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Der gewerkschaftliche Aufschrei bleibt aus

Edith Hollenstein

Nach sieben Jahren wird die «TagesWoche» liquidiert. Diese Nachricht vom Montagabend ist tragisch und zeigt, wie schwierig es ist, mit Journalismus einen Markt zu finden. Irritierend ist dabei die Resonanz. Wenn rund 30 Mitarbeiter ihre Anstellung verlieren, erwartet man eigentlich eine starke Wortmeldung der Journalistenverbände und der Gewerkschaften. Warum bleibt diesmal der gewerkschaftliche Aufschrei aus? Warum sind weder am Montag noch am Dienstag Klagen über die «Schwächung des Medienplatzes Basel» zu hören? Warum gibt es keine Beschwerden über Management-Fehler oder Forderungen, die Stiftung Neue Medien Basel solle doch zusätzliches Geld einschiessen? Eine entsprechende Anfrage am Dienstagvormittag bei Impressum zeigt: Die Verantwortlichen wussten noch gar nichts vom Ende der «TagesWoche». «Die News scheint komplett an uns vorbei gegangen zu sein», hiess es am Dienstagvormittag. Doch so schlimm sei das nicht, denn bei der «TagesWoche» hätten die Gekündigten gute Konditionen, einen guten Sozialplan.

«Was für Stellungnahmen hätten Impressum und Syndicom unverzüglich breitflächig versendet?»

Dieser muss tatsächlich fürstlich ausgestaltet sein – das lassen die Ausführungen von Geschäftsführerin Sibylle Schürch erahnen. «Dem Sozialplan liegt so viel Geld zu Grunde, dass wir unsere Mitarbeiter über lange Zeit finanziell unterstützen können», sagte sie am Dienstag gegenüber persoenlich.com. In einer Woche wird die letzte «TagesWoche»-Ausgabe erscheinen, doch die Mitarbeiter bleiben angestellt, denn bis zum Abschluss des Konsultationsverfahrens mit den Gewerkschaften darf Schürch keine Kündigungen aussprechen. Danach gibt es eine dreimonatige Kündigungsfrist. Während dieser Zeit erhalten die Mitarbeiter weiter den Lohn. Falls jemand dann keine Arbeit findet, setzt der von Schürch erwähnte, grosszügige Sozialplan ein.

Dieser ist also die Begründung für das gewerkschaftliche Schweigen. Doch das reicht nicht aus. Denn stellen wir uns doch einmal vor, Tamedia hätte am Montagabend bekannt gegeben, dass sie im Zusammenhang mit der Übernahme der «Basler Zeitung» 18 Vollzeitstellen streichen müsste und dabei 30 Mitarbeiter ihren Job verlieren. Tamedia würde den Schritt begründen, mit den Worten, dass dieser schwierig sei, aber wirtschaftlich notwendig. Dass man aber das Konsultationsverfahren ordnungsgemäss durchführe und erst nachher Kündigungen ausspreche. Und dass darüberhinaus ein Sozialplan greifen werde. Welche Art der Stellungnahmen hätten Impressum und Syndicom unverzüglich breitflächig versendet? «Impressum fordert Arbeitsplatzgarantien in Basel!», schrieb Impressum Ende Oktober, als Tamedia die Integration der BaZ ins Tamedia-Netzwerk bekannt gab, oder «Tamedia muss in die Redaktionen investieren» im August bei der Bekanntgabe des Abbaus von 30 Stellen bei Editorial Services.  

«Tamedias knallhart marktwirtschaftliches Vorgehen ist nicht über alle Zweifel erhaben. Aber was ist besser?»

Der zweite und wahrscheinlich wichtigere Grund für das Schweigen von Impressum und Syndicom ist, dass die «TagesWoche» kein so gutes Feindbild hergibt wie Tamedia. Die Tatsache, dass das mit 974 Millionen Franken Umsatz grösste Schweizer Medienunternehmen nicht bereit ist, Journalismus über seine weiteren Geschäftsfelder quer zu subventionieren und, dass es regelmässig hohe Dividenden erwirtschaftet, ist ihnen ein grosser Dorn im Auge. Dass Tamedia daneben auch investiert und Journalisten weiterbildet, ein Recherche-Desk betreibt, zum International Consortium of investigative Journalists gehört oder an vorderster Front mit robotergenerierten Texten experimentiert, findet kein Gehör.

Tamedias knallhart marktwirtschaftliches Vorgehen ist nicht über alle Zweifel erhaben. Doch in all den Diskussionen über die Vor- und Nachteile der Strategien der Schweizer Verlage in dieser sehr unsicheren Zeit: Was ist besser? Das Bemühen, sich möglichst zukunftstauglich zu organisieren – was schwierig und schmerzhaft sein kann? Oder rechtzeitig den Schirm zuzumachen, sodass Ex-Journalisten genügend Geld bleibt für ihre Zeit danach? Impressum und Syndicom scheinen eine Strategie klar zu bevorzugen: den Schirm zuzumachen.



Edith Hollenstein ist Redaktionsleiterin bei persoenlich.com.

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