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Frühstücks-TV bedrängt Pendlerzeitung

Christian Beck

Dass es Ringier mit dem digitalen Fernsehprojekt Blick TV ernst meint, dürfte spätestens jetzt klar sein, wo die Stelleninserate aufgeschaltet sind. Gesucht werden für «eines der grössten Projekte der Blick-Gruppe» Live-Regisseure, Live-Redaktoren und Live-Reporter. Blick TV startet nicht als unterdotiertes Hobbyfernsehen, sondern stellt sich stark auf: 48 Vollzeitstellen soll der Sender haben – das sind 4800 Stellenprozente (persoenlich.com berichtete). Und Blick TV wird eine Nische besetzen, die momentan noch leer ist. Diese Rechnung könnte aufgehen.

Aber zuerst zu den Zahlen: Der grösste Teil der 48 Vollzeitstellen entfällt auf den Journalismus und nicht auf den technischen Betrieb. Wie Chefredaktor Jonas Projer auf Anfrage erklärt, sind nur gerade sechs Vollzeitstellen für Technik und Regie vorgesehen. In den zwei geplanten Studios braucht es keine Kamerafrauen und Kameramänner. Automatisierte Kameras nehmen ihnen den Job ab. Wie das geht, machen die «Tagesschau» oder «10vor10» schon länger vor.

«Videojournalisten sind eierlegende Wollmilchsäue»

Stolze 42 Vollzeitstellen bei Blick TV gehen auf das Konto der Redaktion – sprich Moderatoren, Redaktoren und Videojournalisten. Zum Vergleich: Der grösste Schweizer Regionalsender TeleZüri zählt circa 50 redaktionelle Mitarbeiter – viele davon arbeiten Teilzeit. Und gut möglich, dass einige davon nun den Arbeitgeber wechseln werden. Erstens wird Blick TV gut ausgebildete Leute brauchen, die nicht nur die journalistischen Darstellungsformen beherrschen, sondern auch noch filmen und schneiden können und zudem eine einigermassen gute Stimme haben. Videojournalisten sind eierlegende Wollmilchsäue – und die rekrutiert die Blick-Gruppe mit Sicherheit nicht bei einer Lokalzeitung, sondern bei TeleZüri, TeleBärn, Tele Top, Tele Südostschweiz und den vielen weiteren Klein- und Kleinstsendern. Vielleicht sogar bei SRF. Zweitens dürfte Blick TV auch ein attraktiver Arbeitgeber sein: Der Start-up-Groove, die besseren Entwicklungsperspektiven und womöglich auch ein höheres Gehalt könnten so manchen gestandenen VJ an die Zürcher Dufourstrasse locken.

Das Herz von Ringier-CEO Marc Walder macht Luftsprünge, wenn er über Blick TV erzählt. «Ich bin mir bewusst, dass dieses Projekt in der Schweiz ein besonderes Interesse weckt. Es ist spektakulär, vor allem auch, weil nun auch CNN involviert ist», sagte er mir im April. Blick TV hat nicht nur die Rückendeckung des Chefs, sondern könnte tatsächlich einem Bedürfnis entsprechen. Wenn irgendwo auf der Welt – auch in der Schweiz – etwas passiert, wird Blick TV die bewegten Bilder zeigen. Schnell. Davon ist auszugehen. Dank der Reichweite von blick.ch wird das «erste digitale TV der Schweiz» viele Zuschauer erreichen – lässt sich möglicherweise sogar mit Werbung refinanzieren. Ist Blick TV gut gemacht, werden diese Zuschauer wiederkommen.

Auf dem Blick-TV-Player, den es ab 2020 prominent auf blick.ch oder über die App geben wird, wird nicht nur eine Stundenschlaufe ausgespielt, wie dies bei den Regional-TV-Sendern üblich ist. Man wird nicht bis zum Abend auf Bewegtbild-Nachrichten warten müssen. Nicht mal bis zum Mittag, wenn die «Tagesschau» auf SRF zum ersten Mal informiert. «Du bist bereit in einem Schichtbetrieb zu arbeiten, und dabei ist es dir möglich, Einsätze ab 5 Uhr wahrzunehmen», heisst es im Jobprofil. Will heissen: Blick TV wird schon frühmorgens mit einer Nachrichtensendung aufwarten. Und das könnte nun die eigentliche Stärke sein.

«Stündlich wiederholt, wie schon seit 1994»

Frühstücksfernsehen – mit News – ist in Deutschland längst etabliert. In der Schweiz gibt es das nicht. Oder nicht mehr. Die Online-Video-Unit von TeleZüri, Tele M1 und TeleBärn lancierte 2018 das Online-News-Format «99 Sekunden». Jeweils um 7.30 Uhr war das Kurzformat auf den Webseiten verfügbar – mit den «besten Bildern und wichtigsten News der Nacht». «99 Sekunden» verschwand still und leise wieder. Die Ressourcen werden mittlerweile wieder anders eingesetzt. Zwischen 18 und 19 Uhr, stündlich wiederholt, wie schon seit 1994. Nur selten gibt es Sondersendungen schon tagsüber. Genau diese Nische am Morgen kann Blick TV besetzen. Die personellen und finanziellen Mittel sind vorhanden.

So könnten sich sogar mit der Zeit die Gewohnheiten der Pendler verändern. Vielleicht bleibt künftig «20 Minuten» in der Box liegen, weil Bewegtbild-Nachrichten auf dem Smartphone einfacher und schneller zu konsumieren sind. Es werden sich also nicht nur die etablierten TV-Sender warm anziehen müssen, wenn Blick TV 2020 auf Sendung geht.



Christian Beck ist Redaktor bei persoenlich.com. 

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