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Irgendwie Nazi

Stefan Millius

Ein Investigativmedium ist «Watson» ja nun nicht gerade. Es praktiziert eher die Methode des Altmetall-Vergoldens: Alles, was rumliegt, wird im Idealfall eingeschweizert und dann noch ein bisschen mit vielen Worten und noch mehr GIFs veredelt.

Auch Trump ist Altmetall. Über ihn wurde so viel geschrieben, dass die medialen Recyclingstellen dieser Welt überfüllt sind. Deshalb muss «Watson» hier ein bisschen mehr Gold drauf klatschen, damit es noch jemand liest.

Kürzlich tat «Watson» genau das, als es dem US-Präsidenten Trump vorwarf, immer faschistischer zu agieren. Das ist verständlich. Weil über den guten Mann wirklich schon alles gesagt wurde, ist das die letzte mögliche Steigerungsform. Und «Watson» steigert gerne.

Autor Philipp Löpfe tut das unter dem Titel «Sorry, aber wir müssen wieder über Trump und Faschismus reden». Das Sorry kauft ihm natürlich niemand ab, ganz offensichtlich will er das unbedingt tun, und wir erinnern uns auch nicht, ihn darum gebeten zu haben. Dann folgt ein Text, in dem Trump – das ist sehr, sehr originell – Lügen unterstellt werden. Und das Ganze gipfelt in der These, dass der amerikanische Präsident immer öfter zu Methoden greife, die im Faschismus gang und gäbe waren.

Das ist natürlich beunruhigend. Aber noch viel beunruhigender sind die Methoden des Mediums.

Denn was macht der Autor selbst? Er setzt, vermutlich, weil er einfach musste, sorry! – ein Bild von Hitler in den Text, der durch Massen von Bewunderern kutschiert wird. Wunderbar, der Zusammenhang mit Hitler wäre also hergestellt. Wir haben zwar keine Ahnung, was das Bild hier verloren hat, es wird auch nicht erklärt, aber die Wirkung erfüllt es. Denn das Bild wird schon seinen Sinn haben, also gilt: Trump ist Hitler und umgekehrt, irgendwie.

Dann die superintellektuelle Begründung der These: Trump spreche stets von dem Thema, das seine Fans fesselt, nämlich von der Mauer, «the wall». Genau das habe Hitler auch getan, einfach mit dem Begriff «Juden».

Verblüffende Parallele. Zwei Politiker, die beide ein Thema, das gut ankommt, fleissig bespielen. Das gibt es sonst ja kaum. Wobei, Moment. Wenn nächstes Mal ein SP-Nationalrat von der AHV, eine Feministin von der Gleichstellung von Frau und Mann und ein FDP-Politiker von der Wirtschaft spricht, dann wittern wir diese Parallelen sofort auch. Nazis, allesamt!

Und nun kommt doch noch das investigative Element. «Watson» hat Schwein, dass der Autor des Beitrags offenbar als Stubenfliege in Trumps Oval Office sitzt und alles mithört. «Von den Faschisten hat Trump auch gelernt, dass er die Partei in eine Bewegung verwandeln muss, die ihm hörig ist.»

Hat er? Von den Faschisten gelernt? Tatsache? Also, in Büchern nachgelesen und einstudiert, und jetzt kopiert er es? Echt? Er findet es nicht allenfalls einfach praktisch für die Wiederwahl, wenn er seine Partei hinter sich weiss? Nein, das wäre zu einfach. Er muss das direkt von Hitler abgeschaut haben. Also: Nazi!

Fassen wir zusammen. Gezielt eingesetztes Bildmaterial, das nicht im direkten Zusammenhang steht mit dem Inhalt des Beschriebenen. Haltlose Vorwürfe, mit denen der Gegner diskreditiert wird. Unterstellungen, gegen die man sich nicht wehren kann, weil sich das Gegenteil nicht beweisen lässt. Das alles macht «Watson» hier gerade. Und wo könnte das Medium das gelernt haben? Wer hat sonst solche Stilmittel eingesetzt? In welchem Regime waren das übliche Instrumente, um Gegner zu bekämpfen?

Genau.

Falls Trump wirklich ein Nazi ist, dann ein sehr erfolgreicher. Denn er macht alle anderen auch zu Nazis. Sogar seine Gegner.



Stefan Millius ist geschäftsführender Partner der Kommunikationsagentur Insomnia GmbH und der Ostschweizer Medien GmbH in St. Gallen.

Unsere Kolumnisten vertreten ihre eigene Meinung. Sie deckt sich nicht in jedem Fall mit derjenigen der Redaktion.

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