23.10.2018

Jahrbuch Qualität der Medien

«Die Schweiz sollte eine Werbesteuer prüfen»

Am Montag wurde in Bern das Jahrbuch 2018 präsentiert. Mark Eisenegger erläutert gegenüber persoenlich.com einige Hauptbefunde. Dabei kritisiert er die Verlage. Sie würden sich über die News-Initiative von Google kaufen lassen.
Jahrbuch Qualität der Medien: «Die Schweiz sollte eine Werbesteuer prüfen»
Mark Eisenegger ist Stiftungsratspräsident der «Kurt Imhof Stiftung für Medienqualität». (Bild: zVg.)
von Edith Hollenstein

Herr Eisenegger, auch 20min.ch hat zunehmend Probleme, die Jungen zu erreichen. Diese Nachricht vom August hat viele überrascht und müsste Sie eigentlich freuen, oder nicht?
Nein, das freut mich nicht. Natürlich ist «20 Minuten» in unserem Qualitätsranking nicht ganz vorne, aber es handelt sich um ein Informationsmedium, das sich an journalistischen Standards orientiert, wie sie der Presserat vertritt. «20 Minuten» ist ein Angebot mit der wichtigen Aufgabe, Junge und junge Erwachsene mit seinen journalistischen Angeboten zu erreichen.

Bei den Jungen orten Sie ein grosses Problem: Laut dem Jahrbuch 2018 gibt es immer mehr News-Deprivierte, also Leute, die fast keine News mehr konsumieren.
Immer mehr Schweizerinnen und Schweizer nutzen News via Social Media. 2017 waren es noch 45 Prozent der Befragten, die angaben, journalistische Inhalte regelmässig via Social Media zu nutzen. 2018 stieg diese Zahl bereits auf 50 Prozent. Auf Facebook, Snapchat oder Instagram mischt sich allerdings alles Mögliche durcheinander, neben News hat es etwa auch PR-Beiträge oder Inhalte mit verschwörungstheoretischen Ansätzen. Daher bin ich durchaus froh, wenn professionelle Informationsmedien wie «20 Minuten» in den Facebook-Newsfeeds der Jungen eine Rolle spielen.

Vor ein paar Jahren tönte es noch anders: Das Fög warnte vor «20 Minuten» und kritisierte Tamedia für ihre Gratiszeitung scharf. Was ist passiert?
Es hat sich einiges geändert. Junge Menschen konsumieren News auf dramatisch andere Art und Weise. In der Forschung reden wir von einem emergenten Medienkonsum. Man nimmt nicht mehr wie vor einigen Jahren eine Zeitung zur Hand, sondern ist auf den Plattformen wie Facebook, Instagram oder Snapchat unterwegs. Der Medienmix, der so zu Stande kommt, besteht aus nicht-professionellen, semi-professionellen und professionellen Anbietern. Je stärker sich dort ein Lieferant an journalistischen Standards orientiert, desto besser ist das für unsere demokratische Gesellschaft. Wir hatten früher an «20 Minuten» ja vor allem die Gratis-Kultur kritisiert.

«Seit 2009 wächst die Anzahl der News-Deprivierten»

Ein weiterer Hauptbefund des Jahrbuch 2018 ist, dass es eine neue Rekord-Zahl an News-Deprivierten gibt. Warum ist das so?
Das ist wirklich besorgniserregend. Seit 2009 wächst die Anzahl der News-Deprivierten, also jene, die nur sehr selten News oder nur sehr qualitätsschwache News konsumieren, stetig. 2018 zählt mehr als jeder dritte Mediennutzer zu diesem Typ, genau sind es 36 Prozent. Bei den 16- bis 29-Jährigen sind es sogar 53 Prozent.

Was ist dagegen zu tun?
Die News-Deprivierten sind nicht per se politisch uninteressiert. Und sie investieren auch viel Zeit in den Medienkonsum, aber eben nicht zu Newszwecken. Sie müssen sich deshalb wieder an professionellen Journalismus gewöhnen und ihn schätzen lernen. Hier sehe ich vor allem die Bildungsinstitutionen in der Pflicht.

Sie forderten bereits vor drei Jahren in die Medienkompetenz von Schülern zu investieren. Wie weit sind Sie inzwischen? 
Wir haben eine Beta-Version einer Website lanciert, allerdings fehlt uns noch Geld, um mit einer definitiven Version online gehen zu können.

«Google entzieht dem Journalismus eine Unmenge Geld»

Google wäre ein möglicher Sponsor. Die Firma engagiert sich stark in der Förderung der Medienkompetenz, etwa in Kooperation mit Pro Juventute.
(lacht) Nein, bei Google habe ich nicht angeklopft. Tatsächlich ist Google ein grosses Problem für den Journalismus, weil es ihm eine Unmenge an Geld entzieht.

Gehen die Verlage mit Google zu behutsam um?
Die Verlage sollten gegenüber Google auf jeden Fall ihre kritische Distanz wahren.

Sie sprechen die DNI an, die Digital News Initative von Google.
Ja, es macht mir Sorgen, wenn sich drei Viertel der Schweizer Medienhäuser über die DNI von Google unterstützen lassen. Google finanziert diese Verlagsprojekte nicht ohne Eigeninteresse. Es besteht die Gefahr, dass die Verlage und damit die Redaktionen nicht mehr unabhängig berichten.

«Es könnte ein Fonds zur Förderung des Informationsjournalismus ins Leben gerufen werden»

Google soll in der Schweiz Steuern zahlen, fordern Sie im Jahrbuch. Wie stellen Sie sich das vor?
Die Schweiz sollte ernsthaft prüfen, ob die globalen Tech-Unternehmen und die deutschen und französischen Werbefenster Abgaben auf hier erzielten Werbeeinnahmen entrichten müssen. Mit diesen Mitteln könnte ein Schweizer Fonds zur Förderung des Informationsjournalismus ins Leben gerufen werden.

Dieser Fonds würde dann allen Medien zur Verfügung stehen.
Ja, zeitgemässe Medienförderung muss technologie-unabhängig erfolgen. Auch schriftlich ausgespielter Informationsjournalismus muss Unterstützungsgelder erhalten können. Die Sorge, dass eine solche Medienförderung zu einem unkritischeren Umgang mit dem Staat oder gar zu staatlicher Beeinflussung führt, ist unbegründet.

Was macht Sie da so zuversichtlich?
Seit Jahren werden Privatradios mit Gebührengeldern unterstützt und niemand käme auf die Idee, dass diese politisch nicht unabhängig berichteten. Und verschiedene skandinavische Länder, die im Bereich der direkten Medienförderung sehr viel weiter gehen, erzielen in den Medienfreiheits-Erhebungen regelmässig gute Noten.

 



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