25.03.2020

Paywall-Debatte

WOZ kritisiert grosse Verlage scharf

Während Tamedia und NZZ mit Werbeeinbruch oder Qualität argumentieren, stellt die WOZ ihre Texte zurzeit gratis ins Netz. Hätten die Medien nicht jahrelang den Markt mit Gratisprodukten unterminiert, könnten sie jetzt grosszügiger sein, sagt Co-Redaktionsleiter Kaspar Surber.
von Michèle Widmer

Sollen Medien in der Coronakrise ihre Bezahlschranken runterlassen? Dieses Thema wird in der Branche in Zeiten von hohem Informationsbedarf heftig diskutiert. So forderte unter anderem der deutsche Satiriker Jan Böhmermann auf Twitter: «Tear down the fucking paywalls now».

Am Samstag meldete sich NZZ-Newsroomchef Andreas Schürer in einem Plädoyer für Qualitätsjournalismus zu Wort. Die Zeitungen seien auf einem guten Weg, im digitalen Transformationsprozess einen entscheidenden Schritt vorwärtszukommen: «Tausende Nutzerinnen und Nutzer zeigen Kaufbereitschaft, zahlen für unabhängigen Qualitätsjournalismus.» Es wäre «ein fataler Fehler», Inhalte nun wieder gratis abzugeben.

Zwei Tage später äusserte sich Tamedia-Chefredaktor Arthur Rutishauser in einem Kommentar zum Thema. «Es geht bei allen um die Existenz», schrieb er. Die privaten Medien kämpften genauso wie der grösste Teil der Wirtschaft mit den harten Folgen des Stillstands. Aus diesem Grund liesse sich die Forderung nach Gratisartikeln leider nicht erfüllen. «Nicht in Zeiten, in denen die Werbung krisenbedingt regelrecht einbricht.»

Auch Stefan Schmid, Chefredaktor vom St. Galler Tagblatt, bläst ins selbe Horn. «Seriöse Arbeit hat einen Preis. Gute Journalisten kosten. Je besser sie sind, desto höher ihr Lohn», schrieb er in einem Meinungsbeitrag am Montag. Wer nicht mit öffentlichen Mitteln alimentiert werde, müsse das Geld auf anderem Weg hereinspielen.

Alle Texte frei verfügbar

Die linke Wochenzeitung fährt diesbezüglich eine andere Strategie. Letzte Woche hat sie darüber informiert, dass bis am 19. April alle Texte, die üblicherweise grösstenteils hinter der Paywall sind, freigeschaltet werden.

Der Argumentation der grossen Medien kann Co-Redaktionsleiter Kaspar Surber wenig abgewinnen. «Hätten sie nicht jahrelang den Markt mit Gratisprodukten unterminiert, könnten sie jetzt in der Krise auch grosszügiger sein», sagt er auf Anfrage von persoenlich.com. Erinnert sei an die unzähligen Millionen, die etwa die Familie Coninx aus dem Journalismus abgezogen habe.

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Mit der Aktion wolle die WOZ möglichst vielen Leserinnen und Lesern zuhause fundierte Informationen und Lesevergnügen bieten, sagt Surber weiter. Nicht zuletzt könne man so auch alle jene erreichen, die die Zeitung sonst im Café lesen würden.

Auch die WOZ spürt Einbussen bei den Inseraten und wird in den nächsten Wochen den Umfang der Zeitung leicht reduzieren müssen. Zur Finanzierbarkeit sagt Surber: «Wir können uns diesen Schritt nur leisten, weil uns unsere Abonnentinnen und Abonnenten in den letzten Jahren zuverlässig unterstützt haben.»

Die ersten Reaktionen auf die Aktion sind laut Surber sehr positiv. Ob die Zahl der Klicks oder auch die der Abos steigen, hätte man bis jetzt noch nicht ausgewertet.



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Kommentare

  • Jrene Shirazi, 26.03.2020 07:03 Uhr
    Ich finde die Entscheidung der WoZ super. Die Zeitlupe hat es ihr gleich getan. Alle Inhalte auf https://zeitlupe.ch sind für jeden kostenlos zugänglich. Ebenso der Zugang zur Begegnungsplattform "Treffpunkt".
  • Peter Herzog, 25.03.2020 13:43 Uhr
    „Wir sind für euch da, damit die Schweiz füreinander da sein kann.“ Das schreibt mir die swisscom heute. Wenn man die Bezahlmedien dazu auffordert, ihre Leistungen gratis zur Verfügung zu stellen, weshalb fordert man das nicht auch von den Playern, welche diese Informationen übermitteln? Gratis Artikel und Informationen fordern, aber für die Übermittlung muss ich bezahlen. Weshalb nicht gratis telefonieren in diesen Tagen, gratis Internet, damit wir - ganz swisscom - füreinander da sein können.
  • Marianne Erdin, 25.03.2020 11:52 Uhr
    Bravo an die KollegInnen der WOZ für dieses Engagement! Die WOZ ist für mich die beste Zeitung der Schweiz, nebst der kleinen Schaffhauser AZ. Beide Wochenzeitungen liefern seit Jahren Qualitätsjournalismus auf hohem Niveau. Es sind meines Wissens auch die einzigen beiden Zeitungen, die Abos dazu gewinnen. Zu Recht. Qualität gewinnt auf die Länge. Go on!
  • Victor Brunner, 25.03.2020 11:27 Uhr
    Das Problem der grossen Zeitungen, unfähige VerlegerInnen, anstelle von Kompetenz wird gemanagt, zu grosse Administration, zuviele Projekt, zuviele JournalistenInnen mit geringem Leistungspotential und eingeschränkten Wissensgebieten trotz Akademisierung, lic.phil. wie Sand am Meer. In den letzten Jahren viel Vertrauen verspielt! .
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