13.01.2021

Tamedia

«Im Verbund sind wir redaktionell stärker»

Tages-Anzeiger, Landbote, Zürichsee-Zeitung und Zürcher Unterländer verstärken ihre Zusammenarbeit. Mario Stäuble, Priska Amstutz und Benjamin Geiger bauen dafür das Redaktionsnetzwerk «Zürcher Zeitungsverbund» auf. Sie geben erste Einblicke in ihre Pläne.
Tamedia: «Im Verbund sind wir redaktionell stärker»
Bilden gemeinsam die Projektleitung für das Redaktionsnetzwerk «Zürcher Zeitungsverbund» (v.l.): Die Co-Chefredaktoren des Tages-Anzeigers, Mario Stäuble und Priska Amstutz, sowie Benjamin Geiger, Chefredaktor der Zürcher Regionalzeitungen und Leiter des Zürcher Zeitungsverbunds. (Bild: Tamedia)
von Christian Beck

Herr Geiger, die Zürcher Tamedia-Titel rücken näher zusammen (persoenlich.com berichtete). Servieren Sie künftig Einheitsbrei?
Benjamin Geiger: Einheitsbrei schmeckt fad, deshalb servieren wir wie bis anhin regionale und vielfältige Menüs. Unsere Leserinnen und Leser erhalten weiterhin ihre gewohnte Zeitung, lesen ihre gewohnte News-App. Gewisse kantonale Themen werden künftig überall von derselben Autorin, demselben Autor geschrieben sein, aber viele lokale und regionale Artikel werden weiterhin exklusiv im Tagi oder im Zürcher Unterländer zu lesen sein.

Sie werden das Redaktionsnetzwerk «Zürcher Zeitungsverbund» leiten. Werden Sie als Chefredaktor der Zürcher Regionalzeitungen somit auch zum Chef der Tages-Anzeiger-Co-Leitung?
Geiger: Als Verantwortlicher des Zeitungsverbunds bin ich zwar Vorgesetzter der Co-Chefredaktion des Tagi, aber nicht Chefredaktor des Tages-Anzeigers. Meine zusätzliche Funktion ist also vor allem eine organisatorische. Publizistisch für den Tagi sind weiterhin Priska Amstutz und Mario Stäuble verantwortlich.

Die Projektleitung für den Zürcher Zeitungsverbund machen Sie zu dritt. Wer ist in dieser Konstellation das dritte Rad?
Geiger: Auch dreirädrige Fahrzeuge sind gut unterwegs. Im Kern geht es um die Kooperation zwischen dem Tages-Anzeiger und den Zürcher Regionalzeitungen (ZRZ). Deshalb sind die Chefredaktorinnen und Chefredaktoren dieser Titel gemeinsam für dieses Projekt verantwortlich.

Wie teilen Sie sich konkret auf?
Priska Amstutz: Mario und ich koordinieren die neue überregionale Zürcher Berichterstattung. Und wir kümmern uns weiterhin um den Tagi.

Geiger: Kurz gesagt bin ich verantwortlich, dass der neue Verbund als Ganzes funktioniert. Daneben behalte ich meine Aufgaben als Chefredaktor der drei Zürcher Regionalzeitungen.

«Heute gibt es noch keine Zusammenarbeit»

Blicken wir auf die bestehende redaktionelle Zusammenarbeit von Tagi, Landbote, Zürichsee-Zeitung und Zürcher Unterländer. Wie sah diese bislang aus?
Geiger: Heute gibt es noch keine Zusammenarbeit zwischen dem Ressort Zürich des Tages-Anzeigers und den Regionalredaktionen der ZRZ-Zeitungen. Inhaltlich teilen die Titel aber seit ein paar Jahren den Inlands-, Wirtschafts-, Kultur- und Auslandsteil sowie die nationale Sportberichterstattung. Dafür ist seit 2018 die Redaktion Tamedia zuständig. Neu kommt jetzt eine Kooperation auf Zürcher Ebene dazu.

Und was heisst das konkret?
Amstutz: Die Regionalredaktionen von Tages-Anzeiger und den ZRZ-Titeln bilden eine Art virtuelle Gesamtredaktion. Sie planen gemeinsam und setzen bei Bedarf Themen gemeinsam um.

Können Sie ein Beispiel machen?
Mario Stäuble: Landbote-Reporter Mirko Plüss hat zum Beispiel eine interessante Recherche zu einer Häufung von Hirntumoren im Zürcher Weinland zusammengetragen. Das war für uns ein Testfall, den wir auch im Tages-Anzeiger publiziert haben. In Zukunft wird das viel häufiger und regelmässiger vorkommen. Es wird täglich Artikel geben, die wir in allen Zürcher Tamedia-Titeln bringen. Wir fragen uns: Welche Themen sind für die Leserschaft aller Titel wichtig? Wie müssen wir diese Geschichten erzählen? Brauchen wir dafür Reporterinnen aus Zürich, einen Kollegen aus Wädenswil, jemand aus Winterthur? Das ist anspruchsvoll, aber viele von uns kennen sich, auch über Redaktionsgrenzen hinweg. Das wird helfen.

Auch der Zürcher Oberländer wird sich als eigenständiges Verlagshaus an der redaktionellen Kooperation beteiligen. Wie das?
Geiger: Der Zürcher Oberländer arbeitet heute in der kantonalen Berichterstattung eng mit den drei ZRZ-Titeln zusammen. Ausserdem bezieht er den überregionalen Inhalt ebenfalls von der Redaktion Tamedia. Insofern ist es folgerichtig, dass er sich als eigenständiger Titel an der Weiterentwicklung der redaktionellen Zusammenarbeit beteiligt.

«Es wird voraussichtlich zum Abbau einzelner Stellen kommen»

Wie schon im November angekündigt, sollen die Redaktionen autonom bleiben. Sie werden also nicht zusammengelegt. Werden sie dennoch kleiner?
Stäuble: Ja, wir müssen – wie die ganze Tamedia – sparen. Wir haben in unseren Bereichen die Kosten bereits erheblich reduziert. Dennoch wird es voraussichtlich zum Abbau einzelner Stellen in den Redaktionen von Tages-Anzeiger, ZRZ und in der Produktion kommen.

Was ist das Ziel der neuen Organisation – ausser dem Sparpotenzial?
Geiger: Im Verbund sind wir redaktionell stärker, wir können mehr Energie in die wichtigen und guten Geschichten stecken. Die neue Organisation sichert darum auch unseren Qualitätsjournalismus.

Tamedia will bis Ende 2022 über alle Bereiche hinweg 15 Prozent der Kosten sparen – also rund 70 Millionen Franken. Wie viel Millionen Sparpotenzial steuert hier der neue Zürcher Zeitungsverbund bei?
Geiger: Alle Bereiche von Tamedia müssen ihren Beitrag leisten und nach Möglichkeiten suchen, sich besser aufzustellen. Wir machen jedoch keine finanziellen Angaben zu einzelnen Projekten.

Sparen ist das eine, die Qualität das andere: Wie profitieren die Leserinnen und Leser vom Zürcher Zeitungsverbund?
Stäuble: Wenn wir alles richtig machen, erhalten unsere Leserinnen und Leser bessere und relevantere Geschichten zur Lektüre. Eine Unterländer-Abonnentin aus Bülach liest künftig auch mal ein Porträt über die aufsteigende spanisch-marokkanische Junggastronomin aus der Stadt, geschrieben von unserer Restaurantexpertin. Oder eine grosse Recherche vom Tagi-Justizkenner über die Dysfunktionalität der Zürcher Staatsanwaltschaft. Umgekehrt informieren wir unser Tagi-Publikum, wie eine Hebamme die plötzliche Schliessung «ihres» Spitals in Horgen aus erster Hand erlebt hat oder warum in Winterthur ein Stadtquartier plötzlich in ein Funkloch geraten ist. Wir machen neugierigen, sorgfältigen, kritischen Journalismus für das ganze Zürcher Einzugsgebiet.

Doppelabonnenten von Tagi und beispielsweise der Zürichsee-Zeitung können künftig also getrost auf eines der Abos verzichten …
Amstutz: Ganz und gar nicht. Der Tagi, der Landbote, die Zürichsee-Zeitung und der Zürcher Unterländer bleiben klar unterscheidbare Zeitungen mit eigenen Profilen. Zum Tages-Anzeiger gehört zum Beispiel ein umfangreicherer Auslandteil, und auch die Berichterstattung aus der Stadt ist deutlich detaillierter. Im Gegenzug sind die Regionalzeitungen extrem nah an «ihren» Gemeinden dran. Die Anzahl der Doppelabonnenten ist übrigens sehr gering.

«Intern steht uns eine grosse Aufgabe bevor»

Was ist momentan für Sie die wichtigere Arbeit: Mitarbeitende oder die Leser zu beruhigen, dass alles gut kommt?
Geiger: Die Leserinnen und Leser müssen wir nicht beruhigen, denn für sie ergibt sich keine Verschlechterung. Intern hingegen steht uns eine grosse Aufgabe bevor: Wir müssen zusammen mit den Redaktionen die neue Kooperation in Angriff nehmen.

Der operative Start des Zürcher Zeitungsverbunds ist für den 1. Juni 2021 geplant. Was gibt es bis dann noch zu tun?
Stäuble: Die Liste ist lang: Wie läuft die Zusammenarbeit im Alltag genau ab? Wer ruft wann wen warum an? Wie können sich die Redaktionen besser kennenlernen, wenn aufgrund der Pandemie faktisch Besuchsverbot herrscht? Und und und ...

Wird man die neue Kooperation ab diesem Sommer auch optisch wahrnehmen?
Stäuble: Nein. Das Layout der Zeitungen wird sich nicht oder nur minim verändern. Und die Newsseiten und -Apps haben ja gerade erst im letzten Jahr einen neuen Auftritt erhalten.

Auch in Bern sollen Bund und Berner Zeitung näher zusammenrücken. Tauschen Sie sich mit den Berner Kolleginnen und Kollegen aus?
Geiger: Die Situation in Bern ist anders als in Zürich, und die Berner Kolleginnen und Kollegen beginnen erst noch mit ihrer Arbeit. Aber wenn wir sie mit unseren Ideen und Erfahrungen unterstützen können, werden wir das selbstverständlich tun.

Herr Geiger, wir kennen uns seit 1993. Damals waren Sie in Wädenswil Redaktor beim Allgemeinen Anzeiger vom Zürichsee. Künftig setzen Sie die Themen im ganzen Kanton Zürich. Zahlt sich Beharrlichkeit aus?
Geiger: Tatsächlich bin ich seit vielen Jahren dem regionalen Journalismus, den regionalen Medienprodukten treu geblieben. Das werde ich auch weiterhin tun. Es ist nicht meine primäre Aufgabe, kantonale Themen zu setzen. Das ist die Aufgabe unserer Redaktionen, die ihre Kompetenz da künftig bündeln werden.

«Uns vereint, was uns wichtig ist»

Sie, Frau Amstutz und Herr Stäuble, haben erst seit Juli 2020 die Co-Leitung des Tages-Anzeigers inne. Wie gut harmonieren Sie als Team?
Amstutz: Unsere Aufgabenteilung und unsere inhaltlichen Schwerpunkte funktionieren gut. Das hat sich inzwischen bestätigt. Uns vereint, was uns wichtig ist.

Stäuble: 2020 war ein – sagen wir: spezielles – Jahr, um zu zweit die Leitung des Tagi zu übernehmen und einen Alltag zu etablieren. Die Zeitung entstand zeitweise mit fast der ganzen Redaktion im Homeoffice, wir hatten Corona-Fälle – und zu viele Videocalls. Aber wir harmonieren trotzdem sehr gut.

Sie haben mir letzten Sommer in einem Interview gesagt: «Wir sind zwei Journalisten, die ihren Job lieben und zusammen 30 Jahre Erfahrung aufweisen.» Kollege Geiger hat alleine schon 30 Jahre Berufserfahrung. Schwingt da Ehrfurcht mit?
Amstutz: Bestimmt. Beni hat nicht nur als Journalist eine immense Erfahrung, er hat auch viele Entwicklungen in der Medienbranche miterlebt und mitgestaltet. Davon profitieren wir als Führungsteam, und davon profitiert auch der neue Zeitungsverbund.



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Kommentare

  • Victor Brunner, 13.01.2021 08:59 Uhr
    Artikel: "Eine Unterländer-Abonnentin aus Bülach liest künftig auch mal ein Porträt über die aufsteigende spanisch-marokkanische Junggastronomin aus der Stadt, geschrieben von unserer Restaurantexpertin". In meiner Regionalzeitung der ZSZ möchte ich Artikel über Beizen in der Region lesen, nicht über Beizen in der Stadt, das kann ich zur Genüge im TA, Züri-Tipp und anderen Medien. Die Dummen sind einmal mehr Abonnenten die den TA und eine Regionalzeitung abonniert haben, da gleiche 2 bis 3 mal Lesen, im TA, in der RZ und Online. Sparen immer bei den treuen und dummen Abonnenten geht nicht. Die Politik von TA Media ist das stetige schaufeln des Grabes für die Regionalzeitungen!
  • Heinz Dohner, 12.01.2021 17:21 Uhr
    Die Artikel aus den verschiedenen Gemeinden und Städten, wie z. B. Wädenswil, werden immer dürftiger und unpersönlicher. Ab Juni noch unpersönlicher?
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