19.06.2020

Ein Jahr Frauenstreik

Wo die Chefredaktoren Handlungsbedarf sehen

Mehr Frauen im Kader, Lohngleichheit oder kein Sexismus: «Wir müssen klar besser werden», sagt Tamedia-Chef Arthur Rutishauser zur Frauenförderung. Kein Problem sehen er und seine Kollegen von CH Media und NZZ bei den Löhnen. Auch Beobachter und Blick geben Antwort.
von Michèle Widmer

Zum Jahrestag vom Frauenstreik haben die Vertreterinnen des Medienfrauenstreiktags 2019 ihre Forderungen an die Verlage erneuert (persoenlich.com berichtete). Sie verlangen mehr Frauen in Führungspositionen, Lohngleichheit, bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Schutz gegen Belästigungen sowie keinen Sexismus in der Berichterstattung.

Wie kommen diese Forderungen bei den Schweizer Medienhäusern an? Wo sehen die Chefredaktorinnen und Chefredaktoren Handlungsbedarf? Und welche Massnahmen haben Sie umgesetzt oder geplant? persoenlich.com hat bei verschiedenen Redaktionen nachgefragt:

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Arthur Rutishauser, Chefredaktor Tamedia Deutschschweiz

«Wir sind zwar besser als auch schon, aber der Frauenanteil beim Kader beträgt in den Redaktionen von Tamedia immer noch nur 30 Prozent. Da müssen wir klar besser werden. Bei jeder Neubesetzung von Kaderstellen ist das ein Thema. Unser Ziel ist klar: den Frauenanteil in Führungspositionen nachhaltig und markant zu steigern. Zu den anderen Forderungen: Wir legen grossen Wert auf Lohngleichheit, diese wird mittels eines fortschrittlichen Berechnungssystems kontrolliert. Ich glaube hier haben wir auch kein Problem. In Bezug auf Vereinbarkeit von Beruf und Familie bieten wir unseren Mitarbeitenden verschiedene Möglichkeiten wie etwa Pensenreduktionen, Job-Sharing, flexible Arbeitszeiten oder Homeoffice an, um sie so weit wie möglich dabei zu unterstützen, ihren Job besser mit ihrer individuellen Lebensführung, insbesondere den familiären Pflichten, zu vereinbaren. Sexuelle oder sonstige Art von Belästigung wird bei Tamedia in keinster Weise geduldet und es ist unsere Aufgabe, unsere Mitarbeitenden vor Übergriffen zu schützen. Im Übrigen haben die Tamedia-Zeitungen im vergangenen Jahr bei weiblichen Medienschaffenden eine Umfrage zum Thema gemacht und umfassend darüber berichtet. Ebenfalls haben wir uns im Rahmen eines grossen Rechercheprojekts intensiv mit dem Thema Sexismus in der Berichterstattung auseinandergesetzt.»






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Pascal Hollenstein, Publizistischer Leiter CH Media

Pascal Hollenstein geht in seiner Antwort detailliert auf alle sechs Forderungen zum Frauenstreik ein.

Die Tatsache, dass Frauen in den leitenden Positionen der CH-Media-Redaktionen untervertreten sind, habe oft individuelle Gründe, etwa wenn Frauen aufgrund ihrer Lebenssituation davon absehen würden – das täten sie tendenziell öfter als Männer –, eine Führungsposition anzustreben, sagt er. «Immerhin dünkt uns die Aussage falsch, dass bei CH Media Frauen insbesondere in den harten Ressorts zu wenig publizistische Macht hätten.» Denn die Bundeshausredaktion beispielsweise werde von zwei Frauen geleitet. Zudem werde bei der Luzerner Zeitung die Onlineredaktion von einer Frau geleitet. Und vor allem habe CH Media auch in den regionalen Ressorts Frauen auf wichtigen Positionen. «Das ist insgesamt erfreulich und die Richtung – betrachtet man die vergangenen Jahre – stimmt. Aber natürlich bleibt einiges zu tun», sagt Hollenstein. 

CH Media wird dieses Jahr eine Lohnanalyse vornehmen. «Da unsere Redaktionen zum Teil sehr kleine Einheiten sind, stellt sich bei einer internen Publikation der Ergebnisse je nach Darstellung auch immer die Frage des Datenschutzes», sagt Hollenstein. Eine Analyse der Lohnverhältnisse in der Zentralschweiz durch eine dortige Gruppe von Kolleginnen sei indes zum Schluss gekommen, dass es kaum unerklärbare Lohndifferenzen zwischen Kolleginnen und Kollegen gebe. Das Thema bleibe in den Chefredaktionen allerdings stets auf der Agenda und werde mit besonderer Aufmerksamkeit verfolgt.

Zur Forderung nach Schutz vor Belästigung sagt Hollenstein: «Ohne auf Details eintreten zu können, haben wir in der Vergangenheit gezeigt, dass wir keine Art von Belästigung dulden und gegebenenfalls entschlossen sanktionieren.»

Bei der Repräsentation von Frauen in den CH-Media-Titeln zeigt sich Hollenstein einsichtig: «Wir sind uns bewusst, dass es stark männerlastige Produkte schwieriger haben, ein weibliches Publikum zu finden. Eine statistische Auswertung zu diesem Thema nehmen wir indes nicht vor und wir haben auch kein formelles Programm hierzu lanciert.» Viel sinnvoller und nutzbringender scheine es, das Thema regelmässig an den Blattkritiken und Planungssitzungen unserer Titel aufzubringen. Dies treffe auch auf den Gebrauch sexistischer Sprache zu, so er denn vorkomme.

Zum Thema Vereinbarkeit von Familie und Beruf sagt Hollenstein: «Unsere Redaktionen sind zum Teil sehr klein, weshalb wir hier oft individuelle und massgeschneiderte Massnahmen treffen können und auch treffen.» Die Coronakrise habe hier sicherlich genutzt und gezeigt, dass Homeoffice in einigen Fällen noch stärker eingesetzt werden könne als bisher. Diese Erfahrungen werde man nutzen.

 





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Katia Murmann, Leiterin Digital der Blick-Gruppe und Chefredaktorin von Blick.ch

Katia Murmann bezieht sich in ihrer Antwort lediglich auf die Ringier-Initiative Equal Voice, welche ein bezüglich der Geschlechter ausgeglicheneres Verhältnis in der Berichterstattung zum Ziel hat. Kern der Initiative sei der Equal-Voice-Faktor; er zeigte auf, wie sichtbar Frauen und Männer auf blick.ch sind, so Murmann. «Bei jedem Online-Artikel zählt unser Data-Tool Sherlock die Anzahl Frauen und Männer in Titel, Text und Bild. Die Algorithmen und die Qualität der Daten werden regelmässig von unseren Daten-Spezialisten und der Redaktion geprüft.» Eine Projektgruppe bringe Equal Voice in die Ressorts. «Inhaltlich möchte Blick die klassischen Rollenbilder durchbrechen und setzt regelmässig Schwerpunkte, zum Beispiel zu Frauen in Tech-Berufen, Gewalt gegen Frauen oder dem Frauenstreik. Die Tagesleiterinnen und Tagesleiter achten bei der Themensetzung und Mischung bewusst auf den Frauenanteil; und auch die Journalistinnen und Journalisten achten darauf, dass, wo möglich, bei den Protagonisten und vor allem bei Expertinnen Frauen gleichwertig vertreten sind.» Die Redaktion thematisiere Equal Voice zudem an den Blattkritiken und Sitzungen. «Im Zuge der Equal-Voice-Initiative ist es auch das erklärte Ziel der Blick-Chefredaktion, dass auf allen Stufen mehr Frauen arbeiten.»

 




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Martin Vetterli, stv. Chefredaktor Beobachter

«Zurückgefragt: Wer will sich ernsthaft für weniger Frauen in Führungspositionen, für schlechtere Löhne von Frauen oder für schlechtere Vereinbarkeit von Beruf und Familie einsetzen? Das zu verhindern sollte doch eine Selbstverständlichkeit sein. Unser Job ist es, sich auf allen Ebenen und in der täglichen Arbeit damit auseinanderzusetzen. Konkret haben wir verschiedene Initiativen innerhalb der Redaktion ergriffen. Zwei Beispiele: Wir haben schon im letzten Juli vor der Lancierung der Equal-Voice-Initiative von Ringier damit begonnen, alle unsere Inhalte systematisch nach Frauen- und Männeranteilen auszuwerten, nach Autoren, nach Expertinnen – auch bei Bildern. Seit diesem Frühling haben wir zudem einen neuen Sprachleitfaden für gendergerechte Sprache, der nicht auf Verbote setzt, sondern kreative sprachliche Lösungen anbietet. Das zeigt genau unsere Stossrichtung: Wir wollen sensibilisieren, nicht predigen. Wir diskutieren, wir streiten, wir stellen uns infrage – jeden Tag. Das beginnt bei der Themensetzung, geht weiter bei der Wahl der besten Protagonistinnen und Experten und dreht sich letztlich auch um Sprache. Zudem schauen wir selbstverständlich, dass – auch im Rahmen des internen Förderungsprogramms von Ringier Axel Springer Schweiz – in Zukunft auf allen Stufen noch mehr Frauen arbeiten. Das alles geschieht nicht von einem Tag auf den anderen; das ist ein Prozess. Gerade jetzt im Lockdown zeigen sich Alltagsprobleme wie unter dem Brennglas. Frauen melden sich in Videokonferenzen tendenziell weniger häufig als viele Männer. Wir müssen schauen, dass gerade jetzt die Ruhigen auf der Redaktion – dazu gehören auch Männer – nicht verstummen.»




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Eric Gujer, Chefredaktor Neue Zürcher Zeitung, und Luzi Bernet, Chefredaktor NZZ am Sonntag

Auch die beiden Chefredaktoren von NZZ und NZZ am Sonntag gehen auf alle Forderungen ein:

«In den zurückliegenden Monaten wurden zwei Schlüsselpositionen mit Frauen besetzt.» Christiane Hanna Henkel habe den Aufbau und die Leitung des neuen Ressorts Technologie der NZZ übernommen, bei der NZZ am Sonntag sei Anja Burri neu neben Alain Zucker als Blattmacherin tätig. Dass eine Mehrheit der aktuellen NZZ-Volontariatsstellen mit Frauen besetzt ist, sei ein wichtiger Schritt, um den weiblichen journalistischen Nachwuchs zu fördern. 

Die Löhne würden bei der NZZ-Mediengruppe grundsätzlich unabhängig von Geschlecht, Alter oder Herkunft festgelegt», so die beiden Chefredaktoren. «Wir überprüfen die Lohngleichheit periodisch mit dem Lohnrechner des Bundes.» 

Bezüglich der Vereinbarkeit von Familie und Beruf hat die NZZ 2017 die Initiative «Familie im Fokus» lanciert. Sie umfasst unter anderem die Möglichkeit eines unbezahlten Urlaubs nach dem Mutterschaftsurlaub, ein zweiwöchiger Vaterschaftsurlaub sowie ein unbezahlter Erziehungsurlaub. Generell sei die NZZ-Mediengruppe nicht erst seit Corona offen gegenüber Homeoffice und flexiblem Arbeiten, sagen Gujer und Bernet. Teilzeitpensen seien für die meisten Positionen eine Option. 

Beim Thema Schutz vor Belästigung am Arbeitsplatz, verweisen die beiden auf interne und externe Anlaufstellen mit professionell geschultem Personal. 

Zum Punkt angemessener medialer Repräsentation der Frauen bringen Gujer und Bernet mehrere Beispiele an. Der Jahrestag des Frauenstreiks sei über alle Titel der NZZ hinweg breit und auf vielfältige Art und Weise begleitet und kommentiert worden. Um die Sichtbarkeit von Frauen in Wort und Bild bei den Titeln der NZZ zu erhöhen, würden systematisch und Ressort-übergreifend mehr Porträts von Frauen beziehungsweise Interviews mit Frauen realisiert. Das Ende 2019 lancierte NZZ am Sonntag Magazin habe zum Ziel gehabt, eine jüngere und weiblichere Zielgruppe anzusprechen. Die erste Leserbefragung zeige, dass das auch geglückt sei, dass die neu dazugewonnenen Abonnenten vermehrt jünger sind und weiblich, und dass das Magazin auch von den Frauen im langjährigen Abonnentenstamm intensiver genutzt werde. Zudem führe die NZZ regelmässig eine Blatt- und Online-Kritik mit profilierten Exponentinnen aus Wirtschaft, Politik und Gesellschaft durch, deren Rückmeldungen in die redaktionelle Arbeit einfliessen würden.



Zum Frauenstreik 2019 hat persoenlich.com eine Umfrage bei den Werbeagenturen gemacht. Ein Jahr später fragen wir bei ausgewählten Agenturen nach: Was hat sich  seither verändert? Die Antworten lesen Sie nächste Woche in unserem Newsletter und auf unserer Website.



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