07.08.2022

Branchenwechsel

Nach 20 Jahren dem Journalismus davongesegelt

Früher hat sie Storys produziert, heute handgemachte Accessoires: In Sandra Hännis Atelier am Zürichsee entstehen aus gebrauchten Segeltüchern neue Taschen. Und jedes ihrer Unikate erzählt wiederum seine ganz eigene Geschichte.
Branchenwechsel: Nach 20 Jahren dem Journalismus davongesegelt
Stellt auf einer alten Industrienähmaschine Taschen aus alten Segeln her: Sandra Hänni. (Bilder: Christian Beck, zVg)
von Christian Beck

Das kleine Ladenlokal an der Kirchgasse in Meilen am Zürichsee ist wie aus dem Bilderbuch. Nicht nur die Holzbalken an der Decke strahlen Behaglichkeit aus, auch die Ladeninhaberin Sandra Hänni begegnet ihrer Kundschaft mit Herzlichkeit. Zu entdecken gibt es vieles. In ihrem Geschäft, das den Namen «Resailing» trägt, verkauft Hänni neue Taschen aus alten Segeln. Hergestellt werden diese und weitere Produkte wie Necessaires, Wäschesäcke, Schlüsselanhänger oder Doggybags in Handarbeit. Im hinteren Teil des Ladens, eine halbe Etage tiefer, befindet sich das Atelier der 45-Jährigen. Eine Bernina-Nähmaschine, die fast so alt ist wie Hänni selbst, sticht sofort ins Auge. Auf der Industriemaschine näht sie zusammen, was sie zuvor zurechtgeschnitten hat.

Bis Ende 2015 schnitt Sandra Hänni vor allem ihre eigenen Beiträge für den Regionalfernsehsender TeleZüri. Dort war sie während acht Jahren als Videojournalistin und Inputerin beschäftigt. Schon früh kam sie mit dem Journalismus in Kontakt. Parallel zu ihrer KV-Lehre wirkte sie als 18-Jährige bei der Jugendsendung «Blinker» von Radio 24 mit. Nach dem Lehrabschluss folgten ein Sprachaufenthalt in Amerika und verschiedene Jobs, zum Beispiel als KV-Assistentin bei einer kleinen Werbeagentur. Schliesslich machte sie beim damaligen Radio Z (heute Energy Zürich) ein Volontariat, absolvierte den Diplomlehrgang an der Journalistenschule MAZ und arbeitete als News-Redaktorin. 2004 wurde sie bei 20 Minuten Leiterin Ressort Zürich, 2006 wechselte Hänni zur neuen Ringier-Pendlerzeitung Heute. Kurz bevor das Blatt zum Blick am Abend umfunktioniert wurde, begann sie 2007 bei TeleZüri.



Nach acht Jahren hatten Sie genug und verliessen TeleZüri. Was gab den Ausschlag?
Ich war zu dieser Zeit seit 20 Jahren im Journalismus und «han’s echli gseh». Es musste so langsam etwas Neues kommen. Auch weil ich mittlerweile Mutter war, wollte ich dem Journalismus den Rücken kehren. Vor allem im Lokaljournalismus gibt es immer wieder Geschichten, bei denen man anderen Menschen sehr nahekommt. Ich wollte und konnte dies nicht mehr. Vor allem tragische Geschichten mit Familien oder Kindern liessen mich nicht mehr los.

Und dann ergab sich eine neue Perspektive im Geschäft Ihrer älteren Schwester …
Irgendwann fragte mich meine Schwester mehr spasseshalber, ob ich nicht bei ihr im Stoffladen mithelfen wolle. Ich hatte damals absolut null Bezug zum Nähen, zu Stoff oder dergleichen. Eine Tätigkeit in diesem Bereich zog ich bislang noch nie in Betracht. Und so ging plötzlich eine neue Türe auf und mein Leben nahm eine unerwartete Wendung.

Die Frage Ihrer Schwester löste bei Ihnen also etwas aus?
Ja, ich bin ein spontaner Mensch und handle oft auch aus einem Impuls heraus. Ich begleitete sie an eine Stoffmesse in Deutschland und nähte dort in einem Workshop ein kleines Täschchen, ein Lunch Bag. Ich fand das genial, selber etwas zu erschaffen und erinnerte mich zurück an den Handarbeitsunterricht während meiner Schulzeit.



Sandra Hänni wagte den Schritt, reichte bei TeleZüri die Kündigung ein und wechselte in den Stoffladen ihrer Schwester. Karriere und Erfolg im Job waren ihr nicht mehr so wichtig. Im Vordergrund stand zu dieser Zeit das Muttersein. Im Stundenlohn half Hänni im Laden der zwei Jahre älteren Schwester aus. «Jedes Mal, wenn ich bei ihr arbeitete, kaufte ich neuen Stoff. Ein Grossteil meines Lohns ging gleich wieder weg», erzählt sie mit einem ansteckenden Lachen. Hänni nähte zu Hause Kinderkleider, gründete dazu ein eigenes Label – und hängte schliesslich nach knapp zwei Jahren den Job im Stoffladen wieder an den Nagel.

Eine Schlüsselrolle dabei spielte ihr Schwiegervater, ein leidenschaftlicher Segler. «Eines Tages stand er vor der Türe mit einem alten Segel in der Hand und sagte: ‹Du hast doch jetzt eine Nähmaschine. Hier, mach etwas daraus›», erinnert sich Hänni. Sie sei einen Moment lang ratlos gewesen, wusste nicht, was sie mit dem Segeltuch anstellen sollte. Dieses ist deutlich dicker und starrer als normale Bekleidungsstoffe, die sie bis dahin vernähte. Hänni entwarf und nähte einen Prototyp. Und weil ihre moderne Nähmaschine Mühe hatte mit dem festen Material, besorgte sie sich eine alte Industrienähmaschine.

Segel-Nachschub gab es von einem Nachbarn. Eher aus Spass postete Hänni ein Bild auf ihrem privaten Facebook-Account. Ein Bekannter vom Thunersee sah dies und wollte auch so eine Tasche. Und so nahm die Mundpropaganda ihren Lauf. Mittlerweile produziert Sandra Hänni nicht mehr nur Taschen, sondern rund 20 verschiedene Produkte aus gebrauchten Segeln. Den Namen Resailing kreierte sie zusammen mit dem Schwiegervater.

Die ersten Taschen nähte die Mutter einer heute zehnjährigen Tochter im Hobbyraum zu Hause. Den ganzen Tag «im Loch» zu sitzen, machte ihr irgendwann aber keinen Spass mehr. «Ich brauche Tageslicht, ich brauche Menschen», sagt sie. «Und dann ging plötzlich wieder eine weitere Türe auf und ich kam zu diesem Ladenlokal.» Es habe Mut gebraucht. Plötzlich waren Fixkosten da. Zu den Auslagen für neues Material wie Reissverschlüsse, Bänder, Druckknöpfe oder Karabiner – die gebrauchten Segeltücher kriegt Hänni meist geschenkt –, kam nun auch noch die Miete für den Laden. Daneben betreibt sie weiterhin ihren Onlineshop. Für diesen erstellt sie Texte und Fotos selber. Ihre Erfahrung aus dem Journalismus hilft ihr dabei.

Reich wird Hänni mit ihrem Business (noch) nicht. Auch gab es immer wieder Rückschläge. «Der Lockdown war sehr schwierig für mich, weil ich bereits nach sechs Monaten den Laden wieder für zwei Monate schliessen musste», erinnert sie sich. Momentan behindert eine Baustelle vor dem Haus den uneingeschränkten Zugang zum Lokal. «Als Selbstständigerwerbende kommen immer wieder neue Hindernisse auf mich zu. Auch habe ich viele Sicherheiten zugunsten meines Lebenstraumes aufgegeben.» Trotzdem bereut sie den Schritt nicht. Sie kann ihre Kosten decken, 250 Taschen und über 1000 weitere Produkte hat sie schon genäht. In jeder Tasche stecken rund vier Stunden Arbeit.

«Es gibt Tage, an denen man studiert, warum man das alles macht», so Hänni. Und dann funkeln ihre Augen. Sie erinnere sich jeweils wieder daran: «Ich bin mein eigener Chef. Das ist unbezahlbar. In Zeiten, in denen ich weniger Energie habe, arbeite ich nach dem Lustprinzip», sagt sie. «Und erlaube mir die Arbeit so einzuteilen, wie es für mich gerade stimmt.» Meist folge darauf wieder ein neuer kreativer Schub, in dem neue Produkt-Prototypen entstehen.



Sie investieren sehr viel für Ihr Geschäft Resailing. Gab es nie einen Moment, an dem Sie in den Journalismus zurückwollten?
Nicht eine Sekunde, wirklich nicht (lacht).



Bei den Storys, die sie als Journalistin erzählt habe, sei es ihr oft nicht wohl gewesen. Erst der Skandal habe eine Geschichte spannend gemacht. «Jetzt lebe ich in einer anderen Welt. Nun kann ich zu 100 Prozent hinter meiner Arbeit stehen. Im Vergleich zum Journalismus ist alles so positiv.» Sie habe Freude, wenn ein Produkt fertig genäht sei. «Dieses Kreativsein macht mich extrem glücklich.»

Der nautische Stil ihrer Upcycling-Eigenkreationen kommt gut an. Vor allem die Laufkundschaft fühlt sich sofort angesprochen. «Manchmal fragen mich Kunden: ‹Wann erhalten Sie die nächste Lieferung?›», so Hänni. Ihre Antwort laute immer gleich: «Ich mache alles selber.» Das löse oft einen Aha-Effekt aus. «Das ist für mich jeweils das schönste Kompliment», sagt sie – und setzt sich an ihre Bernina, um die nächste Tasche zu nähen. Nummer 251.



In der Serie «Branchenwechsel» stellt persoenlich.com Personen vor, die im Journalismus oder in der Werbung gearbeitet und nun ihren angestammten Beruf verlassen haben. Bereits erschienen sind:

Seraina Kobler: Von der NZZ zur Buchautorin.

Curdin Janett: Vom Werbeagentur-CEO zum Käse-Affineur.

Marc Krebs: Vom Kulturjournalist zum Start-up-Unternehmer.

Melchior Bruder: Von TeleZüri und SRF zur Kindergartenlehrperson.



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