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Der Anwaltist

Roger Schawinski

Früher gab es den Begriff des «anwaltschaftlichen Journalismus», bei dem sich ein Journalist aus politischen Gründen für die eine Seite einer Auseinandersetzung entschied. Heute erleben diese beiden verbundenen Begriffe eine Renaissance. Doch nun geht es nicht mehr um Ideologie, sondern um Kohle. Karl Lüönd, Gewinner des Zürcher Journalistenpreises 2007, setzt die neue Duftmarke mit seinen bestellten Firmenchroniken. Wie ein Anwalt verrechnet er seinen Auftraggebern einen Stundenlohn von 300 Franken. Ebenfalls wie ein Anwalt übernimmt er ein Mandat, bei dem der Zahlmeister die letzte Entscheidung treffen kann. Und wie ein Anwalt liefert er eine Verteidigungsschrift ab. Anders ist nur, dass er in der Öffentlichkeit nicht als Parteienvertreter auftritt, sondern in die Rolle des neutralen, unbestechlichen Richters schlüpft. Und so mutiert der Journalist zum Anwaltist. Lüönds Vertuschungstaktik, mit der er sich die Glaubwürdigkeit für seine äusserst lukrative Lohnschreiberarbeit sichert, ist besonders raffiniert. So gibt er sich in vielen Medien als Säulenheiliger des reinen Journalismus, obwohl er in Wirklichkeit das trojanische Pferd für das Einschmuggeln bestellter, bezahlter und abgesegneter Firmenchroniken in Mainstreammedien ist. So etwa ist der Vorabdruck seines neusten Werks über die Ems-Chemie und die Familie Blocher ohne jeglichen Hinweis in die Weltwoche infiltriert worden. Und was meint Lüönd zu einer solchen Praktik? Er verdammt sie, aber nur theoretisch. In der jüngsten Ausgabe des Schweizer Journalist hält er unter dem fordernden Titel «Die Branche braucht ein Reinheitsgebot» Folgendes fest: «Kann man in Zukunft journalistisch aufbereitete Inhalte kaufen? Die Frage ist inzwischen als naiv zu bezeichnen. Die richtige Frage ist doch nur noch: zu welchem Preis und zu welchen Konditionen? Transparenz herrscht nicht. Jeder mischelt und mauschelt, wie er kann.» Dieser gespielte Furor ist bloss noch widerlich. Erstens gibt es tatsächlich Leute, welche die von Lüönd gegeisselten Praktiken weiterhin strikte ablehnen. Lüönd hingegen ist der landesweit erfolgreichste Übeltäter in einer Disziplin, in der er sich gleichzeitig als Chef des Wächterrats gebärdet. Einer, der tatkräftig dafür sorgt, dass «journalistisch aufbereitete Inhalte» die Medien kontaminieren. Einer, der auf Kritik mit Verunglimpfungen reagiert, etwa wenn er wissenschaftliche Arbeiten seinem Geschäftsmodell gleichstellt. Einer, der noch nie einen Bestseller geschrieben hat, aber mit jedem Buch mehr verdient als alle Schweizer Schriftsteller, vielleicht mit Ausnahme von Martin Suter. Einer, der sich als Buchautor bezeichnet, der aber gar nicht am Erfolg seines Werks interessiert ist, weil er nicht durch die Abverkäufe kassiert, sondern allein durch die im Voraus vereinbarten Zahlungen seiner Auftraggeber. Bei seiner Vorgehensweise hat der ehemals scharfe Boulevard-Journalist all seine früheren Erkenntnisse ausser Kraft gesetzt, denn die würden beim Absingen seiner Messen nur stören. So befragte er bei den Recherchen zu seinem Ringier-Buch bewusst keine der besten Quellen – nämlich all die unter Misstönen ausgeschiedenen langjährigen Mitarbeiter, die besonders gern und kompetent über die wahren Themen und Probleme des Verlags geplaudert hätten. Gleiches gilt für sein Blocher-Buch, und dort besonders auffällig bei der oberflächlichen Darstellung der Übernahme der Ems-Chemie durch den Firmeninsider Blocher in seiner fragwürdigen Doppelrolle als Verkäufer und Käufer. Und so ist Lüönd durch seine als «Sachbücher» kaschierten PR-Schriften aktiv an der Verfälschung der Schweizer Wirtschaftsgeschichte beteiligt. Irgendwann werden seine Widersprüche allzu gross sein. Dann wird er wohl keine «Reinheitsgebote» mehr einfordern. Dann wird er sie nur noch verletzen.
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