30.12.2020

Das war 2020

«Die Kampagne wurde zu regenbogenfarbig»

Kein Thema hat im Jahr 2020 mehr dominiert als Covid-19. Daniel Koch vom Bundesamt für Gesundheit wurde durch die Krise zum «Mister Corona». Auch nach seiner Pensionierung blieb er ein gefragter Mann. Ein Rückblick auf das wohl speziellste Jahr seiner beruflichen Karriere.
Das war 2020: «Die Kampagne wurde zu regenbogenfarbig»
«Wir sind noch längst nicht – wie man beim Jassen sagt – aus dem Schneider raus», so Daniel Koch, ehemaliger Leiter der Abteilung «Übertragbare Krankheiten» im Bundesamt für Gesundheit (BAG). (Bild: Keystone/Alessandro della Valle, Grafik: Corinne Lüthi)
von Christian Beck

Herr Koch, gab es einen Schlüsselmoment, in welchem Sie realisierten, dass Covid-19 eine grosse Geschichte wird?
Mir wurde klar, dass es sehr schwierig werden wird, als wir Bundesrat Alain Berset erklärten, dass man das Minister-Gipfeltreffen von Ende Februar in Montreux absagen muss.

Wie reagierte er?
Das war eine sehr interessante Sitzung. Zu Beginn der Sitzung wollte Alain Berset das Gipfeltreffen noch nicht absagen, nach der Sitzung war für ihn völlig klar, dass eine Absage erfolgen muss.

Die Bevölkerung hat vermutlich am 13. März, als vom Bundesrat der Lockdown verkündet wurde, den Ernst der Lage so richtig begriffen. Wie lange zuvor nahm Covid-19 Ihren Arbeitsalltag ein?
Das begann Mitte Januar. Ab dann kümmerten wir uns in der Abteilung praktisch nur noch um Covid-19. Es war dies die grösste Herausforderung meiner Karriere. Die Corona-Pandemie ist ja auch das grösste Ereignis im Bereich übertragbare Krankheiten sicher seit der Aids-Epidemie, wahrscheinlich sogar seit den letzten 100 Jahren, also seit der Spanischen Grippe.

«Die Kampagne musste quasi innert Stunden aus dem Boden gestampft werden»

Ende Februar startete die Präventionskampagne mit einem gelben Plakat (persoenlich.com berichtete). Wie beurteilen Sie die Kommunikation von damals?
In Bezug auf die Kampagne war es so, dass man sehr, sehr schnell reagieren musste. Als wir beschlossen haben, dass es eine Kampagne braucht, musste diese quasi innert Stunden aus dem Boden gestampft werden. Die ganze Idee mit den Piktogrammen ist gut gelungen. Die Botschaft, nämlich die Einführung von neuen Verhaltensregeln, kam bei der Bevölkerung sehr schnell an. Genau das wollten wir.

Seither sind viele weitere Teilkampagnen hinzugekommen, es sind nun über 15. Gefällt Ihnen, was das Bundesamt für Gesundheit (BAG) und die beauftragte Agentur Rod abliefern?
Die Kampagne wurde etwas zu regenbogenfarbig. Etwas weniger wäre zwischenzeitlich sicher mehr gewesen.

Welche Teilkampagne hat Sie besonders angesprochen?
Ich selber muss ja nicht auf die Kampagne warten, um mein Verhalten zu ändern (lacht). Mich überzeugte der Start der Kampagne. Die ersten Schritte, als man relativ schnell beim roten Plakat landete, waren sehr überzeugend.

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Für Aufsehen sorgte
ein Interview, das sie dem Grosseltern-Magazin gaben. Dass Grosseltern nun plötzlich wieder ihre Enkel in den Arm nehmen durften, verwirrte nicht nur meine Mutter. Waren Sie überrascht, was Sie mit einem Interview auslösen können?
Nein, das war auch so beabsichtigt. Es war ja nicht alleine dieses Interview, dasselbe wurde ja bereits zuvor in einer Pressekonferenz gesagt. Es ging darum, der Bevölkerung nicht etwas vorzuenthalten, wenn alles dafür spricht, dass es machbar ist. Man muss schon sehen: Für die ältere Bevölkerung war der Abstand zu den Enkelkindern sehr belastend. Damals wurde völlig klar – und ist es auch heute noch: Kleine Kinder sind nicht Treiber der Pandemie und gefährden entsprechend die Grosseltern nicht.

Sie selber sind auch Grossvater …
Ja, aber es ging nicht um mich persönlich: Mein Grosskind war damals gerade mal ein paar Monate alt und ich hatte ohnehin sehr wenig Kontakt. Aber mein Grosskind ist seither tatsächlich die einzige Person in der ganzen Familie, die ich in die Arme schliesse.

«Diese Prominenz war eine Nebenerscheinung, die ich so nicht erwartet hätte»

Mit dem Start der Coronakrise standen Sie im Rampenlicht. Wie war das für Sie, plötzlich ein allseits gefragter Mann zu sein?
Sehr überraschend und zu Beginn auch gewöhnungsbedürftig. Ich war ja von Berufes wegen voll in der Thematik. Diese Prominenz war eine Nebenerscheinung, die ich so nicht erwartet hätte. Mit der Zeit gewöhnt man sich daran, und es hat Vor- und Nachteile, plötzlich einen gewissen Bekanntheitsgrad zu haben.

Welches sind die Vorteile?
Die Vorteile sind natürlich, dass man sich nirgends mehr vorstellen muss, dass man sehr viele Leute kennenlernt, auch sehr interessante wie Alt-Bundesrat Adolf Ogi oder Sportlerinnen und Sportler. Das ist angenehm und eindeutig ein Vorteil.

Aber es gibt auch Schattenseiten. Was erlebten Sie als Nachteil?
Man kontrolliert sich selber im öffentlichen Raum umso mehr. Bevor die Maskenpflicht eingeführt wurde, ging ich praktisch nicht mehr in die Läden – nur noch für das Allernötigste. Ich wurde beobachtet, und beobachtete vor allem auch mich selbst ständig. Das war nicht mehr entspannt.

Mittlerweile sind Sie pensioniert. David Schärer von Rod sagte kürzlich, dass «eine klare Identifikationsfigur», wie Sie es waren, hilfreich wäre bei der Kommunikation des Bundes. Warum gab es nach Ihnen keinen zweiten «Mister Corona» oder eine «Miss Corona»?
Die Kommunikation von Bundesrat Alain Berset ist nach wie vor hervorragend. Er ist der führende Kopf in dieser Pandemiebewältigung. Warum nun aber parallel dazu keine Fachperson mehr aufgebaut werden konnten, hat vermutlich mit den Personen zu tun. Dass es sich nun im fachlichen Bereich völlig aufgesplittert hat zwischen Leuten vom BAG und jenen der Taskforce, empfinde ich als eher schwierig.

Hätten Sie nicht gerne einfach weitergearbeitet – trotz der ordentlichen Pensionierung?
Das müssen Sie nicht mich fragen (lacht). Das liegt nicht an mir zu beurteilen, und von dem her stellt sich hier die Frage, was der Arbeitgeber will – nicht der Arbeitnehmer.

Nun bieten Sie Ihr Wissen als selbstständiger Berater an. Wie gut läuft Ihr Geschäft?
(Lacht.) Was ich mache, wird völlig überbewertet. Dass ich eine Einzelfirma gründete, hat nur damit zu tun, dass man in der Schweiz Sozialleistungen abrechnen muss. Ich habe weder einen Businessplan noch sonst irgendetwas dahinter. Ich reagiere einfach auf Anfragen und stelle mein Fachwissen zur Verfügung.

Kein Businessplan, aber einen klaren Stundenansatz: Die SonntagsZeitung rechnete vor, dass Sie pro Stunde 350 Franken verlangen. Sind Sie Ihr Geld wert?
(Lacht.) Wissen Sie, die 350 Franken sind für die Beratungen – und zwar all-inclusive. Das ist die reine Stundenabrechnung, ab diesem Zeitpunkt, wenn ich vor Ort mit jemandem Face to Face arbeite. Da kommen keine Spesen dazu, ich schaue nicht, wie lange meine Anreise dauert, ich berechne meine Vorbereitungszeit nicht und auch nicht die Zeit während eines Apéros. Diesen Stundenansatz habe ich so berechnet, um den administrativen Aufwand möglichst klein zu halten.

«Ich glaube nicht, dass es im Moment darum geht, Fairness zu erwarten»

Ende November titelte 20 Minuten: «Jetzt schaltet sich Daniel Koch in den Skisaison-Streit ein». Haben Sie sich eingeschaltet oder wurden Sie angefragt?
Ich ging noch nie auf die Presse zu. Die Presse kam immer auf mich zu.

Dann ist es ziemlich unfair zu titeln, Sie hätten sich eingeschaltet …
Ich glaube nicht, dass es im Moment darum geht, Fairness zu erwarten (lacht). Im Moment geht es um die Sache – und mir ging es immer um die Sache. So bin ich sehr davon überzeugt, dass wir in der Schweiz die Skisaison durchführen können.

Und 20 Minuten haben Sie dann 350 Franken verrechnet für die Statements?
Nein, der Presse verrechne ich nichts.

Wenn ich Ihr Berater wäre, würde ich Ihnen empfehlen, Ihre Website zu pflegen. Als ich Ihre Kontaktdaten suchte, stiess ich auf eine leere Seite. Haben Sie es nicht so mit Technik?
Das ist nicht der Grund. Ich habe auch so genügend Anfragen (lacht). Es geht wirklich nicht um einen Businessplan, ich suche nicht mehr Arbeit.

Dann ist Ihre Beratertätigkeit also mehr Hobby?
Es ist vor allem sehr zeitintensiv. Aber als Hobby würde ich das nicht bezeichnen. Ich stelle mein Fachwissen einfach weiterhin jenen Leuten zur Verfügung, die es beanspruchen wollen.

Ehrt Sie es, dass Sie weiterhin so gefragt sind?
Es geht nicht um die Ehre. Mich beschäftigt dieses Problem – und Covid-19 ist ein echt grosses Problem. Da ich einen anderen Zugang zu dieser Problematik habe, weil es mein Beruf war, wäre es für mich persönlich komisch, wenn ich nun sagen würde: Ich weiss zwar etwas, aber mich müsst ihr nicht mehr fragen. Und von dem her gebe ich gerne Auskunft, wenn ich angefragt werde.

Nun steht das Jahr 2021 vor der Tür. Kann es nur besser werden?
Es muss besser werden.

Wird es besser?
Wir sind noch längst nicht – wie man beim Jassen sagt – aus dem Schneider raus. Es ist nach wie vor eine grosse Herausforderung. Auf der anderen Seite muss man sagen, dass es immer mehr Instrumente gibt und weitere hinzukommen werden. Es geht darum, dass diese Instrumente auch richtig eingesetzt werden. Nur mit einer Verbots- und Einschränkungsstrategie wird man mittelfristig die Bevölkerung nicht abholen können.



In der Serie «Das war 2020» greifen wir die grossen Themen des Jahres in kompakter Form nochmals auf. Hier finden Sie die Übersicht.

 

 



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