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Nachschlag und Nachspeise

Pierre Rothschild

Es waren meine ersten Tage damals beim «St. Galler Tagblatt». Kurt Lüthy, mein Mentor und damaliger Redaktionsleiter des Feuilletons, sagte mir eindringlich: Es gibt kein Krankenhaus, es gibt ein Spital. Über Sahne, so meinte er, muss man schon gar nicht reden – aber dafür über Rundfunk, Bürgersteig und Rote Bete.

Die Liebe zum Sprachgefühl war auch ein Erfolgsfaktor der Schweizer Zeitungen und Zeitschriften. Man wusste, dass man ein Heimatgefühl durch die Sprache vermitteln konnte, die es eben nur bei uns gab. Bewusst und unbewusst. Und nach dem Zweiten Weltkrieg, der ein hässliches Bild der deutschen Sprache zwangsläufig hinterliess, war man doppelt vorsichtig.

Heute, wo man um jeden Leser kämpft, ist dies weitgehend in Vergessenheit geraten. So sind Schweizer Buben schon lange «Jungs», nach dem Krieg hätte man das Wort gar nicht in Betracht gezogen. Und die «Neue Zürcher Zeitung» überrascht in einer Gastrokritik über ein neues Entrecôte-Lokal in Zürich gleich mit «Nachschlag» und «Nachspeise». Immerhin: Noch hat man uns bei der NZZ mit dem Begriff «Zwischenrippenstück» verschont. Noch haben wir die Serviertochter, keine Kellnerin.  

Gute Blattmacher sind selten geworden, sie würden das an einer Sitzung zum Thema machen, wie auch den «Alptraum», der immer wieder auftaucht und zum Albtraum wird. Die Details sind wichtig. Wichtiger denn je. Der Redaktor ist kein Redakteur. Wir müssen zu unserer Sprache zurückfinden. Der Leser verdankt es bewusst und unbewusst.



Pierre Rothschild ist freier Medienunternehmer in Zürich in den Bereichen Filmproduktion und Presse.

Unsere Kolumnisten vertreten ihre eigene Meinung. Sie deckt sich nicht in jedem Fall mit derjenigen der Redaktion.

 

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Kommentare

  • Milo Baechtold, 12.04.2019 10:56 Uhr
    "Heute, wo..." geht gar nicht - speziell da nicht, wo man über gute Sprache spricht.
  • Rudolf Bolli, 12.04.2019 19:14 Uhr
    Der Verteidigung des Schweizer Sprachgebrauchs in Schweizer Zeitungen hat meine volle Unterstützung. Doch mit der "Serviertochter" habe ich ein Problem. Kann man diese patriarchalisch anmutende Bezeichnung heute noch verwenden? Früher rief man "Fräulein", damit die Serviertochter komme. Das geht nicht mehr - und einen Ersatz dafür gibt es nicht. Das männlich Pendant zur Serviertochter wäre der Serviersohn, aber der ist eben der Kellner. Was spricht also gegen Kellnerin? Oder tönt für Schweizer Ohren Serviererin besser? Amtlich korrekt wäre gemäss eidgenössischem Berufsverzeichnis Restaurantfachfrau bzw. -mann. Offensichtlich ein schwieriger Fall.
  • Pierre Rothschild, 14.04.2019 15:26 Uhr
    Nachschlag: heute gibt es in der Kronenhalle eine Telefonzelle. Die NZZ am Sonntag hat sie gefunden .

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