und Männer nach der Teilnahme an solchen Angeboten tatsächlich befördert werden. Das alles schärft die Wahrnehmung der Vorgesetzten und zeigt ihnen die Relevanz auf, Frauen auf den Radar zu nehmen und dort zu halten. Auf Gruppenebene arbeiten wir an verschiedensten Aspekten der besseren Vereinbarkeit. Und wir zeigen an diversen wichtigen Stellen, dass Jobsharings möglich und wertvoll sind und sich alternative Karrierewege denken lassen.

Wie viele Frauen wurden im letzten Jahr intern befördert?
Da gab es einige. Darunter waren Catherine Boss, Co-Leiterin des Recherchedesks, Michèle Binswanger, Co-Leiterin Ressort Leben, Raphaela Birrer, Inlandchefin und neu Mitglied der Chefredaktion Tamedia, oder Nina Jecker, Mitglied der Chefredaktion BaZ. Ferner gab es im Rahmen der Neuaufstellung der Redaktion BZ/Bund verschiedene Beförderungen, etwa Regula Fuchs, Mitglied der Chefredaktion, um nur ein paar Beispiele aus dem Redaktionsumfeld zu nennen. Zusammen mit den neuen Führungsfrauen, die wir extern rekrutieren konnten – wie zum Beispiel Isabelle Jacobi, Chefredaktorin Bund, und Kerstin Hasse, Chefredaktorin Digital Tamedia –, haben wir einen wichtigen Schritt gemacht.

Nach dem Protestbrief hat Tamedia die Expertin Christine Lüders engagiert. Was umfasste das Mandat? Was hat es konkret gebracht?
Das Mandat umfasste die Abklärung und Aufarbeitung der im Brief genannten Fälle. Frau Lüders agierte darüber hinaus als externe Ansprechperson auch für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die sich nicht im Brief gemeldet hatten.

«In einzelnen Bereichen wurde eine männlich geprägte Führungskultur wahrgenommen»

Wie man hört, sollen sich die im Protestbrief vor einem Jahr genannten Vorfälle auf wenige Personen beziehen. Welche Folgen hatte das für diese?
Wir haben den Brief sehr ernst genommen und die darin geschilderten Fälle mit Frau Lüders als externer Spezialistin aufgearbeitet. Sexuelle Belästigung, Diskriminierung oder Mobbing werden von Tamedia nicht toleriert. Die Untersuchung hat jedoch gezeigt, dass das Problem weniger darin liegt. In erster Linie wünschen sich die Frauen in unserem Unternehmen einen diskriminierungsfreien, respektvollen Umgang, mehr Toleranz und Wertschätzung sowie eine höhere Chancengleichheit. Darüber hinaus wurde in einzelnen Bereichen eine männlich geprägte Führungskultur wahrgenommen. Zu Einzelfällen kann ich mich aus personalrechtlichen Gründen nicht äussern. Zu den übergreifenden Massnahmen gehört unter anderem die vertiefte Kommunikation der schon bestehenden Angebote wie unsere Vertrauenspersonen, die Einführung obligatorischer Schulungen zu den Themen Unconscious Bias und Sexualisierte Übergriffe im Berufskontext für alle Führungskräfte. Ferner ist ein neues Schulungsangebot für Führungskräfte zum Thema Sitzungsführung geplant. Ein zentrales Thema ist aber auch der gestartete interne Kulturdialog.

Letztes Jahr an der Bilanzmedienkonferenz bedauerte Pietro Supino, dass Bottom-up an der Basis punkto Geschlechtergleichstellung nicht funktioniert. Woran harzt es? Man versucht es ja – auch schon mit der Stauffacher Deklaration – seit Jahren?
Das versuchen wir herauszufinden und sind überzeugt, dass die Massnahmen, die seit letztem Jahr umgesetzt werden, wirklich greifen. Traditionell ist der Newsjournalismus aus bekannten Gründen männlich dominiert. Wir hoffen, einen nachhaltigen Beitrag dazu zu leisten, dass sich das endlich ändert. Aber es braucht Geduld.

Sie leiten die Arbeitsgruppe Diversity mit dem Fokus Frauenförderung. Was beschäftigt Sie dort zurzeit? Was steht noch an?
Wir haben sehr viele Massnahmen umgesetzt, deren Wirksamkeit wir nun beobachten müssen. Vielleicht eignet sich nicht alles, was wir im ersten Moment sinnvoll fanden. Manche Projekte, von denen alle Mitarbeitenden der TX Group profitieren sollten, konnten wir mit der neuen, gruppenweiten Diversity-Projektleiterin besprechen und dort Synergien schaffen. In der Arbeitsgruppe beschäftigen wir uns kontinuierlich mit der Darstellung von Frauen in unseren Medien und mit spezifisch redaktionellen Fragen.



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Kommentare

  • Andrea Fischer, 10.03.2022 13:51 Uhr
    Das strategische Ziel, einen "höheren Frauenanteil auf allen Ebenen" zu erreichen, wurde schon vor Jahren definiert, liebe Priska Amstutz, und nicht erst im Dezember 2020. Ohne den Protestbrief zahlreicher Tamedia-Frauen vom März 2021 wären wohl kaum innert Jahresfrist zwei Frauen in die Chefredaktion berufen worden.
  • Adrian Venetz, 10.03.2022 10:46 Uhr
    "Strukturen", "Prozesse", "Ebenen", "Synergien", "Chancen"... So reden Leute, die nichts zu sagen haben.
  • Victor Brunner, 10.03.2022 10:10 Uhr
    Gelernt? Nora Zukker heute im TA zum ersten Kassensturz mit Bettina Ramseier. Titel: Die Rechtsanwältin der Mäuse. Wahrscheinlich wollte Zukker witzig sein, dabei ist sie veletzend. Respekt nur für Frauen von der Werdstrasse?
Kommentarfunktion wurde geschlossen

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