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Eine virtuelle Enttäuschung

Fibo Deutsch

Das Mekka der Medien – die Medientage München. Jetzt, in diesen Tagen finden sie statt – und keiner geht hin. Corona vertreibt sie alle – Tausende von Medienschaffenden, Ausstellern und Werbeleuten – in die digitale Welt. Die 34. Medientage München präsentieren zwar auch dieses Jahr 200 Conference-Sessions und 350 Speakers – alle jedoch virtuell über den Bildschirm.

Ich habe mir für 99 Euro ein Ticket besorgt. Und wie war’s? Ein Jammer. Jedes Jahr starteten die Medientage mit der Eröffnungs-Gipfelkonferenz als Spektakel, ein verbaler Schlagaustausch von prominenten Medienanbietern, letztes Jahr aus der Schweiz mit Marc Walder. Diese Woche, ohne jeden Glanz, mühte sich ZDF-Moderatorin Dunja Hayali durch die Ansage von einzelnen Referaten. Kein Hauch von Begeisterung. Wie wuselte es doch in den vergangenen Jahren in diesen Oktobertagen durch die Hallen des Messegeländes auf dem ehemaligen Flughafen München Riem: Get-together mit bekannten und unbekannten Kollegen, da hielt RTL-Ikone Helmut Thoma Hof beim Stehbuffet, da konnte man auf neutralem Boden Interna mit den Abgesandten des Bakom beim Kaffee austauschen, sah sich die neusten Trends und Technologien an den Messeständen an. 

Heute klickte ich mich erwartungsvoll in ein Panel zum Thema Streaming-Dienste ein. Neben dem Moderator war nur ein Teilnehmer persönlich anwesend, drei über Bildschirme zugeschaltet, die Aussagen eher banal, zum Teil mit Tonstörung. Europa-Chef Kai Finke von Markt-Renner Netflix erklärte, Corona hätte seinen Programmen grosse Zuwächse beschert. Wer hätte das gedacht?



Hans Jürg (Fibo) Deutsch arbeitet seit 1960 für Ringier und hatte die verschiedensten Funktionen, unter anderem Chefredaktor der Schweizer Illustrierten. Im Alter von zwölf Monaten ist er an Polio erkrankt und seither an den Rollstuhl gebunden.

Unsere Kolumnisten vertreten ihre eigene Meinung. Sie deckt sich nicht in jedem Fall mit derjenigen der Redaktion.

 

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Kommentare

  • Tek Berhe, 29.10.2020 07:41 Uhr
    Ich vermisse die Bieler Kommunikationstage Comdays. Die Stimmung und der Austausch sind unbergessen...
  • Thomas Rueegg, 28.10.2020 12:55 Uhr
    Lieber Fibo Deutsch. Sie sind ein alter Hase im TV-/Medienbereich und sie wissen, dass in diesem Medium alles gut vorbereitet werden muss. Sie wissen auch, dass Live-Schaltungen in der Vergangenheit mehr Vorbereitung und Know-how gefordert haben, als wenn alle Gäste im Studio unter kontrollierten Bedingungen arbeiten konnten. Nun übergibt man alle Verantwortung an die Person, die am Computer sitzt und Zoom benutzt. Anstatt professioneller Technik wird eine eingebaute Kamera verwendet (Wert 5 Franken), Licht ist Glücksache, Ton kommt über ein Headset (mit viel Glück), welches ein Billigst-Mikrofon enthält, usw. Dann wird das alles über eine Internetleitung gedrückt, die kurz vor dem Kollaps steht, weil die ganze Familie im Hintergrund surft, Netflix schaut und ein Online-Game spielt. Es gäbe Technik, Menschen die was davon verstehen, Produzenten, die darauf drängen, dass man die "Schalte" vorbereitet und es gibt auch Redakteure, die auch in Zoom-Zeiten ein Gespräch vorbereiten können. Von diesen gibt es viel zu wenige, weil man sie nicht ausgebildet hat und sie kosten, wenn sie was können, mehr als das, was man für eine Notlösung bereit ist, zu zahlen. Vielleicht wäre weniger mehr und das wieder auf einem Niveau, dass auch sie gerne anschauen würden.
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