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Nicht jedes Gold glänzt

Christian Beck

Wie könnte man den Aufbruch in ein goldenes Fernsehzeitalter besser symbolisieren als mit einem goldenen Fussboden. Seit 1994, also genau einem Vierteljahrhundert, ist TeleZüri im Steinfelsareal in Zürich-West zu Hause. Als vier Jahre später der nationale Sender Tele24 dazukam, liess Roger Schawinski einen goldenen Fussboden verlegen – passend zum goldfarbenen Tele24-Logo. Mit dem neuen Besitzer Tamedia verschwand 2001 zwar Tele24 wieder, nicht aber der goldene Fussboden. Zugegeben, Gold könnte um die Jahrtausendwende ja modern gewesen sein.

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Zehn Jahre später wechselte TeleZüri wieder den Besitzer. Peter Wanners AZ Medien erhielt 2011 den Zuschlag. Zwei Jahre später wurden die Räumlichkeiten renoviert. Und es geschahen Zeichen und Wunder: Der Fussboden, der in den Augen vieler die Atmosphäre eines Spitals ausstrahlte und von den meisten auch eher als gelb bezeichnet wurde, sollte ersetzt werden. Die Mitarbeitenden durften sich sogar an der Wahl eines neuen Bodenbelags beteiligen. Also lagen Muster auf, das Personal einigte sich auf einen edel wirkenden Bodenbelag in Holzimitation. Die Vorfreude auf die kosmetische Aufwertung war riesig. Schliesslich glänzt nicht alles, was golden ist. Der Auftrag wurde erteilt, eines Tages kamen die Bodenleger. Im Gepäck: der neue Bodenbelag. Keine Holzimitation. Goldfarben! Der goldene Fussboden wurde tatsächlich ersetzt durch einen goldenen Fussboden. Die Mitarbeitenden waren perplex.

Waren die Restbestände, die irgendwo in der hintersten Ecke eines Lagers noch gefunden wurden, preiswerter als die Holzimitation? Legte Roger Schawinski bei Peter Wanner – die beiden haben sich seinerzeit an der Universität Stanford in Kalifornien kennengelernt – ein Veto ein? Sollte ein Mahnmal an längst vergangene Zeiten bestehen bleiben? Vermutungen gibt es viele. Klar ist nur: Noch heute ist der goldene Fussboden auf dem gesamten 90 Meter langen Flur sowie in fast sämtlichen Arbeitsräumen verlegt.

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2021 soll TeleZüri die Geburtsstätte im «Steinfels» verlassen. In Zürich-Oerlikon wird ein neuer zentraler Produktionsstandort bezogen (persoenlich.com berichtete). Im Haus «Leonardo» wird alles neu aufgebaut. Neue Büros, neue Technik, neue Sendestudios, alles neu. Aber: Wird der goldene Boden überleben? Gibt es noch weitere Restbestände in den Lagern? «Wer einst den gelben (sic!), langen Flur bei TeleZüri beschritten hat, der weiss, dass wir innenarchitektonisch durchaus noch zulegen können», sagt Roger Elsener, Geschäftsleiter TV, Radio & Filmvertrieb und Mitglied der Unternehmensleitung CH Media, im persoenlich.com-Interview.

Diese Antwort lässt darauf schliessen: 2021 ist es bei TeleZüri vermutlich vorbei mit den goldenen Zeiten. Wenn das nur mal kein schlechtes Omen ist.



Christian Beck ist Redaktor bei persoenlich.com. Von 2007 bis 2015 war er Videojournalist und Produzent bei TeleZüri.

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