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Kreative gegen Teufel

Inken Rohweder von Trotha

Ist es nun gut, Notre Dame zu betrauern und vielleicht überhaupt nicht gut genug, anderswo leidenden Kindern einen Post auf Facebook zu widmen? Wie geht es eigentlich den französischen Milliardären und Ölkonzernen nach ihren Spendenzusagen zum Wiederaufbau? Für Giebelarbeiten statt für den Kampf gegen menschliches Leid die Portokasse anzuzapfen, muss eine schwierige Entscheidung gewesen sein. Angesichts des Vermögens der katholischen Kirche auch irgendwie eine dämliche.

Die könnte Notre Dame nächste Woche auf dem Mond wieder aufbauen lassen und würde noch Geld überhaben, um weltweit Malaria auszurotten und Jeff Bezos wie Rumpelstilzchen aussehen zu lassen. Ein deutlich ärmerer Mann als Jeff sagte vor langer Zeit „Ihr könnt nicht beiden dienen – Gott und dem Mammon.“ Aber darüber liest man nichts auf der Facebookseite des Vatikans. Dort sieht man Greta Thunberg beim Papst. Der überlegt sich nach dem Treffen, ob er nun mit dem ganzen Baumaterial die Rakete boarden soll, oder ob das dem Ansehen der Kirche schaden könnte angesichts medialer Fokussierung auf drohende Klimakatastrophe. Und überhaupt, noch eine Baustelle mehr verträgt der Laden wohlmöglich nicht.

Zurück zu den Milliardären und anderen Menschen wie du und ich: Nach Paris fliegen oder Bahn fahren? Zweite Klasse. Dann ist der Fussabdruck kleiner. Nur der heilige Geist ist klimafreundlicher unterwegs! CO2 Emissionen ansonsten monetär kompensieren? Da hat die Kirche wohl schon wieder ihre Finger im Spiel, denn das erinnert irgendwie an Ablasshandel ... allerdings käme der Zahler damit heutzutage öfter mal in den Himmel.

Mon dieu! Egal, um was es auch geht, es sind alles komplexe Geschichten. Aber ob Bibelstory oder Klimapolitikstory: Facebook hat sich gerade die Kanzel geschnappt. Das heisst, es gibt noch nicht einmal einen Mindest-Konsens beim Story-Telling (du darfst nicht stehlen, töten, fremdgehen oder so), sondern jeder predigt einfach irgendwas und erreicht damit auch noch so viele Menschen, wie niemals zuvor.

Wie problematisch das ist, ruft uns Sri Lanka ins Kurzzeitgedächtnis. Das Land möchte verhindern, dass eine Massenbeeinflussung stattfindet, die wohlmöglich zu weiteren Terror-Attacken führt und hat die Plattform erst mal abgeschaltet. Dass Facebook dafür genutzt wurde, Brexit bis Genozid Wirklichkeit werden zu lassen, wird immer deutlicher. Derweil lässt man von Bundeshaus bis Reichstag E-Mails noch von der Sekretärin ausdrucken und seine Schäfchen allein „in the digital age“. Na, halleluja.

Und jetzt kommen wir. Irgendjemand muss sich ja mal neue, bessere Geschichten ausdenken. Zudem kennen wir uns nicht nur mit Story-Ideen aus, sondern suchen immer wieder nach dem „Purpose“ in unseren Jobs. Kaum ein Werber, den nicht irgendwann die Sinnkrise befällt und der nicht ab und zu von einem Job bei Greenpeace träumt. Dies, Leute, ist also unsere Chance! Lasst uns unermüdlich daran denken, wenn wir das nächste Mal ein Briefing erhalten. Egal wie klein das Projekt oder wie übermächtig der Kunde.

So werden wir wohlmöglich zu «accidental ethicists» wie es der US Chief Strategy Officer von RGA anlässlich eines Seminars über «Leading Ethics in Creative Leadership» in den NY Headquarters treffend beschreibt. Unsere Verantwortung gegenüber der Welt wächst im gleichen Masse wie sich unser playing field vergrössert hat. Auch wenn es immer noch Tramhänger gibt (jö!), haben unsere Botschaften dank Social Media allenfalls die Reichweite von Erlenbach bis Kyoto.

Als wir noch von Superbowlspots und Löwenstatuetten träumten, haben wir nicht damit gerechnet, dass wir irgendwann einmal wirklich etwas ausrichten müssten, dass der Menschheit zu mehr, als mehr coolen Turnschuhen verhelfen könnte. Soweit, so nicht zu Ende gedacht. Es geht sicher immer noch darum, mehr Turnschuhe zu verkaufen, mehr Autos, mehr Cervelat – vielleicht aber gibt es jetzt zügig Ideen, die zu einem verantwortungsvollen Konsum führen, zu weniger Verschwendung, zu besseren Produktionsbedingungen? Die Welt braucht es und wir können es – möglicherweise – beeinflussen.

Das «Fearless Girl» ist zum Beispiel eine Idee, die geholfen hat, um weltweit längst überfällige Debatten zum Thema Gleichberechtigung anzustossen. Übrigens unabhängig von der Tatsache, dass der Auftraggeber diesbezüglich noch Einiges aufzuholen hat. Die Verlockung, «das Richtige» zu behaupten, ohne «das Richtige» zu tun, ist eben nicht kleiner geworden. Und leider auch nicht die Möglichkeit «das Falsche» zu promoten oder Facebook als digitalen Waffenhändler einzuspannen, um Wahlergebnisse zu fälschen.

Den Teufeln von heute müssen Kreative entgegentreten! Das könnte eine gute Geschichte werden ...

Wer sich intensiv mit dem Thema «Ethics in Creative Leadership and Communication in Creative Businesses» beschäftigen möchte, der sollte sich zusätzlich zum daran denken im daily business unbedingt hier bewerben.


Inken Rohweder ist selbstständig als Art & Creative Director. Sie hat das Michael & Helga Conrad Scholarship for Creative Leadership an der Berlin School gewonnen.

Die Autorin vertritt ihre eigene Meinung. Sie deckt sich nicht in jedem Fall mit derjenigen der Redaktion.


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