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Medien haben kein Recht auf Schweigen

Regula Stämpfli

Wer meint, Trump-Tweets, Empörung, Skandale und Hass zu verbreiten, sei Journalismus oder gar das Recht auf Meinungsäusserungsfreiheit, irrt. Qualitätsjournalismus lässt sich dadurch definieren, dass Leute zur Demokratie befähigt werden. Dies heisst, dass einige Informationen wirklich relevanter sind als andere. Hongkong und Istanbul beweisen dies grad in diesen Tagen: Hier haben narzisstische Obsessionen irgendwelcher Blabla-Journis weder im Netz noch auf Papier Platz.

«Susamam – ich kann nicht schweigen» vereint 18 türkische Rapper, die demokratische Lyrics in der autokratischen Türkei massentauglich machen: «Wenn sie Dich eines Nachts ins Gefängnis werfen, ohne Grund, dann wirst Du keinen Journalisten finden, der das berichtet, sie sind alle eingesperrt.» 17 Millionen Klicks verzeichnet das Video, das der Demokratie Stimmen verleiht, die normalerweise von Erdogan mit Gefängnis und Folter verfolgt werden. 17 Millionen Klicks bedeuten aber auch, dass beispielsweise die «Süddeutsche Zeitung» wieder und wieder über das Ermächtigungsregime Erdogans berichtet und so die Bundesregierung Deutschland öffentlich unter Druck setzt, gegenüber der Türkei doch mehr Druck zu zeigen.

Autokraten hassen schlechte Images. Dies vielleicht sogar noch mehr als Demonstrationen für die Demokratie, denn Menschen kann man niederknüppeln, schlechte Bilder indessen bleiben. Hier bleibt die Macht der Medien, soziale, analoge und klassische, fast ungebrochen.

So haben Bilder und Worte immer das Potenzial, selbst Diktatoren zu stürzen: Auch Joshua Wong, der Freiheitskämpfer in Hongkong, will «niemals schweigen» und blamiert das Regime in Peking nachhaltig. Wie David gegen Goliath verteidigen Wong in Hongkong und die «Susamam»-Rapper in der Türkei, demokratische Freiheiten zuhause und für die Welt. Deshalb dürfen auch die westlichen Medien niemals schweigen. Je öfters nämlich über die Machtergreifung Erdogans berichtet und je stärker Xi Jinping in der demokratischen Presse kritisch begleitet wird, umso schwerer fällt es Merkel, Macron und Parmelin, mit diesen Ländern Demokratieausverkauf als «Business as usual» zu propagieren.

So sieht übrigens echter Qualitätsjournalismus aus: Er befähigt zur demokratischen Willensbildung. Statt den Mainstream der Widerwärtigkeiten durch Empörungs-Tweets zu pflegen, sollen diejenigen zu Wort kommen, die nie mehr schweigen werden. Dies sind die wahrhaft demokratischen Stimmen und das Gegenteil institutioneller, algorithmischer und instrumenteller Twitter- wie Regierungsmacht, die nur nach dem Bösen der Banalität schielen. Denn Demokratien werden nicht durch marktübliche Meinungen, sondern durch Gegenöffentlichkeiten, dem Beharren auf den Rechtsstaat und die Unterstützung kritischer Meinungsfreiheit weltweit, gerettet.

Schön, dass in der Türkei und in Hongkong das Wagnis der Öffentlichkeit, des Wahrsprechens und der Demokratie so realistisch sind, dass sie das Potenzial haben, die ganze Welt zu verändern.



Regula Stämpfli ist Historikerin, Politikwissenschaftlerin und Medienexpertin.

Unsere Kolumnisten vertreten ihre eigene Meinung. Sie deckt sich nicht in jedem Fall mit derjenigen der Redaktion.

 

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Kommentare

  • Robert Penzinger, 13.09.2019 09:02 Uhr
    "Qualitätsjournalismus lässt sich dadurch definieren, dass Leute zur Demokratie befähigt werden." Wie definiert sich Regula Stämpflis "Journalismus"?
  • Marianne Erdin, 13.09.2019 10:07 Uhr
    Ich hatte in meiner Deutschklasse (Flüchtlinge und Asylbewerber) ein junges, türkisches Ehepaar. Beide mit guten beruflichen Positionen in der Türkei. Eines Tages, so berichtete der Mann, sei er grundlos eingesperrt worden. Nach einiger Zeit dann wieder aus dem Gefängnis entlassen worden. Danach verliess das Ehepaar die Türkei und suchte in der Schweiz um Asyl nach.Beide leben heute in einer engen Wohnung ohne Rückzugsmöglichkeiten, zusammen mit anderen Asylbewerbern.

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