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Schlacht um den Alkohol

Matthias Ackeret

Gottlieb Duttweiler ist 1962 gestorben. Dass über seine Visionen 60 Jahre später immer noch gestritten wird, beweist seine Unsterblichkeit. Dutti, der Urzürcher, der eine Privatwohnung direkt am Limmatplatz hatte, hätte es gefreut. Am 4. Juni stimmen 2,3 Millionen Migros-Genossenschafterinnen und -Genossenschafter darüber ab, ob in den Migros-Filialen künftig auch Alkohol angeboten werden darf.

Laut einer Tamedia-Umfrage stemmen sich mehr als die Hälfte der Schweizer dagegen. Was bedeuten würde: Haltung trotzt dem Kapital. Während andere Unternehmen Millionen aufwenden, um anders zu sein, strebt der orange Riese nach Normalität. Mit der Aufhebung des Alkoholverbots würde aber einer der wichtigsten Glaubenssätze Duttis fallen, sozusagen die DNA des Unternehmens.

Allein schon die Tatsache, dass darüber abgestimmt wird, beweist dessen Andersartigkeit. Vielleicht war es eben gerade dieses Alkoholverbot, das die Migros zu dem machte, was sie heute ist: der grösste Detailhändler des Landes – oder um es in deren Werbesprache zu sagen: «Ein M besser».

Selbstverständlich ist auch die Migros nicht so selbstlos, wie sie sich manchmal gibt: Denner und Migrolino bieten längst Alkohol an, doch die klassischen M-Läden sind seit bald 100 Jahren clean. Trotzdem erinnert die ganze Schlacht an die katholische Kirche. Mit dem ehemaligen Migros-Boss Herbert Bolliger, Ex-Cheflobbyist Martin Schläpfer und den ehemaligen Kommunikationsverantwortlichen Monica Glisenti und Urs Peter Naef, die sich lautstark für die Beibehaltung des Alkoholverbots einsetzen, versucht der Altpapst die konservative Linie zu halten, meines Erachtens zu Recht.

Am Limmatplatz, dem Vatikan der Migros, löst dies nicht nur Freude aus, angeblich sei Bolliger von erbosten Migros-Managern verbal bereits stark angegangen worden. Aber Dutti mit Jesus zu vergleichen, ginge doch zu weit: Schliesslich verwandelte dieser Wasser in Wein. Dutti blieb beim Wasser.



Matthias Ackeret ist Verleger und Chefredaktor von persönlich und persoenlich.com.

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Kommentare

  • Ueli Custer, 06.05.2022 10:39 Uhr
    Eigentlich ist das Tabu ja schon längst gefallen. Im Konzern wird reichlich Alkohol verkauft. Aber das Ganze passt in die kopflose Strategie der Migros in der Neuzeit. Solange sie es nicht schafft, die Regionalfürsten zu entmachten, wird es auch kaum möglich sein schweizweit ein klares Image zu schaffen. Coop hats vorgemacht und die Migros hechelt seither hinterher. Einmal mit mehr oder weniger sinnvollen Zukäufen und dann wieder mit den Verkäufen der teilweise gleichen Firmen. Hüst und Hott scheint die Strategie der Migros zu sein. Als "Migroskind" bedaure ich diese Entwicklung sehr.
  • Martin Bienlein, 06.05.2022 07:45 Uhr
    Da gibt es wenig hinzuzufügen. Tragisch ist, dass das Management sowohl auf nationaler als auch auf regionaler Ebene eine andere Einschätzung macht und die DNA-Sequenz "K-E-I-N-A-L-K-O-H-O-L) einfach herausschneiden will. Dass damit auch die Glaubwürdigkeit für das ganze Geschäftsfeld "Gesundheit" dahin fällt, wurde scheinbar nicht überlegt. Wie wenig das alles reflektiert ist zeigt, dass eine Pro-Kampagne inexistent ist und sie sich nirgendwo erklären.
  • Fibo Deutsch, 05.05.2022 17:23 Uhr
    Was prägt eine Marke? Die Unterschiede zur Konkurrenz.
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