12.06.2020

Berichterstattung über Corona

Die Sternstunde des Datenjournalismus

Seit Beginn der Krise verzeichnet die bis vor Kurzem noch serbelnde Medienbranche so gute Zahlen wie noch nie. Ein Grund dafür ist der visuelle Datenjournalismus zum Aufzeigen der Covid-19-Fallzahlen. Doch wird diese Art des Journalismus auch längerfristig noch gefragt sein?
Berichterstattung über Corona: Die Sternstunde des Datenjournalismus
Aus Zahlen Geschichten erzählen: Das ist die Aufgabe des Datenjournalismus. Eine nicht ungefährliche, wie sich nun zeigt. (Bild: Pixabay)
von Loric Lehmann

Zehn Jahre ist es her, seit Data Driven Journalism, im deutschen Sprachraum als Datenjournalismus bekannt, der breiten Öffentlichkeit bekannt wurde: Am 22. Oktober 2010 veröffentlichten international renommierte Medien wie New York Times, Guardian oder der Spiegel in Zusammenarbeit mit der Whistleblowing-Plattform Wikileaks insgesamt 400'000 Datensätze über bislang unbekannte Ereignisse während des Irakkriegs.

Die bis anhin geheimen Dokumente zeigten, dass die amerikanischen Streitkräften von der systematischen Folter und Misshandlung der irakischen Sicherheitskräfte gegenüber Zivilisten von 2004 bis 2009 gewusst hatten. Das besondere war aber die Aufbereitung dieser Datensätze: Auf interaktiven Karten konnte mit einer Zeitleiste der Standort von insgesamt über 100'000 Todesopfern – davon rund 66'000 Zivilisten – nachverfolgt werden.

Dann kam Corona

Nun, ein gutes Jahrzehnt später, ist der damals geborene visuelle Datenjournalismus aus der Berichterstattung grosser Medien nicht mehr wegzudenken: Renommierte Newsportale weltweit nutzen die Aufbereitung und Darstellung grosser Datenmengen, um so Ansteckungs- und Todesfallzahlen im Zusammenhang mit Covid-19 aufzuzeigen. Die Daten des Tamedia-Dashboards fliessen gar zur John-Hopkins-Universität sowie zu Google und Wikipedia (persoenlich.com berichtete).

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Ausbau der Datenteams

Doch wie sorgfältig arbeiten die Datenteams in der Schweiz? Um eine fundierte Auswertung der Datenteams der Schweizer Medien zu machen, ist es wohl noch zu früh. Wibke Weber, Medienwissenschaftlerin mit Schwerpunkt Visuelle Kommunikation an der ZHAW, sagt auf Anfrage von persoenlich.com: «SRF, NZZ und Tages-Anzeiger haben die Berichterstattung in Bezug auf den datengetriebenen Journalismus gut umgesetzt. In den letzten Jahren wurden dort Datenjournalismus-Teams aufgebaut, und diese Investitionen haben sich gelohnt.»

Denn nebst Krisen in vielen Bereichen erlebt der Datenjournalismus momentan seine Sternstunde: «Ein positiver Nebeneffekt der Coronakrise ist, dass der Datenjournalismus zeigen konnte, wie wichtig er ist: dass Journalismus nicht nur aus Texten, Bildern und Videos besteht, sondern auch aus Zahlen. Datenjournalismus macht Daten, Statistiken in visualisierter Form zugänglich und ordnet sie in einen Kontext ein», so Weber.

Mehr Selbstbewusstsein bei Datenjournalisten

Dies sieht auch Barnaby Skinner, Ressortleiter Visual bei der Neuen Zürcher Zeitung, so: «Corona hat in vielen Bereichen zu einer Beschleunigung von Entwicklungen geführt, die sowieso stattgefunden hätten. Der Datenjournalismus ist eine davon: Journalisten arbeiten nun zunehmend selbstbewusster mit Zahlen und wissen mit grossen Datenmengen umzugehen.»

Momentan haben Daten infolge der unsichtbaren abstrakten Gefahr des Coronavirus Hochkonjunktur. Aber wird dies auch nach der Krise noch der Fall sein? Für Skinner wäre ein Stopp der Investitionen in diesem Bereich unverständlich: «Man hat ja jetzt in den letzten Wochen gesehen, welcher Wert diese Art von Journalismus hat.» Bei der NZZ habe ein einziger, regelmässig aktualisierter Artikel stolze fünf Millionen Leseminuten und sagenhafte 2500 neue Abos generiert, wie Skinner erklärt.

«Unbrauchbar und irreführend»

Doch ganz so ungetrübt hat sich das Bild der Corona-Grafiken aus medienkritischer Warte nicht immer gezeigt. Medienwissenschaftler Vinzenz Wyss kritisierte in einem persoenlich.com-Interview, dass «das Publikum bis gegen Ende März mit unbrauchbaren Zahlen und irreführenden Statistiken verunsichert wurde». Er warf den Medien vor, mit den Statistiken und Grafiken eine nicht vorhandene Wissenschaftlichkeit vorzugaukeln, da die Daten der Länder weltweit nur sehr schwierig vergleichbar seien.

NZZ-Ressortleiter Skinner meint dazu: «Wir sind sorgfältig und gewissenhaft mit den Daten umgegangen. Wir versuchten immer, die Methode offenzulegen, die Daten aus verschiedenen Perspektiven zu beleuchten und in unterschiedlichen Kontext zu stellen. Denn ohne Kontext sind Daten eigentlich nichts wert.»

Trotzdem hätten Unsorgfalt oder gar Fehlerhaftigkeit bei der Berichterstattung weitreichende Konsequenzen. Denn diese Datenvisualisierungen haben einen weitreichenden gesellschaftlichen Impact, wie Medienwissenschaftlerin Weber sagt: «Die Bevölkerung verfolgt die Coronakrise anhand von aufsteigenden und abflachenden Kurven. Unternehmen orientieren sich bei ihren Entscheidungen daran. Politik und Behörden treffen Massnahmen auf Basis solcher Datenvisualisierungen.» Hohe Zahlen im Vergleich zu anderen Staaten haben in einigen Ländern ja gar zu Demonstrationen geführt – Beispiele sind Schweden aber auch die Schweiz.

Direktvergleich von Ländern sei fragwürdig

Dass Länder grundsätzlich verglichen werden, wurde auch von Vinzenz Wyss bemängelt: Er sprach gar von «Horse Race Journalism». Das bedeutet, dass Medien die Fallzahlen von Ländern wie im Sportjournalismus miteinander vergleichen, ohne darauf hinzuweisen, dass die jeweiligen Daten nur schwer miteinander vergleichbar seien. Denn oftmals spielen Gründe wie Anzahl Tests, Bevölkerungsdichte, Altersstruktur oder ähnliche Unterschiede eine entscheidende Rolle.

«Dass Länder untereinander verglichen werden, ist mit Vorsicht zu geniessen», meint auch Wibke Weber. Denn genau da zeige sich die Wichtigkeit von Transparenz bei der Aufbereitung von Daten. Sprich: Datenquellen angeben, offenlegen, wie man Daten auswertet und Grafiken erklären. «Transparenz im Datenjournalismus war auch ein grundlegendes Thema bei der Studie, in der ich mitgewirkt habe», sagt Weber und verweist auf die internationale Untersuchung, die sie zusammen mit Wissenschaftlern aus anderen europäischen Ländern noch vor Corona durchgeführt hat.

Man hat, was man hat

«Am Ende ist die Frage, was man überhaupt vergleichen kann. Vielleicht wäre es besser gewesen, man hätte, statt die Schweiz mit Italien zu vergleichen, den Kanton Tessin der Lombardei gegenübergestellt», sagt Skinner zur Kritik des Ländervergleichs. Aber auch das sei kein idealer Vergleich. Schlussendlich hat man aber die Daten, die man hat. «Und es ist legitim, diese zu vergleichen, solange man darauf hinweist, was man nicht aus den Daten lesen kann. Dies haben die Journalistinnen und Journalisten bei der NZZ – aber auch bei den anderen grossen Medien – gut umgesetzt.»

Skinner gibt aber zu: «Es gab aber sicherlich auch eine Learning Curve in dieser Zeit darüber, was beim Umgang mit solchen Daten spezifisch zu beachten ist.»



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Kommentare

  • Ueli Custer, 12.06.2020 14:23 Uhr
    Solange die Daten nichts taugen bzw. nicht auf gleiche Art und weise erhoben wurden, sind solche Grafiken einfach nur Schrott. Der Tagesanzeiger hat sich da im März/April ganz besonders damit hervorgetan. Er produzierte Grafiken zu Covid19 in Massen, die praktisch alle Äpfel mit Birnen oder sogar mit Kartoffeln verglichen haben. Aber es hat toll ausgesehen...
  • Dominique Strebel, 12.06.2020 08:36 Uhr
    Hier können Journalist/innen übrigens den Umgang mit grossen Datenmengen lernen - unter anderem von Barnaby Skinner https://www.maz.ch/kurs/cas-datenjournalismus
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