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Obamas Inauguration

Matthias Ackeret

Vor zwölf Jahren war ich an der Inauguration von Barack Obama. Ein Weltereignis, die ganze Welt schaute – wie jetzt – auf die amerikanische Hauptstadt. Doch die Welt war eine andere als heute: hoffnungsvoller – und vor allem ohne Pandemie. Der 20. Januar 2009 war eine Lehrstunde in Demokratie – und für mich eine in Journalismus, in praktischem Journalismus.

Bereits am frühen Morgen kommen mein Kollege Manfred Klemann und ich mit dem Zug von New York in Washington DC an, es ist bitterkalt. Wir steigen aus, lassen uns vom riesigen Pulk Richtung Kapitol treiben. Im fahlen Winterlicht zeichnen sich die Umrisse des amerikanischen Parlaments ab, hinter unzähligen Toilettenhäuschen das Weisse Haus. Soviel Geschichte macht schwindlig. Doch von überall drückt die Menschenmasse, die wenigen Sicherheitskräfte wirken angesichts des Publikumsaufmarsches von zwei Millionen Besuchern überfordert. Hätten wir nicht schon zwei Wochen vorher die Bahntickets in die amerikanische Hauptstadt reserviert, wäre für uns die Amtseinführung von Obama ein TV-Ereignis geblieben. Ich friere.

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Ein Zürcher Radiosender ruft an – ich bin mitten im Pulk –, und befragt mich live nach meinen Eindrücken wenige Stunden vor Obamas Vereidigung. Ich stehe inmitten von Tausenden von Menschen, die alle Richtung Mall drängen und sage sinngemäss, dass es saukalt sei und mittelprächtig organisiert. Der Moderator wirkt nach dem Interview leicht enttäuscht. Dies könne nicht sein, höre ich aus meinem Smartphone, das ich fest an das Ohr presse – er habe auf CNN gesehen, dass die Stimmung bombastisch sei und sogar ein Hawaiianer für Obama Ukulele spiele. Ich antworte, während ich inmitten der drängelnden und sich vorwärts boxenden Menschen nach Luft japse, dass es zum Ukulelespielen sicherlich zu kalt sei. Aber vielleicht irre ich mich, ich bin Nichtmusiker.

Bei der zweiten Schaltung – diesmal für einen Radiosender in Luzern – schildere ich aber, dass jemand angeblich in der Menge für Obama Ukulele spiele und die Stimmung grossartig sei. Der Moderator in der fernen Innerschweiz ist begeistert und sagt nach der Einschaltung, dass es genauso sein müsse, er habe es auf CNN gesehen. Von der grimmigen Kälte vor dem Kapitol käme am Bildschirm aber nichts rüber, fügt der Radiomoderator am Ende an. Eine subtile Kritik aus einem geheizten Radiostudio in der Schweiz: Was man nicht sieht, existiert nicht. Wie ich mich später überzeugen kann, berichtete der Newssender vor allem aus den Räumen des Kapitols, wo es sicherlich angenehm warm war und man keine klammen Finger hatte.

Von Obama selber bekomme ich auf der grossen Mall nur wenig mit. Er ist zu weit weg, rund einen Kilometer. Das Kapitol wirkt von meinem Platz aus wie das Migros-Hochhaus vom Helvetiaplatz aus gesehen. Eine Zürcher Freundin, die angeblich mit der Halbschwester von Obama bekannt war und mir wenige Tage vorher einen Spezialplatz auf der vordersten Tribüne vermitteln wollte, meldet sich auch nicht mehr. Zudem funktionieren viele der grossen Bildschirme, die eigens vor dem Kapitol installiert sind, nicht. Trotzdem, die Stimmung zwischen dem Washington Monument und dem Kapitol ist grossartig, selbst bei absoluten Minustemperaturen. Als die Nationalhymne über die Lautsprecher scheppert, erklingt ein kollektives Gesumme. So kräftig, wie es die gefrorenen Lippen überhaupt zulassen. Der emotionalste Moment aber ist, als ein Helikopter langsam über unseren Köpfen kreist: Es ist der abtretende Präsident George W. Bush, damals ähnlich unpopulär wie heute Donald Trump, der seine Heimreise nach Texas antritt. Kurz danach setzen wieder die Obama-Rufe ein. Yes, we can.

Ein ausländischer Bekannter, der den Amtsantritt Obamas beim Washington-Korrespondenten einer grossen Zeitung verbringen durfte, schildert mir später, wie der Starschreiber die ganze Inauguration, aber auch schon die Tage zuvor, stundenlang in seiner Washingtoner Wohnung auf CNN mitverfolgte. Als sich mein Bekannter beim Journalisten erkundete, ob er nie vor Ort sei, antwortete dieser nur: «Zu kalt». Und überhaupt verliere man in der Masse nur die Übersicht über die wirklich weltpolitischen Fragen.

Nach meiner Rückkehr in die Schweiz lese ich staunend Eindrücke des Amerika-Spezialisten über die Inauguration. Am Abend hätten sich die Obamas durch zehn Bälle in ganz Washington durchgetanzt, vermeldete er in seiner Zeitung. Es liest sich, als hätte er mit dem frischgekürten Präsidentenpaar mitgetanzt.



Matthias Ackeret ist Verleger und Chefredaktor von persönlich und persoenlich.com.

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Kommentare

  • Ueli Custer, 21.01.2021 10:13 Uhr
    Sehr heilsam dieser Beitrag. Die Realität und die "live" vom Fernsehen übertragene Realität sind halt einfach nicht das Gleiche. Das können wohl auch Besucher vom Lauberhorn oder Hahnenkamm bestätigen.
  • André Bühler, 21.01.2021 07:42 Uhr
    Herzliche Gratulation zu diesem autentischen und ehrlichen Bericht! Genau so ist es meistens bei solchen Anlässen. Realität und Wunschdenken klaffen vielfach weit auseinander und oft wird vielen einfach schöngeredet. Ob es sich dabei um Fakenews handelt, kann jede/jeder selber einschätzen. En schöne Tag!
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