BLOG

Verletzung der Gedankenfreiheit?

Matthias Ackeret

Der nächste Kulturkampf kündet sich in Zürich an. Es geht um den Abriss des historischen Pfauensaals, der während der Zeit des Zweiten Weltkriegs Hort des kulturellen Widerstandes gegen das Naziregime war. In jedem anderen Land wäre dies ein Ort der Erinnerung – nur in Zürich nicht. Die rot-grüne Stadtregierung unter der Leitung von Stadtpräsidentin Corine Mauch und Hochbauvorsteher André Odermatt will den Saal in einem Akt der Geschichtsignoranz für rund 115 Millionen Franken abreissen und umbauen. Begründung: er eigne sich nicht für modernes Theater. Was ein bisschen absurd ist, da Brecht, Frisch, Dürrenmatt, Hürlimann und auch Marthaler im altehrwürdigen Pfauensaal vielumjubelte Welturaufführungen feierten und in Zürich mit dem Schiffbau bereits ein sogenanntes modernes Theater auf höchstem Niveau existiert. Als ich im vergangenen November auf persoenlich.com einen Blogbeitrag zu diesem Thema verfasste, gab es viele positive Reaktionen, die aufzeigten, dass ein grosses Bedürfnis für die Erhaltung des Saales besteht. Motto: Dürrenmatt statt Odermatt!

In der Folge lancierten wir – der Werber Peter Lesch, Ex-SP-Gemeinderat Bruno Kammerer, der ehemalige Condor-Chef Martin Fueter und der Schreibende – ein Komitee «Rettet den Pfauen», das sich mit einer eigenen Homepage und einer Unterschriftensammlung gegen den Abriss wehrt und die Bevölkerung wie auch die Politiker vom Unsinn dieser Aktion überzeugen will. Mittlerweile haben dort rund 300 Personen unterschrieben, darunter Alt-Stadtpräsident Elmar Ledergerber, die Schriftsteller Peter Stamm, Martin Walser und Mathias Nolte, Literaturkoryphäe Peter von Matt, Bernhard-Theater-Direktorin Hanna Scheuring, Unternehmer und Filmproduzent Hans Syz, der ehemalige Intendant Gerd Leo Kuck, die linken Ex-Nationalräte Andreas Herczog, Andreas Gross und Jean Ziegler, die Gemeinderäte Willi Wottreng, Stefan Urech und Severin Pflüger (FDP-Präsident Stadt Zürich), ADC-Präsident Frank Bodin, Pfauen-Wirt Rudi Bindella, Ex-Tagi-Chefredaktor Peter Hartmeier und viele andere. Daneben mobilisieren auch der Zürcher Heimatschutz mit Lydia Trüb und die Architekturprofessoren der ETH gegen dieses städtebauliche Vorhaben. So weit so gut.

Doch nun schlägt das «Imperium» zurück. Mit einer eigenen Homepage «Pfauen mit Zukunft» setzt sich ein Komitee «Für eine Diskussion ohne Denkverbote» ein, was zumindest absurd ist, da in der Schweiz bekanntlich Rede- und somit Gedankenfreiheit herrschen. Oder hat mittlerweile die «beste Regierung der Welt» die Macht übernommen? Ungewöhnlich auch, dass ausgerechnet ein Komitee, das die stadträtlichen Interessen vertritt, den Gegnern des Abrisses unterstellt, sie würden Denkverbote implementieren. Das führt das «Prinzip Demokratie» ad absurdum, zeigt aber auch das Machtverständnis der rot-grünen Stadtoberen. So wird bereits Kritik an ihren Abrissplänen als Majestätsbeleidigung empfunden. Oder in der Logik noch ein bisschen komplizierter: Wer zu einer anderen Auffassung als die Zürcher Stadtregierung und die Spitze des Schauspielhauses kommt, von dem nimmt man per se an, dass er diesen das Denken verbieten wolle. Ein bisschen praktischer: Ein potenzieller Brandstifter unterstellt der Feuerwehr, dass sie ihn als potenziellen Brandstifter sieht. Möglicherweise will er das Haus gar nicht anzünden. Selbstverständlich entbehrt dieses Beispiel der Realität. Aber ein Biedermann, um bei Max Frisch zu bleiben, ist der Stadtrat längst nicht mehr. Wie der Pfauensaal später aussehen wird, ist sicher noch offen. Dass er abgerissen werden soll, ist längst klar. Da kann man noch lange darüber «nachdenken», wie das neue Komitee fordert. Übrigens: «Biedermann und die Brandstifter» wurde 1958 im Schauspielhaus uraufgeführt. Im Pfauensaal.

Warum jetzt das Pro-Komitee? Haben die Befürworter Angst, dass ihnen die Argumente ausgehen? Oder ist das Ganze ein Nebelpetarde, um vom ganzen Zerstörungsplan abzulenken? Interessant auch, dass die meisten Unterzeichnerinnen und Unterzeichner in irgendeiner Form am Geldsäckel des Staates hängen. Das ist moralisch weiter nicht verwerflich, hat mit der Einführung von Denkverboten einfach wenig zu tun.

Auch der berühmte Viktor Giacobbo hat unterschrieben. Das erstaunt, hat er uns doch erst vor wenigen Wochen mitgeteilt, dass er unser Ansinnen nicht unterstützen könne, da er mit dem Schauspielhaus eigentlich nichts am Hut habe. Scheinbar hat er nun seine Meinung geändert. Ist er – völlig unbemerkt – von seinem geliebten Winterthur nach Zürich gezogen? Oder – weitaus schlimmer – fühlt sich der «Staats-Kabarettist» von einem Denkverbot bedroht? Das wäre grauenhaft und versetzt uns in ernsthafte Sorge. Was könnte der Grund für Giacobbos Gesinnungsänderung sein? Der Militärputsch in Myanmar, die Verhaftung von Nawalny oder einfach der Schneefall?



Matthias Ackeret ist Verleger und Chefredaktor von persönlich und persoenlich.com.

 

Kommentar wird gesendet...

Kommentare

  • Roman G. Schönauer, 15.02.2021 17:37 Uhr
    Vom Reichtum der Authentizität ... Kann es sein, dass der Vorsteher des Hochbaudepartementes entwicklungsgeschichtlich wissentlich in die Zeit vor der Charta von Venedig aus dem Jahr 1964 zurückfällt? Als Schirmherr der Stadtzürcher Denkmalpflege dürfte er die erwähnte Charta bestens kennen. Dennoch redet er mit der Preisgabe des geschichtsträchtigen „Pfauensaals“ einer Auskernung des Schauspielhauses das Wort. Mit der Charta von Venedig wurde vor einem halben Jahrhundert ein Rahmenwerk gegen die Unverbindlichkeit im Umgang mit dem kulturellen Erbe geschaffen. Die Charta ist zu einer international anerkannten Richtlinie für die moderne Denkmalpflege geworden. In der Präambel lesen wir: „Als lebendige Zeugnisse jahrhundertealter Traditionen der Völker vermitteln die Denkmäler in der Gegenwart eine geistige Botschaft der Vergangenheit. Die Menschheit ... sieht in den Denkmälern ein gemeinsames Erbe und fühlt sich kommenden Generationen gegenüber für ihre Bewahrung gemeinsam verantwortlich. Sie hat die Verpflichtung, ihnen die Denkmäler im ganzen Reichtum ihrer Authentizität weiterzugeben“. Stichwort Authentizität: Der Pfauensaal ist par excellence ein authentischer „Lieu de mémoire“. Ein Ort der Erinnerung an den Geistigen Widerstand in bedrängter Zeit muss in Zürich somit nicht erst erfunden werden. Es sei denn, die Verantwortlichen bei Stadt und Schauspielhaus sind der Meinung, dass Zeugenschaft auch in potemkinscher Manier und virtuell inszeniert werden kann. Dann wären wir allerdings beim nächsten Stichwort angelangt: „Fake“, zu Deutsch „Fälschung“!
  • Victor Brunner, 11.02.2021 08:50 Uhr
    Ob Abriss oder eine sündhaft teure Renovation die vor dem Volk keine Chance hätte sollte die Grundsatzfrage gestellt werden. Brauchen wir die Pfauenbühne noch? Dieses intransparente Gebilde mit dem teuren Overhead der den Bezug zu Zürich verloren hat. Mit dem mittelmässigen Programm? Mit einer Bühne die in Corona-Zeiten die Theaterfreunde im Stich lässt, ausser ein paar Gespräche die auch irgendwo gestreamt werden können, nichts. Dabei könnten Stücke wie "Warten auf Godot" oder andere problemlos produziert und gestreamt werden. Das Schauspielhaus lässt in anspruchsvollen Zeiten die TheaterfreundeInnen im Stich und geht in Deckung! Also zuerst einmal die Grundsatzfrage an die StimmbürgerInnen der Stadt: Wollen sie auch in Zukunft die Pfauenbühne? Ja oder Nein!
Kommentarfunktion wurde geschlossen

Die neuesten Blogs

03.03.2021 - Matthias Ackeret

Ehrrettung für den Schweizer «Tatort»

Der Schweizer «Tatort» wird stark kritisiert, vor allem vom Tages-Anzeiger. Zu Unrecht.

Zum Seitenanfang20210306