15.02.2021

Serie zum Coronavirus

«Harald Schmidt war auch Gott»

Oliver Kraaz war einst ein Gag-Schreiber für den Stand-up-Comedian. Nun ist er Kommunikationsverantwortlicher der katholischen Kirche der Stadt Zürich. Es habe ihn schon immer zu Lichtgestalten hingezogen, sagt er in der 155. Folge der Serie.
Serie zum Coronavirus: «Harald Schmidt war auch Gott»
Trotz rekordhoher Austritte aus den Landeskirchen sieht Kraaz auch Positives in der Pandemie. (Bild: zVg.)
von Matthias Ackeret

Herr Kraaz, Sie sind Kommunikationsverantwortlicher bei der katholischen Kirche in der Stadt Zürich. Ist man während Corona mehr gefordert als in normalen Zeiten?
Corona verlangt uns allen alles ab, egal wo wir stehen. Für uns alle, die wir Homeoffice-Möglichkeit haben, ist es ja ein Übel, das trotz allem überschaubar ist. Wenn ich aber unsere Seelsorgenden und Sozialarbeitenden sehe, dann weiss ich: Corona ist eine Ausnahmesituation, die viele von uns empfindlich trifft. Randständige und Schwächere sogar lebensbedrohlich.

Womit beschäftigt sich die Kirche momentan am meisten?
Den Menschen durch die Krise zu helfen. Auf der Gasse ist die Situation mit jedem kalten Abend prekärer – hier braucht es Hilfe, Essen, Betreuung, Beratung, Beistand. Immer mehr Menschen haben während Corona mit ganz anderen Dingen als mit Langeweile zu kämpfen. Die katholische Kirche der Stadt Zürich ist parallel in einem Reformprozess mit dem Titel «Katholisch Stadt Zürich 2030». Aber in solchen Phasen muss man seine eigenen Interessen zur Seite stellen und sich fragen: Was tut jetzt wirklich Not?

Spüren Sie eine verstärkte Rückkehr zur Spiritualität?
Ich schätze die Stadt Zürich bereits als eine sehr spirituelle Stadt ein – wenn man Spiritualität im Sinne von «Suche nach dem Grösseren und grossen Ganzen» sieht. Das sieht man an vielen Bewegungen, die sich oberflächlich um Ernährung, Klima oder Gesundheit drehen. Im Endeffekt geht es doch um endgültige Antworten für ein besseres Leben.

«Rom ist so weit weg wie der FC Wiedikon von der Champions League»

Es sind noch nie so viele Menschen aus der Kirche ausgetreten, wie ausgerechnet im Coronajahr. Woran liegt das?
Die Austritte und Corona sind weder positiv noch negativ miteinander verknüpft. Tatsache ist, dass wir als katholische Kirche in der Stadt Zürich mit den Skandalen der Weltkirche, die leider Tatsache und nicht zu entschuldigen sind, verbunden werden. Unsere 23 Pfarreien in der Stadt Zürich sind die Basis der Kirche, wir leben in den Quartieren. Da ist Rom so weit weg wie der FC Wiedikon von der Champions League. Bei den Austritten sind wir aber eben der einzige Ort, wo die Leute den Frust über das Geschehen in der Weltkirche abladen können. Das ist verständlich, wenn auch schmerzhaft. Denn die katholische Kirche in der Stadt Zürich ist liberal und mitten im Leben verankert, keine konservative Insel, die sich vor dem Alltag verschliesst.

Glauben Sie, dass man diesen Austrittstrend mittelfristig stoppen kann?
Gegenfrage: Wissen wir, wie uns diese Krise verändern wird, wie lange sie noch nachklingen wird? Ich sage es so: Hinterlässt die Corona-Pandemie eine verstärkte Suche nach Halt, Hoffnung und reflektierten Antworten, dann kann die Kirche für viele Menschen ein guter Anlaufort sein. Muss sie aber nicht – das ist ja das Gute. Kirche ist eine Einladung zu einem reichen Lebensweg und kein unausweichlicher Marsch durch ein Jammertal mit seelischen Höllenqualen.

Welche Herausforderungen stellen sich für Sie als Kommunikationsverantwortlichem?
Die Menschen zu erreichen und Wege zu suchen, wie wir den fehlenden Raum wegen Corona überbrücken können. Es entstehen neue Formen und Communitys auf dem digitalen Weg, wie beispielsweise unser Projekt «URBN.K» auf YouTube. Wir stehen hier am Anfang, vieles klappt sehr gut, vieles steckt noch in den Kinderschuhen. Digital ersetzt nicht die unmittelbare Begegnung. Aber Glaube, Austausch und Vernetzung – und auch Zuspruch funktioniert auch online. Unsere Treffen auf Zoom mit den Namen «Brot und Liebe» oder «40Tage.ch», unsere Fastenaktion mit Beratern und Coaches, zeigen unsere Handschrift.

«Ich war aus der Kirche auch schon ausgetreten, mit Pauken und Trompeten»

Sie waren früher in ganz anderen Bereichen tätig, unter anderem als Gag-Schreiber für Harald Schmidt. Was ist der Hauptunterschied zum heutigen Job?
Harald Schmidt war zu seiner Zeit als Stand-up-Comedian auch Gott. Es scheint also, dass es mich schon immer zu Lichtgestalten hingezogen hat. So gesehen bin ich mit meiner jetzigen Tätigkeit einfach noch einen Schritt weitergegangen.

Ist Corona eine Strafe Gottes?
Regelmässige «Tatort»-Zuschauer wissen, dass bei jedem Tat-Verdacht der Kommissare die Staatsanwälte immer reflexartig blaffen: «Und? Haben wir was in der Hand? Gibt es klare Indizien dafür? Gibt es Zeugen?» – also haben wir dies in diesem Fall? Eher nicht. Auch eine Hausdurchsuchung beim lieben Gott stelle ich mir eher schwierig vor … Die Antwort ist also: Nein. Ich glaube auch nicht, dass Bill Gates dahintersteckt. Die Folgefrage wäre ja eher: Ist Bill Gates etwa auch der liebe Gott?

Wie fest gläubig sind Sie eigentlich?
Diese Frage klingt heute so anrüchig wie: Gehen Sie auch ins Darknet? Um es so zu formulieren: Mir ist es mit meinem Job heiliger Ernst. Ich war aus der Kirche auch schon ausgetreten, mit Pauken und Trompeten. Nach einem Rückzug in einem Kloster bin ich wieder eingetreten. Still und leise. Gut so.

Was war für Sie das prägendste Erlebnis der letzten Wochen?
Mein persönlicher Lockdown seit Anfang Oktober. Der wurde aufgrund einer sehr schweren Krankheit in meiner Familie notwendig. Das ist sehr anspruchsvoll. Aber auf der ganzen Welt leben viel mehr Menschen in einer solchen oder strengeren Begrenzung als in der absoluten Freiheit, die wir jetzt als so selbstverständlich und lauthals zurückfordern. Mehr als einmal ist mir der Ausspruch von Blaise Pascal in den Sinn gekommen: «Das ganze Unglück der Menschen rührt allein daher, dass sie nicht ruhig in einem Zimmer zu bleiben vermögen».


Was bedeutet die Corona-Pandemie für die verschiedenen Akteure der Schweizer Medien- und Kommunikationsbranche? Bis auf Weiteres wird persoenlich.com regelmässig eine betroffene Person zu Wort kommen lassen. Die ganze Serie finden Sie hier.



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